„La Cage aux Folles“ in Mörbisch
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Liebe und Glitzer: „La Cage aux Folles“ in Mörbisch

Mit „La Cage aux Folles“ zeigt die Seebühne Mörbisch ein Musical, das seine schillernde Oberfläche nie als Selbstzweck behandelt. Die Inszenierung von Andreas Gergen verbindet den großen Unterhaltungsbogen mit einer klaren gesellschaftlichen Haltung: Liebe als Botschaft dieses Abends – offen, unmissverständlich und doch ohne erhobenen Zeigefinger. Statt Schwere setzt die Produktion auf Witz, Tempo, Opulenz und die Kraft einer Geschichte, deren Konflikt auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung erschreckend aktuell bleibt.

Drew Sarich trägt den Abend als Albin alias Zaza mit großer Bühnenpräsenz. Seine Zaza genießt den Applaus, beherrscht den großen Auftritt und kann in funkelnden Roben den Raum sofort an sich ziehen. Zugleich lässt Sarich sichtbar werden, wie tief Albin die Zurückweisung durch Jean-Michel trifft. Sein „Ich bin, was ich bin“ wird so nicht zur bloßen Showhymne, sondern zum selbstbewussten Bekenntnis eines Menschen, der sich nicht länger zurechtbiegen lassen will. Sarich findet dafür die Balance zwischen überbordender Komik, verletzter Würde und glanzvoller Diva.

Mark Seibert gibt Georges als charmanten Conférencier, souveränen Gastgeber und liebenden Partner, der seine Angst vor gesellschaftlicher Ablehnung zunächst hinter vermeintlicher Vernunft versteckt. Im Zusammenspiel mit Sarich entsteht ein glaubwürdiges Paarbild: Da sind Vertrautheit, neckische Reibung und die Erkenntnis, dass Liebe sich gerade dann bewähren muss, wenn Anpassung als einfacher Ausweg erscheint. Die gemeinsamen Szenen gewinnen durch Seiberts warme, klar geführte Stimme zusätzlich an Gewicht.

Auch das Ensemble setzt starke Akzente. Aliosha Jorge Ungur kostet als Butler Jacob dessen Lust an Widerstand und Verwandlung aus – mit frechem Timing und sichtbarer Spielfreude wird er zum Publikumsliebling. Magnus Jahr zeigt Jean-Michel als jungen Mann, der zwischen familiärer Bindung und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung schwankt. Anna Rosa Döller gestaltet Anne Dindon mit offenem Blick und angenehmer Natürlichkeit. Mathias Schlung verwandelt ihren Vater Edouard Dindon, den Vertreter einer moralisch eng geführten Partei, in eine komödiantische Wucht, ohne ihn zur reinen Karikatur zu verkleinern. Juliane Bischoff setzt als Marie Dindon einen sympathischen Gegenpol, während Ursula Pfitzner als Jacqueline mit einer Selbstverständlichkeit auftritt, die eine alte Freundin der Familie braucht.

Wolfgang Vogelweiders Bühnenbild nutzt die Dimensionen der Seebühne wirkungsvoll. Eine große Käfig-Kulisse verweist auf den Titel und zugleich auf gesellschaftliche Grenzen, die Menschen in Rollen und Erwartungen festsetzen wollen. Treppen schaffen immer neue Ebenen für Auftritte, Ensembleszenen und choreografische Bilder. Armella Müller von Blon liefert dazu Kostüme voller Glitzer, Federn und Farben. Der Abend darf aussehen wie eine Revue – und macht gerade aus diesem visuellen Überschwang sein Thema sichtbar: Wer sich zeigen darf, muss sich nicht verstecken.

Faye Heather Anderson formt mit ihrer Choreografie ein bewegungsfreudiges, abwechslungsreiches Gesamtbild. Die Tanznummern besitzen Schwung und Charakter, greifen den Revuegestus auf und öffnen immer wieder den Blick auf das große Ensemble. Unter der Leitung von Tom Bitterlich erhält Jerry Hermans Musik den nötigen Glanz, bleibt rhythmisch federnd und trägt die großen Melodien mit sicherem Gespür für Broadway-Flair.

Mörbisch erzählt „La Cage aux Folles“ nicht als nostalgischen Ausflug in eine frühere Musicalwelt. Die Inszenierung macht deutlich, wie schnell die Freiheit anderer zur politischen Verhandlungsmasse werden kann – und wie wichtig Menschen sind, die sich dagegen behaupten. Dass dies mit so viel Humor, Glamour und mitreißender Spiellust gelingt, ist die besondere Stärke dieses Abends.

Text: Patricia Messmer

kulturfeder.de

Patricia Messmer hat Medien und Musik studiert sowie ein Volontariat als Onlineredakteurin absolviert. Die Journalistin liebt Reisen, Sprache, Musik, Bücher, Filme, Serien und Musicals.