„Falstaff“ (Foto: Dominik Lapp)
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Heitere Boulevardkomödie: „Falstaff“ in Osnabrück

Nach zahlreichen dramatischen Opern darf bei Giuseppe Verdi auch mal gelacht werden. „Falstaff“ ist nicht nur Verdis letztes Bühnenwerk, sondern auch seine zweite komische Oper. Basierend auf Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“, haben Verdi und sein Librettist Arrigo Boito mit „Falstaff“ eine Commedia Lirica geschaffen, die am Theater Osnabrück von Adriana Altaras in einer amüsanten Inszenierung zu sehen ist.

Altaras erzählt die Geschichte von Sir John Fastaff in einem heruntergekommenen Gasthaus, dem Gasthaus „Zum Hosenbande“. Dort, in einem Gästezimmer, vegetiert der alte, fressende und saufende Falstaff vor sich hin. Etienne Pluss und Sibylle Pfeiffer haben dazu ein sehr aufwändiges wie funktionales Bühnenbild geschaffen, das eben jenes Gasthaus zeigt, das einem „Tatort“-Krimi der 1970er Jahre entstammen könnte. Die insgesamt stimmige Bildsprache der Inszenierung setzt sich in den zeit- und charaktergemäßen Kostümen von Nina Lepilina fort.

Adriana Altaras ist es gelungen, die letzte Verdi-Oper als heiter-beschwingte Boulevardkomödie zu inszenieren. Dabei beweist die Regisseurin, dass sie ein ein durchaus gutes Händchen für Humor hat, zum Beispiel, wenn der Gastwirt – herrlich dargestellt von Andreas Schön – vor jedem Bild eine stumme Szene spielt oder Falstaff schenkelklopfend auf den Zehenspitzen durch sein Zimmer tänzelt. Außerdem scheint Altaras ein Faible für Wäschewagen zu haben. Denn in solch einem Wäschewagen, in dem sich in ihrer „Rigoletto“-Inszenierung noch der Herzog von Mantua versteckte, findet jetzt Falstaff unter schmutziger Wäsche ein Versteck.

Vom musikalischen Aufbau her ist „Falstaff“ eine für Verdi eher ungewöhnliche Oper. Das Libretto von Arrigo Boito ist sehr umfangreich, so dass die Sänger viel zu singen haben. Allerdings wechseln sich Arien, Duette oder Terzette nicht klassischerweise miteinander ab. Es gibt keine Momente, in denen das Publikum die Solisten feiern könnte, weil das Werk so stringent durchkomponiert ist, sich Noten an Noten reihen, dass sich dem Publikum gar kein Raum für Applaus bietet – außer am Ende des jeweiligen Bildes.

Vor allem Rhys Jenkins hat in der Titelrolle viel Textanteil. Seinen Part meistert er mit Bravour, ganz besonders begeistert er aber mal wieder durch seine Wandlungsfähigkeit. Nachdem er dieses Jahr in Osnabrück schon die dramatischen Hauptrollen in den Opern „Der Horla“ und „Guercoeur“ übernommen hatte, beweist er jetzt als Titelheld in „Falstaff“, dass er auch das komische Fach sehr gut bedienen kann und gesanglich immer eine sichere Bank ist. Mit seinem erdig-kräftigen Bariton, mit dem er selbst die tiefen Lagen exzellent durchdringt, vermag er zu glänzen. Doch spielt er auch vortrefflich – sein Falstaff ist ein menschlicher Parasit, ein widerlicher Fresssack und Säufer, ein Lustmolch mit Sinn für Humor. Großartig!

Den eifersüchtigen Ford singt Jan Friedrich Eggers mit strahlender Stimme, Mark Hamman bleibt als Dr. Cajus buchbedingt hinter seinen Möglichkeiten zurück, vermag aber dennoch alles, was ihm möglich ist, aus seiner kleinen Rolle herauszuholen. Rollendeckend agieren zudem Yohan Kim als Bardolfo sowie José Gallisa als Pistol, wohingegen Erika Simons als Nannetta und Daniel Wagner als Fenton, die sowohl im Zusammenspiel als auch gesanglich perfekt miteinander harmonieren, ein wunderbares Liebespaar darstellen.

Als gesanglich starke und äußerst präsente Damenriege erweisen sich Jessica Rose Cambio, Olga Privalova und Nana Dzidziguri. Mit ihrem vollen Sopran weiß Jessica Rose Cambio als Alice Ford zu begeistern, Olga Privalova punktet als Meg Page mit ihrem wohlklingenden Mezzosopran und Nana Dzidziguri, die schon als Souffrance im „Guercoeur“ fantastisch war, erweckt Mrs. Quickly mit ihrem verführerischen Mezzosopran zum Leben. Eine ebenso starke Leistung bringt der Opernchor, erstklassig einstudiert von Sierd Quarré.

Als exzellentes Bindeglied zwischen Bühne und Orchestergraben erweist sich das präzise Dirigat von Generalmusikdirektor Andreas Hotz. Das Osnabrücker Symphonieorchester führt er mit flotten Tempi ganz hervorragend durch Verdis komplexe Partitur, die von den Musikern genauso lebendig wie punktgenau und nuancenreich zum Klingen gebracht wird.

Zum Schluss, in Verdis mitreißender Fuge, heißt es sehr treffend: „Tutto nel mondo è burla!“ Alles auf Erden ist Spaß – und das trifft auf den „Falstaff“ in Osnabrück auf jeden Fall zu, der musikalisch präzise, optisch ansprechend, sehr kurzweilig-amüsant auf die Bühne gebracht wurde.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".