Zerbrochene Spiegel, blühende Liebe: „La Traviata“ in Bregenz
Der Regisseur Damiano Michieletto denkt Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ (Libretto: Francesco Maria Piave) für die Seebühne im österreichischen Bregenz nicht als psychologisches Kammerspiel, sondern als opulentes Gesellschaftspanorama. Das ist konsequent, denn auf der Seebühne verlangt alles nach großer Geste, nach Bildgewalt und weithin sichtbarer Aktion. So vergrößert die Inszenierung Violettas innere Welt ins Monumentale, ohne ihr Schicksal unter den Dimensionen der Anlage zu begraben.
Das Bühnenbild von Paolo Fantin beherrscht den Abend von Beginn an. Ein riesiger, 1.300 Quadratmeter umfassender zerbrochener Spiegel bildet Wand und Spielfläche zugleich. Seine Scherben spiegeln Himmel, Wasser, Licht und Menschen, doch sie zeigen auch ein Leben, das längst aus den Fugen geraten ist. Violettas Welt erscheint als glanzvolle Oberfläche mit tiefen Rissen. In den Splittern dieses Bildes stehen die Figuren wie Gefangene ihrer Sehnsüchte, Konventionen und ökonomischen Abhängigkeiten.
Eine schwarze Kugel zieht sich als Todeszeichen durch die Inszenierung. Sie ist nicht bloß ein Requisit, sondern eine Bedrohung, die Violettas Glück begleitet. Sie scheint sich in die Bilder einzuschreiben und den freien Blick auf Liebe und Zukunft immer stärker zu verstellen. Michieletto vertraut solchen Zeichen, lässt den Abend aber keineswegs in Symbolik erstarren. Seine Personenführung bleibt auf die Konflikte konzentriert: auf den Preis, den eine Frau für ihre Freiheit zahlen muss, auf Alfredos schwankende Liebe und auf Giorgio Germonts unerbittlichen Anspruch, die Ordnung seiner Familie zu schützen.
Eine Neuerung der Bregenzer Bühne gibt der Produktion eine neue Dimension: Das mit Bodenseewasser gefüllte Bühnenbecken lässt sich unabhängig vom niedrigen Pegelstand des Sees nutzen und wird zum beweglichen Resonanzraum des Geschehens. Wasser und Fontänen werden nicht als bloßer Schauwert eingesetzt. Sie können Leidenschaft in Bewegung übersetzen, gesellschaftlichen Rausch sichtbar machen oder die Einsamkeit einer Figur inmitten einer riesigen Fläche noch verstärken. Roland Horvaths Videogestaltung bezieht die gesamte Bühne ein und erweitert den Spiegelraum durch Licht, Bild und Projektion. So entstehen rasch wechselnde Perspektiven, die den Blick des Publikums immer wieder auf Violetta zurückführen.
Wenn sich ihr Ende nähert, setzt die Ausstattung ein Gegenbild zur Auslöschung. Auf Spiegelboden und im Wasserbecken erblühen insgesamt 277 Blumensträuße. Ausgerechnet dort, wo sich das Leben verabschiedet, entsteht neues Leben. Das wirkt keineswegs kitschig, weil Michieletto den Blumen keine harmlose Trostfunktion gibt. Sie stehen für die Unsterblichkeit einer Liebe, die an den Regeln ihrer Zeit zerbricht, aber nicht ausgelöscht werden kann. Das Schlussbild verbindet Schönheit und Verlust mit einer Konsequenz, die der Musik Verdis entspricht.
Carla Teti kleidet die Gesellschaft dieser „La Traviata“ in Kostüme, die den Glanz der Salons ebenso sichtbar machen wie deren Kälte. Ihre Entwürfe zeichnen soziale Zugehörigkeit und Rollenverständnisse klar nach.
Stacey Alleaume trägt den Abend als Violetta mit großer Ausstrahlung. Sie findet für die mondäne Gastgeberin im ersten Akt Leichtigkeit und Charme, lässt aber schon früh erkennen, dass hinter ihrer souveränen Fassade ein Mensch steht, der sich nach einem anderen Leben sehnt. In den lyrischen Passagen öffnet sie ihre Stimme weit, in den Zuspitzungen besitzt ihr Spiel entschiedene Kraft. Ihre Violetta ist keine entrückte Leidensfigur, sondern eine Frau, die ihr Recht auf Liebe offensiv beansprucht und erst an den Machtverhältnissen ihrer Umwelt scheitert.
Long Long gestaltet Alfredo als jungen Mann, dessen Liebe ehrlich ist, dessen Charakter aber den Anforderungen dieser Liebe zunächst nicht gewachsen bleibt. Sein Tenor bringt Strahlkraft für die leidenschaftlichen Ausbrüche mit und findet in den intimeren Momenten einen geschmeidigen, kantablen Ton. Die Entwicklung vom enthusiastischen Liebenden zum gekränkten, eifersüchtigen Mann und schließlich zum verzweifelten Rückkehrer gelingt ihm glaubhaft.
Audun Iversen verleiht Giorgio Germont die Autorität eines gefühllosen Patriarchen und präsentiert einen Bariton mit Gewicht und Würde. Rinat Shaham setzt als Flora selbstbewusste Akzente im gesellschaftlichen Treiben, Claire Barnett-Jones gibt Annina eine aufmerksam gezeichnete, zugewandte Präsenz. Kevin Greenlaw formt Baron Douphol als selbstherrlichen Gegenpol zu Alfredo, Taylan Reinhard bringt als Gastone Beweglichkeit und Esprit in die großen Festszenen. Pete Thanapat zeichnet den Marchese d’Obigny als Teil einer Gesellschaft, die zusieht, urteilt und doch jede Verantwortung von sich weist.
Pietro Rizzo hält am Pult der Wiener Symphoniker den Abend in einem spannungsvollen musikalischen Fluss. Verdis Partitur erhält Dringlichkeit und Eleganz, die festlichen Nummern besitzen Glanz und rhythmischen Impuls, während die leisen Passagen Raum bekommen, damit die Stimmen ihre Linien entfalten können. Rizzo sorgt zugleich dafür, dass die musikalischen Wellen nicht gegen die Bildmacht der Seebühne ankämpfen müssen, sondern mit ihr zusammenwirken.
Der Bregenzer Festspielchor, einstudiert von Benjamin Lack, und der Philharmonische Chor Prag unter der Leitung von Lukáš Kozubík sind weit mehr als klangvolle Kulisse. Sie machen die Gesellschaft hörbar, die Violetta erst feiert und dann fallen lässt. In den Ensembles wächst daraus eine bedrohliche Geschlossenheit, während die großen Festszenen die berauschende Oberfläche einer Welt zeigen, in der Gefühle sofort zur Ware werden.
Diese „Traviata“ bei den Bregenzer Festspielen vertraut auf Verdis Melodienreichtum und auf die Wucht eines Bühnenbildes, das weit über seine spektakuläre Größe hinausweist. Damiano Michieletto macht aus der Seebühne einen Spiegelraum für eine Frau, deren Leben unter den Blicken anderer zerbricht. Bravo!
Text: Christoph Doerner