Der Ruf des Trauerschnäppers: „Parzival“ in Bad Hersfeld
Komische Überschrift, möchte man meinen. Tatsächlich spielt der Trauerschnäpper als Running Gag eine gewisse Rolle in „Parzival“, dem Schauspiel mit Musik nach Wolfram von Eschenbach in einer Bearbeitung von Michael Schachermaier, der in der diesjährigen Inszenierung in Bad Hersfeld auch Regie führt.
Im heimatlichen Wald und in der weiten Welt ist es öfters nicht ganz klar, welcher Vogel da jeweils fliegt oder singt. Adler? Falke? Elster? Käuzchen? Trauerschnäpper? Ein Sinnbild für die allgemeine Ratlosigkeit, aus der sich mitunter überraschend doch ein zielführender Weg findet.
Wald, verschiedene Burgen, Jagdlager und Fischerhütten – alles wird gebildet aus vier fahr- und bekletterbaren roten Baugerüsten, an denen rote Stangen und Rohre in gewisser Unordnung befestigt sind und an deren Rückseiten weiße Tücher heruntergelassen werden können. Dazu kommen drei große rote Leuchtbögen, die wie eine zerbrochene Schale angeordnet sind, sowie im Hintergrund eine blutrot leuchtende Sonne. Mehr benötigt das Bühnenbild von Volker Hintermeier nicht. Die Schlichtheit lässt viel Raum für eigene Interpretationen. Das Lichtdesign (ebenfalls Volker Hintermeier) ist großteils präzise und passend. Nur während der Lehrstunden bei Gurnemanz wird das Publikum vollkommen sinnlos grell angestrahlt. Ein unnötiger Wermutstropfen.
Schwarz, Rot und Weiß sind die Farben des Bühnenbildes. Bei den teils historisierenden, teils modernen Kostümen (Kerstin Micheel) kommen noch Erdfarben hinzu. Die Symbolik ist klar und einfach. Es gibt nur wenige Requisiten (Doris Engel), hauptsächlich Schwerter, aber auch ein Fischernetz, eine tote Elster, ein paar Kissen und einen Teppich. Das genügt völlig.
Genauso einfach, klar und gerade dadurch einprägsam präsentiert die Live-Band Dark Knights (Paul Wallfisch, Martin Wenk, Budgie) die fetzige Musik von Paul Wallfisch (auch Gesang): rockig, modern und doch irgendwie zeitlos. Sie steuert auch gekonnt die Klangeffekte bei, wie zum Beispiel Pferdehufe oder Fanfarenklänge sowie die Geräusche der Kampfszenen (Choreografie: Martin Woldan).
Vier Kinderdarsteller (Mohamed El Ouariachi, Diego Doncev, Stole Gjorgjiev, Pavel Polizovski) haben die Rolle des jungen Parzival einstudiert, der auch als eine Art Genie oder schicksalsverkündender Knabe seine Auftritte hat.
Seine den tumben Toren streng bewachende Mutter Herzeloyde gibt Varia Sjöström erst lyrisch, später gebrochen als emotionale und doch beherrschte Frau wunderbar. Hinreißend dusselig spielt Thieß Brammer den ahnungslos immer mittendurch trampelnden Parzival, der sehnlichst eine Rüstung begehrt, sich zum Schluss komplett entblößt und endlich sein Ziel erreicht.
Als König Gahmuret, Tristan und Trevrizent zeigt sich Bijan Zamani sehr wandlungsfähig und hinterlässt in jeder dieser so unterschiedlichen Rollen einen bleibenden Eindruck. Umwerfend komisch ist Enrico Riethmüller vor allem als Herzog Orilus, aber auch als Knappe und als Kay (Ritter der Tafelrunde). Herzogin Jeschute wird selbstbewusst und verführerisch, dabei energisch und besorgt von Simone Müller Pradella gespielt, die später als Condwiramur sehr genau weiß, wie und wo der Hase läuft.
Markus Gertken glänzt als Mentor und Lehrmeister Gurnemanz. Er ist, wie die anderen Ritter der Tafelrunde, recht groß und eindrucksvoll. Uriel Jung als König Artus, den er mit natürlicher Autorität wahrhaft königlich spielt, wirkt eher klein und schmächtig. Das macht die Botschaft, einen König müsse vor allem innere Größe auszeichnen, noch deutlicher. Als Fischer zeigt sich Uriel Jung hingegen hibbelig und wuselig – ein schöner Kontrast.
Ither, der glücklose rote Ritter, wird von Igor Karpus als erfahrener Kämpe mit Verständnis für die Jugend wunderbar gezeigt – man bedauert seinen überraschenden Tod tatsächlich. Sein ganz besonderes, riesiges schwarzes Schlachtross ist das einzige echte Pferd des Abends. Das kräftige Warmblut Schoko, so braun wie sein Name, hat hier, unbeeindruckt von Publikum und Musik, seinen Auftritt. Es wird von Gerhard Hess geführt.
Viele Auftritte hingegen hat Melita Jurisic als merkwürdige Hexe, Wahrsagerin, vielleicht Schicksalsgöttin und in Wahrheit Gralshüterin Kundry. Sie singt mit warmer, weicher Stimme, in die sie mitunter die genau richtige Portion Rauchigkeit legt. Der bedauernswerte Gralskönig Anfortas, gespielt von Jörg Thieme, tut sich vor allem selbst leid, möchte sterben, kann es nicht, empört sich über die falsche Frage und ist schlussendlich froh und erleichtert – sehr gut gemacht!
Das lässt sich zusammenfassend auch über die gelungene Mischung aus Komödie, Sage, Coming-of-Age und Lehrstück mit Musik sagen. Sie wird ohne Pause gespielt, die man aber auch überhaupt nicht vermisst. Packend bis zum Schluss und eindrucksvoll. Durchaus zu empfehlen.
Text: Hildegard Wiecker

