„tick, tick... BOOM!“ (Foto: Pedro Malinowski)
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Brillant und zeitlos: „tick, tick… BOOM!“ in Gelsenkirchen

Jonathan Larson ist vor allem durch sein Musical „Rent“ einer breiten Masse bekannt geworden. Ein anderes Werk von ihm ist wesentlich unbekannter, aber nicht weniger sehenswert. Als sehr erfreulich erweist es sich deshalb, dass in der gerade begonnenen Spielzeit 2023/2024 nicht nur „Rent“ am Dortmunder Opernhaus auf dem Spielplan steht, sondern im nur wenige Kilometer entfernten Gelsenkirchen auch Larsons posthum uraufgeführtes „tick, tick… BOOM!“ zu sehen ist. Im Kleinen Haus des Musiktheaters im Revier erweist sich das Kammerstück in der Inszenierung von Carsten Kirchmeier als ein Juwel des Musicalgenres – brillant und zeitlos.

„tick, tick… BOOM!“ erzählt teilweise autobiografisch die Story von Jonathan Larson (Musik, Buch und Songtexte). So hofft Komponist Jon seit Jahren auf den großen Durchbruch, während er sich als Kellner über Wasser hält und ängstlich seinem 30. Geburtstag entgegenblickt, was sich durch ein Ticken in seinem Kopf bemerkbar macht.

Für das Stück braucht es nicht mehr als ein paar Podeste, Treppen, Stege und etwas New Yorker Silhouette (Bühnenbild: Christiane Rolland), um Jons Wohnung, ein Dach oder das Apartment von Freund Michael zu visualisieren. Durch eine Neonleuchtreklame erfolgt dann schließlich der Szenenwechsel zum Diner. Die auf der ganzen Bühne verteilten Umzugskartons stehen für die Umbruchstimmung im Verlauf der Handlung und dienen zum Verstauen von Requisiten. Hedi Mohr hat außerdem Kostüme entworfen, die die Mode der Neunzigerjahre widerspiegeln und damit hervorragend in die Zeit der Geschichte passen.

Carsten Kirchmeier kennt die kleine Bühne in Gelsenkirchen gut, nachdem er dort bereits „Hedwig and the angry Inch“ inszenierte. Auch jetzt gelingt ihm wieder eine fokussierte Personenregie, was bei einem Drei-Personen-Stück enorm wichtig ist, sowie ein flottes Erzähltempo. Dazu kann er auf ein großartiges Ensemble zurückgreifen, das von Luc Steegers angeführt wird, der als Jon sehr unscheinbar und bescheiden wirkt – aber unglaublich authentisch und grandios in Schauspiel wie Gesang. Immer wieder durchbricht er die vierte Wand und wendet sich direkt ans Publikum, um Szenen und Handlungen der Figuren zu beschreiben und zu kommentieren. Steegers schafft es, Jons Gefühlswelt überzeugend über die Rampe zu bringen und dem Publikum dessen Midlife-Crisis zu veranschaulichen.

Inga Krischke als Jons Freundin Susan und Sebastian Schiller als Jons Freund Michael stehen ihrem Kollegen in nichts nach. Beide beweisen ihr schauspielerisches Können, wenn sie nicht nur die Freunde, sondern auch alle anderen Rollen im Stück spielen. So mimt Krischke beispielsweise eine herrlich aufgesetzte Künstleragentin mit amerikanischem Akzent – auch wenn letzterer wenig Sinn ergibt. Sebastian Schiller beherrscht nicht nur die witzigen, sondern auch die ernsten Momente, beispielsweise dann, wenn Michael Jon davon berichtet, dass er unheilbar krank ist. Inga Krische reißt das Publikum zudem mit ihrer emotionalen und stimmstarken Interpretation des Songs „Kannst du’s erkennen?“ mit.

Exzellent sind die neuen deutschen Texte von Timothy Roller und ganz besonders die vier Musiker Wolfgang Wilder (Keyboard), Sebastian Dörries (Gitarre), Ian Stewart (Bass) und Andy Pilger (Drums), die für einen knackig-treibenden Rocksound sorgen. So überzeugt „tick, tick… BOOM!“ in Gelsenkirchen musikalisch genauso wie szenisch und offenbart, dass der viel zu früh verstorbene Jonathan Larson ein genialer Komponist und Autor war, dessen Werke künftig hoffentlich häufiger auf deutschsprachigen Bühnen zu finden sein werden.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".