„Sweeney Todd“ (Foto: Sandra Then)
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Unheimlich aktuell: „Sweeney Todd“ in Hannover

Es wird blutig, denn der teuflische Barbier aus Londons Fleet Street treibt sein Unwesen in der Staatsoper Hannover. Regisseur Theu Boermans hat das Musical „Sweeney Todd“ vom viktorianischen London in eine Art Schlachthof der Gegenwart transferiert und liefert damit einen interessanten neuen Blickwinkel auf das Stück von Stephen Sondheim, das unheimlich aktuell erscheint.

Das viktorianische London ist normalerweise untrennbar – und das nicht erst seit der Verfilmung mit Johnny Depp und Helena Bonham Carter – mit „Sweeney Todd“ verbunden. Dass das Stück aber nichts von seiner Brillanz einbüßt, wenn man es von dem pittoresken historischen Hintergrund des viktorianischen Londons entfernt, beweist Theu Boermans mit seiner Inszenierung. Dazu verlegt er die Handlung in eine Zeit, die eher unserem Heute entspricht, und befreit den Bühnenraum von unnötigem Ballast.

Bühnenbildner Bernhard Hammer hat einen schlichten Raum, Kostümbildner Mattijs van Bergen ebenso schlichte Kostüme entworfen. Beides entfernt sich bewusst vom Kolorit einer Stadt oder Epoche. Im Zentrum der Bühne befindet sich ein riesiges Objekt, das selbst der Regisseur im Programmheft nicht genauer benennt, aber an ein überdimensionales Hackebeil in einem Schlachthof erinnert. Das Objekt dreht sich um die eigene Achse und ist mehrfach teilbar, so dass es in immer neuen Anordnungen die Gassen einer Stadt, eine Pastetenbäckerei oder einen Barbierladen entstehen lässt. Auf einer rückwärtigen Leinwand (Video: Arjen Klerkx) werden zudem immer wieder Szenen von der Bühne aus der Vogelperspektive gezeigt.

Wenn Sweeney Todd jemandem die Kehle durchschneidet, wird nicht nur das in Nahaufnahme auf der Leinwand gezeigt. Wenn kurze Zeit später die Leiche durch eine Klappe im Bühnenboden entsorgt wird, fällt sie wenige Sekunden später aus dem Bühnenturm in eine Grube mit Fleischabfällen, was das Publikum alles aus der Vogelperspektive beobachten kann. Regisseur und Bühnenbildner konzentrieren sich damit exzellent auf die innere Dynamik des Stücks.

Wenn der korrupte Richter Turpin Sweeneys Ehefrau in einer Orgie missbraucht und kurz davorsteht, sich seiner Ziehtochter sexuell zu nähern, ist das ziemlich nah dran an gegenwärtigen Skandalen, in denen vornehmlich alte weiße Männer ihre Macht missbrauchen und Menschen zerstören. Geradezu erschreckend wird in Theu Boermans Inszenierung deutlich, wie zeitlos das Musical „Sweeney Todd“ und die Erzählung über eine korrupte Machtelite ist. Das Stück büßt dabei nichts von seiner Wucht und der aufgezeigten Problematik ein, sondern wird auf ein neues, sehr greifbares Level gehoben, was fantastisch funktioniert.

„Sweeney Todd“ (Foto: Dominik Lapp)

Stephen Sondheims Stück zeichnet ein besonders schwarzer Humor aus, in dem scharfe Kritik an einer korrupten Gesellschaft liegt. Das wird auch besonders in den Songtexten deutlich, die wohl gerade deshalb im englischen Original erklingen, während deutsche Dialoge zu hören sind. So hörenswert wie die englischen Songtexte, ist außerdem die anspruchsvolle Musik Sondheims. In ihr wird das innere Chaos der Titelrolle wunderbar reflektiert. Unter der Leitung von James Hendry gelingt es dem Niedersächsischen Staatsorchester, die Partitur aus wirkungsvoller Horrormusik und kirchenmusikalischen Zitaten in vielfältigen Orchesterfarben zum Strahlen zu bringen.

Zudem sind die Rollen in dieser Inszenierung von „Sweeney Todd“ hervorragend besetzt. Allen voran ist es Scott Hendricks in der Titelrolle, der in allen Registern seines Könnens begeistert. Glaubwürdig stellt er den unrechtmäßig in die Verbannung geschickten Benjamin Barker dar. Dabei balanciert Hendricks zwischen dem nach Rache suchenden Barker und dem sich zum Serienmörder entwickelnden Sweeney Todd. Er macht unmissverständlich klar, dass er ein Opfer der Verhältnisse ist, seiner Gier nach Rache aber so stark nachgibt, dass er dadurch in einen Blutrausch gerät. Grandios vollzieht Scott Hendricks die Entfesselung Todds zu einer mörderischen Maschine und glänzt dabei gesanglich in jedem seiner Songs.

Ihm zur Seite steht mit Anne Weber eine fantastische Mrs. Lovett. Der kannibalischen Pastetenbäckerin verleiht Weber eine ausdrucksstarke Stimme und ein ebenso starkes Charakterprofil, immerzu hin- und hergerissen zwischen der Liebe und einem ausgeprägten Geltungsbedürfnis in Verbindung mit Geldgeilheit. Eine starke Leistung bringt Frank Schneiders, der als Richter Turpin einen widerwärtigen Biedermann mimt, wie er sich selbst geißelt, während er auf seine Ziehtochter onaniert.

Als ebendiese Ziehtochter Johanna verzaubert Sarah Brady mit ihrem glockenklaren Sopran, während Germán Olvera mit seinem samtweichen Tenor als verliebter Matrose Anthony aufhorchen lässt. Eine herrliche Karikatur eines Quacksalbers gibt Sunnyboy Dladla als Barbier Pirelli, Philipp Kapeller ist als schmieriger Büttel Bamford überragend, Marco Lee gibt einen gar nicht mal ganz so naiven Tobias und Monika Walerowicz verleiht ihrer Bettlerin etwas Geheimnisvolles.

Eine wichtige Rolle in „Sweeney Todd“ nimmt außerdem der Chor ein, der von Lorenzo Da Rio sehr gut einstudiert wurde. Denn der Chor ist es, der die grausame Geschichte des rachsüchtigen Barbiers beginnt sowie beschließt und wie in einer antiken Tragödie vermittelt, erzählt und kommentiert. Der Chor ist es weiter, der Sweeney und seine Taten für das Publikum verständlich macht. Dafür und für die insgesamt sehr gelungene Produktion gibt es am Ende wohlverdienten Applaus.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".