„Elisabeth“ in Wien (Foto: Stefanie J. Steindl)
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Ein Erlebnis am Originalschauplatz: „Elisabeth“ in Wien

Bevor die Kaiserin auf Deutschland-Tour geht, ist sie ein letztes Mal vor der prächtigen Kulisse von Schloss Schönbrunn in Wien zu einem Rendezvous mit dem Tod zu Gast. Das Musical „Elisabeth“ von Sylvester Levay (Musik) und Michael Kunze (Buch und Text) ist für drei konzertante Aufführungen in die Stadt zurückgekehrt, in der es 1992 zur Uraufführung kam. Als Musical am Originalschauplatz zeigen die Vereinigten Bühnen Wien „Elisabeth“ nach dem großen Erfolg der letzten Jahre erneut in Zusammenarbeit mit Semmel Concerts im Ehrenhof von Schloss Schönbrunn – unter freiem Himmel, vor rund 11.000 Zuschauern. Auch knapp 32 Jahre nach der Uraufführung wird schnell klar, dass dieses Musical absolut nichts an Faszination und Brillanz eingebüßt hat.

Wie es bei einer konzertanten Aufführung üblich ist, wird das Stück ohne Bühnenbild aufgeführt. Dafür wurde aber das Orchester auf der Bühne platziert. Und so ganz konzertant ist es dann doch nicht. Denn einerseits treten die Mitwirkenden in den großartigen Kostümen von Yan Tax auf, andererseits haben Regisseur Gil Mehmert und Choreograf Simon Eichenberger auch ein Staging entwickelt und lassen die Darstellerinnen und Darsteller miteinander agieren. Somit ist diese konzertante Fassung von „Elisabeth“ vielmehr halbszenisch als nur konzertant.

Ein Bühnenbild braucht es nicht, denn vor der gewaltigen Kulisse von Schloss Schönbrunn wird deutlich: „Elisabeth“ ist ein musikalisch und dramaturgisch so gutes Musical, dass es ohne Szenenbilder durchaus bestehen kann, zumal Story und Charaktere so wesentlich mehr Raum erhalten. Trotzdem wird es sicherlich spannend zu sehen sein, wie das bei der anstehenden Tour gelöst wird, wenn es eben kein Schloss im Hintergrund zu sehen gibt. Ein einziges Bühnenbildelement gibt es aber doch in Wien: Ein leuchtender Türrahmen mit Treppenstufen in der Mitte der Spielfläche dient als effektvoller Auftrittsort. Das wie immer exzellente Lichtdesign von Michael Grundner sorgt zusätzlich für die richtige Atmosphäre.

Die Inszenierung von Gil Mehmert ist darauf ausgelegt, dass die Szenen auf große Leinwände übertragen werden, so dass auch die Zuschauerinnen und Zuschauer in den hinteren Reihen die Mimik und Gestik der Darsteller erkennen können – auch diesbezüglich bleibt abzuwarten, ob und inwiefern die Inszenierung für die Tour noch verändert wird. Musikalisch setzt das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter der Leitung von Carsten Paap Maßstäbe und glänzt von der ersten bis zur letzten Note der Partitur.

Letztendlich steht und fällt ein Stück wie „Elisabeth“ aber mit der Besetzung. Und die ist bei der konzertanten Aufführung in Wien wieder mal sehr stark. Schade ist jedoch, dass man vom letztjährigen Konzept, die Titelrolle als junge und alte Elisabeth unter zwei Darstellerinnen aufzuteilen, wieder abgerückt ist. Während diese Idee sogar bei der anstehenden Neuinszenierung in den Niederlanden aufgegriffen wird, steht in Schönbrunn nur noch eine Darstellerin als Kaiserin auf der Bühne: Annemieke van Dam.

Sie wird den emotionalen Anforderungen der vielschichtigen Rolle mehr als gerecht und stellt Freude, Verzweiflung, Wut und Sehnsucht glaubhaft dar, entwickelt ihre Elisabeth von einer jungen, naiven Prinzessin zu einer komplexen, reifen Frau, die mit den Herausforderungen ihres Lebens hadert. Elisabeths Lieder reichen von kraftvollen, dynamischen Nummern bis hin zu introspektiven, melancholischen Balladen. Diese musikalische Bandbreite deckt van Dam mühelos ab und kann so ihre gesanglichen Fähigkeiten voll zur Geltung bringen.

Gino Emnes verleiht dem Tod eine greifbare und emotional vielschichtige Präsenz, die über eine bloße abstrakte Vorstellung hinausgeht. So ist er nicht nur ein Feind, sondern auch ein Begleiter, der Elisabeths Leben ständig beeinflusst. Durch seinen dramatisch-intensiven Gesang unterstreicht er die charismatische und dunkle Natur seiner Rolle.

Der Lucheni von Riccardo Greco zeichnet sich durch eine zynische und sarkastische Haltung aus. Er ist oft spöttisch und stellt die Monarchie, das Schicksal und die Gesellschaftsstrukturen in Frage. Mit dieser Sichtweise sorgt Greco für eine gewisse Distanz zu den Ereignissen und bringt eine düstere, humorvolle Note in das Stück. Gesanglich glänzt er bei jedem seiner Auftritte und unterstreicht vor allem bei „Kitsch“ mit seiner bissigen Intonation die rebellische Seite des Attentäters.

Armin Kahl stellt als Franz Joseph die tragische Figur des Kaisers dar. Trotz seiner Macht und Autorität hat dieser Schwierigkeiten, seine persönliche Beziehung zu Elisabeth zu steuern und ihr die Freiheit und Liebe zu geben, nach der sie sich sehnt, was Kahl wunderbar visualisiert. Die Rolle von Erzherzog Rudolf erfordert eine darstellerische Leistung, die tiefe emotionale und psychologische Nuancen umfasst. Diesem Part ist Moritz Mausser vollends gewachsen, so dass er die Mischung aus Verzweiflung, Rebellion und Sehnsucht glaubhaft transportieren kann.

Als Hauptantagonistin zu Elisabeth steht Erherzogin Sophie für die konservativen Werte und die traditionelle Ordnung des Hofes. Sie sieht Elisabeths unkonventionelle Art und ihren Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung als Bedrohung für die Stabilität und den Ruf des Kaiserhauses. Mit Helen Schneider hat Regisseur Gil Mehmert eine wahre Grand Dame des Musicals – mit der er unter anderem bei „Das Lächeln einer Sommernacht“ und „Ghetto Swinger“ zusammenarbeitete – für diese Rolle verpflichtet, deren Komplexität und Vielschichtigkeit Schneider stark vermittelt. In ihren kleineren Rollen nicht weniger überzeugend sind Bettina Mönch als Herzogin Ludovika und Frau Wolf sowie Hans Neblung als Herzog Max und Florine Schnitzel als Helene. Auch die kollektive Ensembleleistung ist schlichtweg fabelhaft.

Wenn man an dieser Open-Air-Produktion von „Elisabeth“ etwas kritisieren möchte, dann sind es die wirklich unverschämten Eintrittspreise, die auch im nächsten Jahr bei der Nachfolgeproduktion „I am from Austria“ aufgerufen werden. Aber der Erfolg gibt den Machern recht, denn offensichtlich sind selbst in Krisenzeiten noch immer genug Menschen bereit und in der Lage, bis zu 399 Euro für einen (VIP-)Platz in den vorderen Reihen zu bezahlen. Doch selbst der besondere Schauplatz, das relativ große Orchester und die fantastischen Darstellerinnen und Darstellen rechtfertigen solche Eintrittspreise keinesfalls. Auch nicht, wenn bei den VIP-Plätzen noch Essen und Getränke beinhaltet sind.

Text: Christoph Doerner

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Nach seinem Studium der Musiktheaterwissenschaft, einem Volontariat sowie mehreren journalistischen Stationen im In- und Ausland, ist Christoph Doerner seit einigen Jahren als freier Journalist, Texter und Berater tätig.