„Titus“ (Foto: Stephan Glagla)
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Hochgenuss: „Titus“ in Osnabrück

Endlich wieder ein Mozart in Osnabrück. Nachdem in den letzten Jahren keine Oper des Salzburger Genies auf dem Spielplan des städtischen Theaters stand, hat man sich in der aktuellen Spielzeit für dessen letzte, die 22. Oper entschieden. Bei „La clemenza di Tito“ oder „Titus“ haben wir es mit einem ausgesprochen klassischen Stoff zu tun, den Hendrik Müller ebenso klassisch inszeniert hat – und das kommt beim Publikum sehr gut an.

Wenn sich der Vorhang während der Ouvertüre hebt, gibt er den Blick frei auf eine Säulenhalle des römischen Kapitols, das später in Schutt und Asche liegen wird. Durch den geschickten Einsatz von Drehbühne, Nebel, Licht und Projektionen entwickelt das Einheitsbühnenbild von Marc Weeger eine schöne Dynamik. Die handelnden Figuren sind dazu in eindrucksvolle Kostüme gekleidet, für die ebenfalls Weeger verantwortlich zeichnet. Rein optisch ist dieser „Titus“ also schon mal großartig. Doch wie sieht es musikalisch aus?

Die beiden Duette des ersten Akts erinnern in ihrer Volkstümlichkeit an die „Zauberflöte“, die Trios enthalten Buffo-Elemente, es gibt nur wenige große Arien, die allerdings stark hervorstechen. Generalmusikdirektor Andreas Hotz beweist ein großes Gespür für Mozart und dirigiert das Osnabrücker Symphonieorchester klar sowie impulsiv und setzt präzise Akzente. Die Musikerinnen und Musiker spielen unglaublich agil und differenziert und bringen die Schönheit von Mozarts Partitur, die er innerhalb von nur 50 Tagen komponiert haben soll, zum Vorschein.

„Titus“ (Foto: Stephan Glagla)

Die Handlung erzählt von erotischen Intrigen im Umfeld des römischen Kaisers Titus, die gekrönt werden von einem Brandanschlag auf das römische Kapitol und einem Mordanschlag auf den Imperator, der allerdings misslingt. Im Fokus dieses Dramas stehen sechs Figuren, die Regisseur Hendrik Müller stark herausgearbeitet hat und die allesamt perfekt besetzt wurden.

Aljoscha Lennert gibt als Titus einen überzeugenden Titelhelden, dem er optisch eine imposante Erscheinung verleiht, während er gesanglich einen hellen und leuchtkräftig strahlenden, äußerst geschmeidigen, bruchlos geführten und einschmeichelnd timbrierten Tenor zeigt. An seiner Seite singt Marysol Schalit die Rolle der Vitellia mit einer facettenreichen vollen Stimme und meistert die schwierigen Intervallsprünge mit beeindruckender Reife.

In einer Hosenrolle begeistert Olga Privalova als Sesto mit ihrem klangschönen und gefühlsbetonten Mezzosopran. Annio, die zweite Hosenrolle, ist ebenfalls herausragend besetzt: Anna Kudriashova-Stepanets singt mit einer warmen, schön timbrierten Stimme mit unerschütterlichem Fundament. Julie Sekinger verleiht der Rolle der Servilia mit ihrer zauberhaft leichten, hinreißend fokussierten, glockenreinen Sopranstimme aufrichtigen Ausdruck, während Erik Rousi mit seinem beweglichen Bass als Publio einen gestrengen Hauptmann der Prätorianer zeigt. Weiterhin ist es der von Sierd Quarré exzellent einstudierte Chor, der den Osnabrücker „Titus“ komplettiert. Ein aufwühlender und inspirierender Opernabend, optisch wie musikalisch ein Hochgenuss.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".