„The Toxic Avenger“ (Foto: Falk von Traubenberg)
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Trash mit Botschaft: „The Toxic Avenger“ in Hildesheim

Nach „Spamalot“ zeigt das Theater für Niedersachsen (TfN) in Hildesheim mit „The Toxic Avenger“ bereits seine zweite Musical-Premiere innerhalb einer Woche – und wieder kann viel gelacht werden, denn das 2008 uraufgeführte Stück, das nun in Hildesheim seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte, erweist sich als der Inbegriff von Trash. So viel Trash hat es in Hildesheim wohl seit „Rocky over the Rainbow“ nicht mehr gegeben.

Basierend auf dem gleichnamigen Low-Budget-Film aus dem Jahr 1984 von Lloyd Kaufman, ist „The Toxic Avenger“ auch auf der Musicalbühne ein billiger Trash-Spaß – mitreißend besonders durch die rockige Musik von David Bryan, der zusammen mit Joe DiPietro die Gesangstexte schrieb. Wie schon der Film, zeigt auch das Musical eine schlechte Seite Amerikas: eine korrupte Politikerin, geistig unterbelichtete Muskelmänner und die sorglose Zerstörung der Umwelt. Im Mittelpunkt steht dabei der schüchterne Melvin, der sich in den Rächer der Verstrahlten, den Toxic Avenger – genannt: Toxie – verwandelt, nachdem er radioaktiv verstrahlt wurde.

Das klingt nicht nur trashig, das ist trashig! Aber trotz dieses ganzen Trashs, legt Regisseur Oliver Pauli in seiner Inszenierung den Fokus auf den Umweltaspekt, den Kampf um Gerechtigkeit und darauf, wie wichtig der Umgang mit dem Anderssein in unserer Gesellschaft ist. Trash mit Botschaft also. Die Bildsprache seiner Inszenierung hat Pauli an der Ästhetik von Superhelden-Comics angelehnt, was bei der Avenger-Thematik ganz hervorragend passt und funktioniert. Diese Comic-Eigenschaft wird durch völlig überzeichnete Charaktere transportiert und durch die entsprechenden Kostüme und das Bühnenbild von Sebastian Ellrich unterstützt, dessen fiktive Stadt Traumaville auch die herausgerissene Seite aus einem Comicheft sein könnte.

Wie viele andere seiner Kolleginnen und Kollegen, stand auch Oliver Pauli vor der Herausforderung, die Coronaregeln in seine Inszenierung einfließen zu lassen. Doch im Fall von „The Toxic Avenger“ stellt sich das geradezu als Glück heraus, weil die ohnehin schon trashige Show so noch trashiger wirkt – zum Beispiel, wenn sich Hauptdarstellerin und Hauptdarsteller nur durch eine Plexiglas-Seifenblase oder durch Frischhaltefolie hindurch küssen dürfen. Und wie könnte es auch anders sein: Zum Schluss befreit Toxie die Stadt nicht nur vom Giftmüll, sondern auch gleich von Corona. Bäm!

Um solch eine Show stemmen zu können, benötigt es wirklich exzellente Darstellerinnen und Darsteller, die mit diesem Trash umzugehen wissen und dabei das nötige Talent und die Disziplin nicht vermissen lassen, um ihre Rollen auf solch eine Art zu überzeichnen, dass es zwar chaotisch, aber nicht unkontrolliert wirkt. Hier kann das TfN beim hauseigenen Musicalensemble aus dem Vollen schöpfen.

Für die anspruchsvolle Titelpartie wurde mit Thomas Wegscheider ein Darsteller verpflichtet, dem es authentisch gelingt, zwischen dem schüchternen Melvin und dem Helden Toxie zu wechseln. Auch gesanglich wird er seinem Part vollends gerecht. Ihm in nichts nach steht Lara Hofmann in der Rolle der Sarah. Nachdem sie bereits während ihrer Ausbildung an der Folkwang Universität in Essen die Rolle der Wendla in „Spring Awakening“ meisterte und am Dortmunder Opernhaus in „Jekyll & Hyde“ selbst in der kleinsten Rollen brillierte, beweist sie jetzt in „The Toxic Avenger“ neben ihrer großen Stimme auch einen ungeahnt großen Hang zur Komik. Schauspielerisch extrem stark, spielt sie die blinde Bibliothekarin mit dem großen Herzen und bildet so zusammen mit Thomas Wegscheider ein starkes Leading-Paar.

Als eine Meisterin der Wandlung erweist sich Kathrin Finja Meier, wenn sie zwischen Melvins Mutter und der korrupten Bürgermeisterin hin und her wechselt – dabei immerzu stark in Ausdruck und Gesang. Komplettiert wird das Ensemble durch Clemens Otto Bauer und Daniel Wernecke, die – teilweise innerhalb weniger Sekunden – unterschiedliche Charaktere spielen und ebenso wie die bereits erwähnten Personen eine durchweg starke Leistung zeigen.

Eine starke Leistung gibt es außerdem hinter der Bühne, wo Andreas Unsicker als Musikalischer Leiter seine vier Musiker mit Tempo durch die Partitur von David Bryan treibt. Da erzeugen Bass und Schlagzeug den dreckig-düsteren Klang der pulsierenden Stadt Traumaville, bis die Musik umschwenkt zu stimmigen Popballaden, wenn es zwischen Toxie und Sarah romantisch wird. Auch dafür gibt’s am Ende überschwänglichen Applaus vom Premierenpublikum, das diesen herrlich trashigen Rächer der Verstrahlten feiert.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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