„Songs for Days to Come“ (Foto: Stephan Glagla)
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Überragendes Musiktheater: „Songs for Days to come“ in Osnabrück

Sommernacht der Musicalstars

Dieses Stück ist anders. Das zeigt sich bereits vor der Vorstellung im Foyer, wo man nicht das übliche Opernpublikum sieht. Das Publikum, das für „Songs for Days to come“ ins Theater Osnabrück gekommen ist, sieht jünger und diverser aus. In Kooperation mit dem Morgenland Festival ist dieses interdisziplinäre Musiktheaterstück von Kinan Azmeh (Musik) mit dem Libretto von Liwaa Yazij und Mohammad Abou Laban aus der Taufe gehoben worden.

Inszeniert wurde das Stück von Ulrich Mokrusch, der zu einer inzwischen aussterbenden Gattung von Intendanten gehört, die noch selbst Regie führen. Und eines ist sicher: Mokrusch soll bitte nie aufhören, Regie zu führen, denn er versteht es, großartige Bilder zu schaffen – so auch bei „Songs for Days to come“, einem Werk, das im Grunde ein Kammerspiel für den Opernsänger Jan Friedrich Eggers ist.

Basierend auf 15 Gedichten syrischer Dichterinnen und Dichter, erzählt das Musiktheaterstück die Geschichte des Beamten Sami, dem Eggers ein authentisches Profil verleiht. Auf dessen Hochzeitsfeier tötet eine Bombe seine Braut und einen großen Teil der Gäste. Sami zieht sich das Brautkleid über und geht in den Krieg. Dabei ist Jan Friedrich Eggers weniger als Sänger und vielmehr als Schauspieler gefordert. Wie der junge Syrer sein Trauma zu bewältigen versucht, stellt Eggers großartig dar.

Sami denkt über die Vergangenheit nach, stellt die jüngste Geschichte Syriens in Frage. In dem aus vielen Aluminiumplatten zusammengesteckten Einheitsbühnenbild (Ausstattung: Okarina Peter und Timo Dentler) öffnen sich fünf Türen, geben den Blick in die dahinterliegende Welt frei und offenbaren die Erfahrungen, die viele Syrerinnen und Syrer durchgemacht haben. Das alles ist von Regisseur Ulrich Mokrusch so markerschütternd gut in Szene gesetzt worden und wird von Jan Friedrich Eggers so exzellent gespielt und gesungen, dass es Gänsehaut bereitet und den rund zweistündigen Abend wie im Flug vergehen lässt.

Die Produktion lebt zudem von Kinan Azmehs starker Musik, in der sich opernhafte Elemente, Minimal Music und arabische Klänge miteinander vereinen. Gesungen wird durchweg auf Arabisch, damit das Publikum „die Musik hören kann, die die arabische Sprache in sich trägt“, wie man den Komponisten im Programmheft zitiert. Azmeh hat eine wunderbare Musik komponiert, die auch ganz enorm von den starken Chorpassagen (Einstudierung: Sierd Quarré) lebt.

Da wechselt sich der zarte Klang einer Flöte mit lauten Percussions ab, mal kommt ein Streicherteppich aus dem Orchestergraben, mal ist die Klarinette im Fokus, die der Komponist persönlich auf der Bühne spielt. Und manchmal entfaltet Kinan Azmehs Musik sogar die Kraft eines epischen Hans-Zimmer-Filmsoundtracks. Dieser Bandbreite an Musikstilen wird das Osnabrücker Symphonieorchester unter dem genauso leidenschaftlichen wie feinfühligen Dirigat von Daniel Inbal vollends gerecht.

Auf der Bühne begeistert neben dem fantastischen Jan Friedrich Eggers als Sami auch Sascha Maria Icks als unnahbare Frau. Als Töchter der Gedanken singen Julie Sekinger, Susanna Edelmann, Susann Vent-Wunderlich, Olga Privalova und Dima Orsho eine eindrückliche Chorpassage. Insbesondere Dima Orsho kann zudem mit zahlreichen arabischen Soli hervorstechen und fesselt besonders mit ihrem Klage-Gesang nach der Explosion auf Samis Hochzeitsfeier. Großartig!

Liwaa Yazij und Mohammad Abou Laban haben für ihr Libretto 15 Gedichte syrischer Dichterinnen und Dichter verarbeitet. Dabei herausgekommen ist ein Drama, dessen Kontext sowohl bewegend als auch überzeugend ist und gleichzeitig die innere Welt der einzelnen Gedichte respektiert. Dass das szenisch wie musikalisch exzellent umgesetzt wurde, zeigt sich zum Schluss, als etwas passiert, wozu sich das Publikum im Theater Osnabrück nicht häufig hinreißen lässt – es gibt stehende Ovationen. So geht zeitgenössisches Musiktheater, so gewinnt man das Publikum von morgen. Bitte mehr davon!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".