Shakespeare mal anders: „Something Rotten!“ in Bad Hersfeld
Mit „Something Rotten!“ gelingt den Bad Hersfelder Festspielen ein turbulenter, selbstironischer und hochunterhaltsamer Ausflug in die Welt des Musicals. Das Werk der „Mrs. Doubtfire“-Autoren Wayne Kirkpatrick (Musik und Songtexte), Karey Kirkpatrick (Musik, Songtexte und Buch) und John O’Farrell (Buch) entführt das Publikum in das elisabethanische England und stellt augenzwinkernd die Frage, was geschieht, wenn zwei erfolglose Dramatiker verzweifelt versuchen, den übermächtigen William Shakespeare auszustechen. Die deutsche Fassung von Roman Hinze und Niklas Wagner bewahrt dabei den rasanten Sprachwitz des Originals und transportiert dessen Fülle an Anspielungen und Zitaten aus der Musicalgeschichte mit großer Raffinesse ins Deutsche.
Dass dieser irrwitzige Mix aus Shakespeare-Parodie, Musical-Hommage und Slapstick funktioniert, liegt maßgeblich an der Regie von Matthias Davids. Nachdem er das Stück bereits gemeinsam mit Choreografin Kim Duddy am Landestheater Linz auf die Bühne gebracht hat, beweist er nun auch in Bad Hersfeld sein Gespür für Tempo, Pointen und perfekt getimte Situationskomik. Die Inszenierung gönnt sich kaum Verschnaufpausen, treibt die Handlung mit hohem Rhythmus voran und nutzt den Wechsel zwischen überdrehter Komik, kluger Selbstreflexion und liebevollen Seitenhieben auf das Musicalgenre mit sichtbarer Spielfreude aus.
Die Aufführung markiert zugleich eine Rückkehr zu einer alten Hersfelder Tradition. Intendantin Elke Hesse, die bereits von 2006 bis 2009 an der Spitze der Festspiele stand, verabschiedet sich wieder von der unter Dieter Wedel eingeführten und von dessen Nachfolger Joern Hinkel fortgesetzten Pause. Stattdessen läuft „Something Rotten!“ ohne Unterbrechung in rund zwei Stunden und zehn Minuten. Die Entscheidung hat laut Pressesprecherin Gründe: Eine Pause reicht in der Stiftsruine kaum für mehr als das Verlassen des Zuschauerraums und die anschließende Rückkehr. Die Verantwortlichen setzen stattdessen darauf, dass das Publikum den Theaterabend nach Vorstellungsende bei einem Getränk ausklingen lässt. Allerdings fordert dieses Konzept seinen Preis, denn das Musical wurde für die pausenlose Spielfassung gekürzt. Zwar bleibt der Erzählfluss jederzeit erhalten, dennoch bekommt man hier nicht die Vollversion zu sehen.

Andrew D. Edwards entwickelt ein Bühnenbild, das sich nahezu organisch in die monumentale Stiftsruine einfügt. Der hölzerne Aufbau erinnert unverkennbar an Shakespeares Globe Theatre, erstreckt sich über zwei Ebenen und lässt Balkone um die mächtigen Steinsäulen wachsen. So entstehen immer neue Spielorte, die geschickt genutzt werden und der Inszenierung zusätzliche Dynamik verleihen. Michael Grundners Licht setzt das historische Gemäuer stimmungsvoll in Szene und unterstützt die schnellen Wechsel zwischen großer Show und kleineren Spielsituationen wirkungsvoll.
Zu den stärksten optischen Reizen gehören Adam Nees Kostüme. Farbenprächtig, aufwändig gearbeitet und mit einer Fülle liebevoller Details versehen, orientieren sie sich an der Shakespeare-Zeit und verbinden historischen Charme mit der überzeichneten Komik des Stücks. Jedes Kostüm erzählt dabei ein Stück der jeweiligen Figur weiter und unterstützt deren Charakterisierung auf überzeugende Weise.
Ebenso großen Anteil am Gelingen hat Kim Duddys Choreografie. Die Tanznummern sind voller Energie, abwechslungsreich und geschickt in die Handlung eingebunden. Sie dienen nie bloß als dekorative Einlagen, sondern entwickeln das Geschehen konsequent weiter. Gerade in den großen Ensemblenummern entfaltet sich eine mitreißende Dynamik, bei der die Bewegungen exakt auf Musik und Handlung abgestimmt sind.

Unter der Leitung von Christoph Wohlleben entfaltet die Partitur ihren ganzen Facettenreichtum. Das 17-köpfige Orchester meistert den stilistischen Spagat zwischen Broadway-Sound, Pop-Anklängen und augenzwinkernden Zitaten aus der Musicalgeschichte mit Schwung und klanglicher Geschlossenheit. Die musikalische Begleitung bleibt jederzeit transparent, trägt die Solistinnen und Solisten sicher und verleiht den großen Shownummern die notwendige Wucht.
Riccardo Greco genießt seine Rolle als William Shakespeare mit sichtlichem Vergnügen. Nachdem er den berühmten Dramatiker zuletzt im Hamburger Musical „& Julia“ als eher reflektierten Autor verkörperte, schlägt er nun die entgegengesetzte Richtung ein. Sein Shakespeare ist eitler Popstar, permanent um die eigene Wirkung bemüht, geschniegelt, mit Sonnenbrille ausgestattet und voller affektierter Allüren. Greco kostet dieses übersteigerte Selbstbild genüsslich aus, bewegt sich mit lässiger Selbstverständlichkeit über die Bühne und trifft genau den schmalen Grat zwischen Charme und Arroganz. Seine Bühnenpräsenz und die wohlklingende Stimme machen verständlich, weshalb alle Welt diesem Shakespeare verfällt.
Christopher Bolam verleiht Nick Bottom den passenden Mix aus Ehrgeiz, Verzweiflung und überbordendem Selbstbewusstsein. Mit großer Spielfreude gestaltet er den erfolglosen Autor als sympathischen Träumer, dessen überschäumende Ideen regelmäßig an der Realität zerschellen. Dabei überzeugt er ebenso mit komödiantischem Timing wie mit seinem Gesang.

Benjamin Sommerfeld setzt dazu einen wunderbaren Kontrast. Sein Nigel Bottom besitzt Herzenswärme, Naivität und künstlerische Leidenschaft. Sommerfeld gestaltet die Entwicklung vom schüchternen Dichter zum selbstbewussteren jungen Mann glaubwürdig und punktet insbesondere in den ruhigeren Momenten mit stimmlicher Ausdruckskraft.
Johanna Zett stattet Bea mit viel Temperament, Witz und Durchsetzungsvermögen aus. Sie ist weit mehr als die verständnisvolle Ehefrau ihres Mannes Nick, sondern entwickelt sich zu einer Antreiberin der Handlung. Valerie Luksch verleiht Portia Charme, Natürlichkeit und eine angenehme Leichtigkeit. Das Zusammenspiel mit Benjamin Sommerfeld entwickelt viel Spielfreude und sorgt neben dem irrwitzigen Geschehen immer wieder für romantische Zwischentöne.
Gayle Tufts begeistert als Wahrsagerin Nancy Nostradamus mit trockenem Humor und einer herrlich exzentrischen Bühnenerscheinung. Ihre Auftritte gehören zu den komödiantischen Glanzlichtern des Abends, weil sie jede Pointe genüsslich auskostet und das Publikum mühelos auf ihre Seite zieht.

Auch in den kleineren Rollen überzeugt das Ensemble. Nicolas Tenerani gibt Bruder Jeremiah die passende Mischung aus religiösem Eifer und unfreiwilliger Komik. Ulrich Talle sorgt als Lord Clapham für markante Akzente, während Klaus Brantzen dem Geldverleiher Shylock mit feinem Gespür für Timing Profil verleiht.
Überhaupt präsentiert sich das Ensemble als große Stärke dieser Produktion. Besonders Veronika Hörmann, Janina Steinbach, Natascha Cecilia Hill und Hanna Kastner setzen immer wieder auffällige Akzente. Ob gesanglich, tänzerisch oder in zahlreichen kleinen Spielszenen – sie bereichern das Geschehen mit hoher Präsenz und tragen wesentlich zur enormen Spielfreude bei, die den gesamten Abend durchzieht.
„Something Rotten!“ erweist sich in Bad Hersfeld als klug konstruierte Komödie voller Esprit, Tempo und Selbstironie. Die pointierte Regie, die spielfreudige Besetzung, das prachtvolle Erscheinungsbild und die musikalische Qualität verbinden sich zu einer Musicalproduktion, die den Humor der Broadway-Show wirkungsvoll in die Stiftsruine überträgt. Dass die pausenlose Fassung Kürzungen notwendig macht, fällt angesichts des hohen Unterhaltungswertes zwar ins Gewicht, schmälert den Gesamteindruck jedoch nur geringfügig. Das Publikum erlebt einen Abend, der Shakespeare ebenso liebevoll auf die Schippe nimmt wie das Musical selbst – und gerade daraus seinen unwiderstehlichen Reiz bezieht.
Text: Dominik Lapp

