„Natürlich Blond“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)
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Mehr als Pink: „Natürlich Blond“ in Hamburg

Das Musical „Natürlich Blond“ hat bis heute mit Vorurteilen zu kämpfen, denn die grellen Farben, die popkulturelle Oberfläche und der Ruf einer leichten Komödie verdecken oft, wie durchdacht dieses Stück gebaut ist. Dabei gehört die Musicaladaption des gleichnamigen Films längst zu jenen Werken, die weibliche Figuren nicht als Staffage männlicher Entwicklung erzählen, sondern die Perspektiven konsequent verschieben. Männer sind hier selten Motor der Handlung – vielmehr werden sie zu Nebenfiguren in einem Stück über Selbstbehauptung und die Freiheit, sich nicht den Erwartungen anderer zu unterwerfen. Dass das First Stage Theater in Hamburg dieses Werk nach seiner Aufführung vor drei Jahren – damals noch als Semesterprojekt der Stage School Hamburg – nun als Abschlussproduktion neu auf die Bühne bringt, erweist sich als ausgesprochen glückliche Entscheidung.

Das Musical von Laurence O’Keefe (Musik und Songtexte), Nell Benjamin (Musik und Songtexte) und Heather Hach (Buch) – in der deutschen Übersetzung von Kevin Schroeder und Heiko Wohlgemuth (Songtexte) sowie Ruth Deny (Dialoge) – entfaltet sich in dieser Inszenierung mit Leichtigkeit. Auffällig ist dabei, wie sehr Musik den gesamten Abend trägt: Nicht nur die Songs treiben die Handlung voran, selbst viele Dialogpassagen sind musikalisch unterlegt. Dadurch entsteht ein Fluss, der weniger an die Mechanik klassischer Musicalnummern erinnert als an filmisches Erzählen – Szenen gehen ohne Brüche ineinander über, Tempo entsteht aus rhythmischer Verdichtung. Die Geschichte wirkt nie segmentiert, sondern entwickelt einen kontinuierlichen Sog.

Natürlich Blond Hamburg

Großen Anteil daran hat die Regie von Franziska Kuropka. Sie findet ein Gespür für Timing und Spannungswechsel, ohne den Abend zu überdrehen. Vor allem aber gelingt ihr etwas, woran gerade jugendlich besetzte Produktionen häufig scheitern: Figuren erscheinen nicht als Typen, sondern verändern sich sichtbar im Verlauf des Abends. Selbst Nebenrollen erhalten Kontur. Kuropka vertraut dabei dem Material und vermeidet jede ironische Distanzierung – eine Entscheidung, die sich auszahlt, weil sie den Figuren erlaubt, ernst genommen zu werden, ohne den Humor einzubüßen.

Im Zentrum steht Philine Ehrich als Elle Woods. Sie widersteht souverän der Versuchung, die Figur ausschließlich als quirliges Klischee anzulegen. Stattdessen zeigt sie eine junge Frau, deren Charme nie Naivität bedeutet und deren Zielstrebigkeit nie berechnend wirkt. Ehrich verfügt über die notwendige Bühnenpräsenz, um den Abend zusammenzuhalten, und entwickelt ihre Elle glaubhaft vom unterschätzten Society-Girl zur Frau, die sich weder von akademischen Hierarchien noch von romantischen Erwartungen definieren lässt. Dazu kommen starke gesangliche Qualitäten in jedem ihrer Songs.

Rasmus Meyer-Loos gibt Warner Huntington III. mit einer guten Mischung aus Selbstverständlichkeit und Selbstüberschätzung. Lennard Ney zeichnet Emmett Forrest dagegen angenehm zurückgenommen.

Charlaine Sophie Grube verleiht Vivienne Kensington erfreuliche Eigenständigkeit. Gerade weil die Inszenierung ihre Rolle nicht auf Konkurrenz reduziert, entsteht ein differenzierter Blick auf weibliche Beziehungen. Robert Schmelcher wiederum nutzt Professor Callahan nicht als eindimensionalen Antagonisten, sondern zeigt die Kälte institutioneller Macht mit kontrollierter Präsenz.

„Natürlich Blond“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)

Zu den stärksten komischen Momenten des Abends gehört Laura Rittler als Paulette Buonufonté. Sie spielt die Friseurin mit großer Spielfreude und feinem Gespür für Rhythmus und bringt zugleich jene Bodenhaftung ein, die das Stück zwischen all dem Glitzer benötigt. Elena Krieft überzeugt als Brooke Wyndham mit Bühnenenergie und jener Mischung aus Fitness-Exzess und Selbstbewusstsein, die die Figur so unterhaltsam macht.

Das Ensemble insgesamt arbeitet auf geschlossenem Niveau. Yasmine Huber, Luisa Bernert und Josephine Anne Förster bilden als Margot, Serena und Pilar ein ebenso harmonisches wie hochenergetisches Trio, das besonders in den Delta-Nu-Szenen für enorme Dynamik sorgt. Céline Hellmann setzt als Enid Hoops pointierte Akzente. Und Tyreese Scott zeigt mit mehreren Rollen eindrucksvolle Wandlungsfähigkeit – insbesondere sein Auftritt als Paketbote Kyle entwickelt sich zu einem der Publikumsfavoriten des Abends.

Die Choreografie von Nicole Ecknigk gehört zu den weiteren Stärken der Produktion. Vor allem der Song der Delta-Nu-Schwestern verbindet Exaktheit mit Spielfreude. Der charakteristische Knick-und-Pop-Stil sitzt ebenso wie die choreografisch anspruchsvoll gebaute Sequenz mit Springseilen. Ein besonderer Höhepunkt gelingt zudem mit der Irish-Tap-Nummer.

Musikalisch hält Max McMahon das hohe Tempo des Abends sicher zusammen, während visuell bewusst auf einen stilisierten Zugriff gesetzt wird: Felix Wienbürgers Bühnenbild arbeitet mit viel Rosa und Pink – eine naheliegende Entscheidung, die jedoch nicht in Oberflächlichkeit mündet.

Die Bühne bleibt vergleichsweise einfach, erweist sich aber als erstaunlich wandlungsfähig: Elles Zimmer verwandelt sich in Sekunden in Paulettes Friseursalon, anschließend in Harvard, Gerichtssaal oder Gefängnis. Wienbürgers Lichtdesign unterstützt diese Verwandlungen stimmungsvoll. Besonders die LED-Rahmen erzeugen wirkungsvolle Bilder vom Sternenhimmel bis zur Leuchtschrift von Paulettes Friseursalons.

Auch die Kostüme von Volker Deutschmann und Hermine Seifert tragen erheblich zur Wirkung bei. Sie bedienen die ikonische Ästhetik des Stoffs, ohne sich darin zu erschöpfen. Vor allem Elles Garderobe wird zum sichtbaren Ausdruck ihrer Entwicklung.

Diese Neuinszenierung zeigt eindrucksvoll, weshalb „Natürlich Blond“ mehr Aufmerksamkeit verdient, als das Stück häufig erhält. Hinter der glitzernden Oberfläche steckt ein Musical, das klug konstruiert ist, seine Figuren ernst nimmt und weibliche Perspektiven mit großer Selbstverständlichkeit ins Zentrum rückt. Das First Stage Theater nutzt diese Qualitäten konsequent – und macht daraus einen Abend, der vor allem eines ist: ausgesprochen unterhaltsam.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".