Freiheit wächst auf verbrannter Erde: „Wilhelm Tell“ in Hildesheim
Drei kahle Bäume, als habe ein Feuer ihnen das Leben ausgetrieben. Eine offene Bühne, die keinen Schutz verspricht. Dazu ein monumentales Bauwerk, das den Raum beherrscht: In Hildesheim beginnt die Schweiz fernab jeder Postkartenidylle. Für Gioachino Rossinis „Wilhelm Tell“ (Libretto: Étienne de Jouy und Hippolyte Bis) am Theater für Niedersachsen (TfN) ist das ein überzeugender Ausgangspunkt. Wo Menschen unter einer Gewaltherrschaft leben, bekommt selbst die Landschaft etwas Versehrtes. Regisseurin Isabel Ostermann nimmt diesen Zustand ernst. Ihre stringente Inszenierung betrachtet den berühmten Freiheitskämpfer als Menschen in einem Geflecht aus familiärer Verantwortung, politischer Unterdrückung und wachsendem Widerstand.
Mit dem Werk setzt das TfN einen anspruchsvollen Schwerpunkt: Rossinis Oper bildet gemeinsam mit Friedrich Schillers gleichnamigem Schauspiel und dem Musical „Tell“ eine Trilogie innerhalb dieser Spielzeit. Alle drei Produktionen nutzen das Bühnenbild von Lars Linnhoff. Dadurch entsteht über die Spartengrenzen hinweg ein gemeinsamer Erfahrungsraum, in dem sich unterschiedliche Erzählweisen desselben Stoffes begegnen. Die Oper erkundet dabei besonders eindringlich das Spannungsverhältnis zwischen privatem Glück und öffentlicher Verpflichtung.
Linnhoffs Ausstattung schafft dafür einen ebenso kargen wie deutungsoffenen Schauplatz. Die schwarze Leere gibt den Figuren wenig Halt und lenkt den Blick auf ihre Beziehungen. Drei dürre Baumgestalten genügen, um einen Außenraum anzudeuten, der jede Alpenromantik verbietet. So besitzt das abstrakte Arrangement eine konkrete, beinahe naturalistische Härte. Es zeigt eine beschädigte Welt, ohne sie mit dekorativen Landschaftsbildern auszumalen.
Im Zentrum steht das monumentale Bauwerk. Wenn Flugblätter seine Flächen bedecken, wird der Raum zum Träger öffentlicher Auseinandersetzung: Widerstand bekommt eine sichtbare Sprache. Später dient dieselbe Konstruktion als Boot. Dieser Funktionswechsel gehört zu den einleuchtenden Lösungen des Abends, weil er aus einem beherrschenden Körper einen Ort der Bewegung und Gefahr macht. Das Bühnenbild bleibt wandelbar, ohne seine herbe Grundstimmung preiszugeben. Gerade für einen Stoff, dessen vertraute Motive leicht den Blick auf seine Zumutungen verstellen, ist diese Zurückhaltung produktiv. Die Kostüme von Moritz Haakh ergänzen die Ausstattung perfekt .
Isabel Ostermanns Stärke liegt in der Personenführung. Sie entwickelt die Konflikte aus den Beziehungen, statt die Figuren zu bloßen Stellvertretern politischer Positionen zu machen. Damit gewinnt auch der Gegensatz zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und der Notwendigkeit des Handelns an Gewicht. Tell muss Vater bleiben, während die Herrschaft ihn zum Werkzeug einer öffentlichen Demütigung macht. Arnold steht zwischen seiner Liebe zu Mathilde und der Bindung an die Unterdrückten. Für Mathilde wiederum bedeutet die Zuneigung zu ihm eine Herausforderung der gesellschaftlichen Ordnung, der sie selbst angehört. Die Regie hält diese Spannungen zusammen und gibt der weit verzweigten Handlung eine klare Richtung.
Eddie Mofokeng übernimmt mit wohltönender Stimme die Titelpartie, deren dramatisches Zentrum gerade in diesem Widerstreit liegt. Rossini schreibt Tell als Bariton und verankert ihn damit auch klanglich anders als den tenoralen Liebeshelden Arnold. Für die Gestaltung ist entscheidend, dass hinter dem späteren Befreier der gefährdete Vater sichtbar bleibt. Ostermanns Zugriff schafft dafür eine tragfähige Grundlage: Der politische Entschluss wächst aus einer Lage, in der Zurückhaltung keinen verlässlichen Schutz mehr bietet.

Besonders zugespitzt erscheint das im Apfelschuss, der optisch genial gelöst wurde. Der weithin bekannte Vorgang besitzt eine Brutalität, die durch seine Vertrautheit leicht unterschätzt wird. Gesler zwingt einen Vater, das Leben seines Kindes aufs Spiel zu setzen, und stellt damit seine Macht über beide aus. Juline Florentino als Jemmy gehört folglich ins Zentrum dieser Szene. Der Sohn verkörpert die Verletzlichkeit, auf die der Gewaltherrscher zielt.
Mit Hedwige führt Neele Kramer die familiäre Perspektive weiter. In ihrer Rolle wird deutlich, welche Folgen der Aufstand für die Menschen hat, deren Angehörige sich exponieren. Angst, Fürsorge und Zusammenhalt gehören zur Geschichte der Befreiung ebenso wie Mut und Entschlossenheit. Dadurch bewahrt die Oper den privaten Preis des politischen Handelns im Blick.
Leilei Xie steht als Arnold vor einer der anspruchsvollsten Tenorpartien Rossinis. Ihre hohe Lage, die langen Bögen und die Verbindung von lyrischer Geschmeidigkeit mit dramatischer Energie verlangen erhebliches stimmliches wie gestalterisches Vermögen. Zugleich muss die Figur einen glaubhaften Weg vom Liebenden zum entschlossenen Mitstreiter finden. Arnold trägt damit einen wesentlichen Teil der musikalischen und psychologischen Spannung des Werkes, was Xie hervorragend gelingt.
Gabrielė Jocaitė übernimmt Mathilde und stattet sie mit strahlendem Sopran aus. Rossini räumt ihr lyrische Entfaltung ein, ohne ihre Herkunft aus dem Machtbereich der Habsburger bedeutungslos werden zu lassen. Die Beziehung zu Arnold führt mitten durch die politischen Fronten. Die gute Personenregie macht diese Konstellation als Konflikt zweier Menschen lesbar, deren Nähe von den Verhältnissen bedroht wird.
Auf der Gegenseite steht Andrey Andreychik als Gesler. Die Funktion des Landvogts besteht darin, Unterwerfung öffentlich zu erzwingen, was Andreychik exzellent umsetzt. Julian Rohdes Rodolphe gehört zum Personal des Herrschaftsapparats, während Tobias Hieronimi mit Melcthal und Walter Furst zwei Rollen aufseiten der Eidgenossen und damit unterschiedliche Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft übernimmt. Der Abend gewinnt seine Konturen aus diesem Gefüge ebenso wie aus den großen solistischen Partien.
Achim Falkenhausen verantwortet sowohl die Leitung des Orchesters als auch den Chor. Bei „Wilhelm Tell“ hängen diese Aufgaben besonders eng zusammen. Rossinis Massenszenen verlangen einen Dirigenten, der ihre Architektur mit den individuellen Stimmen verbindet und zwischen erzählerischer Bewegung, kantabler Ruhe und dramatischer Steigerung vermittelt. Für die TfN-Philharmonie bietet bereits die berühmte Ouvertüre ein weites Ausdrucksspektrum: vom dunklen Streicherbeginn über das Unwetter und die pastorale Bläserszene bis zum vorwärtsdrängenden Schluss. Im weiteren Verlauf muss das Orchester diese Farbigkeit in den Dienst einer Handlung stellen, deren Spannung häufig innerhalb großer musikalischer Bögen entsteht.
Opernchor und Extrachor besitzen dabei eine tragende dramatische Aufgabe. In ihren Stimmen formiert sich die Bevölkerung als handelnde Kraft. Sie geben der Unterdrückung eine gemeinschaftliche Dimension und machen aus einzelnen Entscheidungen eine Bewegung.
Die Hildesheimer Inszenierung findet für den schwierigen Stoff eine schlüssige Form. Ihre karge Bildsprache öffnet Platz für die Menschen, ihre Konflikte und die Zumutungen der Herrschaft. Das gemeinsame Bühnenbild der Trilogie verspricht zudem einen reizvollen Vergleich: Wie verändert sich der Blick auf Tell, wenn Schauspiel, Oper und Musical denselben Raum besetzen? Rossinis Fassung setzt in diesem Projekt einen gewichtigen Akzent. Zwischen den Baumgerippen wird Freiheit zur Aufgabe einer Gemeinschaft, deren Mitglieder viel zu verlieren haben.
Text: Dominik Lapp