„Kuss der Spinnenfrau“ (Foto: Kirsten Nijhof)
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Schwere Kost: „Kuss der Spinnenfrau“ in Leipzig

Es ist nicht das Spiel von Glitzer und klassischem Happy End. Es sind nicht die seichten Melodien, die hübschen Choreografien und die spritzigen Dialoge, die verzaubern. Man spricht im Musical „Kuss der Spinnenfrau“ von Tabuthemen. Von Hass, Erniedrigung und Verrat. Von Unterdrückung in einem faschistischen System voller Gewalt und Hinrichtung, aber auch von Liebe, Freundschaft, Hoffnung und dem Glauben an eine bessere Zukunft. Nachdem der Vorhang gefallen ist, trägt man kein beschwingtes Gefühl in sich, sondern sortiert vielleicht noch tagelang seine Gedanken. Und dennoch funktioniert auch dieses Spiel: Man beginnt sich oder seine Lebenseinstellung zu hinterfragen, und oftmals ist die Thematik aktueller denn je – versehen mit einer Botschaft, einer Moral und in ihrer Schwere auch mit kleinen, aber feinen Glitzermomenten.

Mit dem „Kuss der Spinnenfrau“ aus der Feder des Erfolgsduos John Kander (Musik) und Fred Ebb (Texte) wird ein berühmtes Meisterwerk an der Musikalischen Komödie Leipzig von Cusch Jung hochgradig publikumsnah inszeniert. Basierend auf dem Roman von Manuel Puig trifft hier die erschreckende, brutale Realität einer argentinischen Strafanstalt zur Zeit der Militärjunta in den 1970er Jahren auf die glanzvolle Fantasiewelt alter Hollywoodstreifen. Es bedurfte viel Fingerspitzengefühl, diese schwere Thematik so tiefgründig und berührend auf die Bühne zu bringen. Ein Abend, der zum Nachdenken anregt.

Aufgrund von Baumaßnahmen findet sich die Spielstätte der Musikalischen Komödie vorübergehend im Westbad in Leipzig wieder. Dieses ursprüngliche Schwimmbad, heute als Eventlocation genutzt, ist ein ungewöhnlicher und zugleich magischer Veranstaltungsort. Die Bühne und Zuschauerplätze wurden eigens von Frank Schmutzler für „Kuss der Spinnenfrau“ um 90 Grad gedreht, so dass auch die Empore als Spielort genutzt werden kann. Stacheldraht und Scheinwerfer an der richtigen Stelle geben dem Zuschauer schon beim Betreten des Saals, der ehemaligen Schwimmhalle, das Gefühl, sich in einem Gefängnis zu befinden. Beklemmung, Bedrohung und Ausübung von Macht und Gewalt sind allgegenwärtig spürbar. Auf der Bühne sind zwei Zellenhälften angeordnet, die im Laufe des Stücks gekonnt gedreht und gewendet werden. Hinter dem Geschehen und ebenfalls hinter Gittern nimmt das Orchester unter der Leitung von Christoph-Johannes Eichhorn Platz. Wärter patrouillieren, und auch wenn man sich manchmal während der Vorstellung fragt, ob ein kleineres Theater nicht wirksamer gewesen wäre – der Ort des Geschehens glänzt definitiv durch seine Besonderheit.

Molina, ein homosexueller Dekorateur mit Sinn für „Stil und Dekor“ und Valentin, ein Revolutionär und politisch Verfolgter, teilen sich in einem argentinischen Gefängnis in Zeiten von Hass, Gewalt und Unterdrückung eine Zelle. Zwei Männer beginnen hier ihre gemeinsame Reise, obwohl ihre Weltanschauung nicht unterschiedlicher sein könnte. Der Start für die beiden gestaltet sich als äußerst schwierig – zu wenig passt Molina mit seinen bunten Morgenmänteln und dem Glauben an das Gute im Menschen zu Valentin, welcher enttäuscht ist von der Realität – und zudem übel zugerichtet, gedemütigt, gebrochen. Doch Molina hat ein Geheimrezept, um die Dunkelheit und Schwere im Gefängnis zu ertragen: Er flüchtet sich in eine Fantasiewelt. Genauer gesagt, in die Welt des Films und des Hollywoodzaubers. Besonders angetan hat es ihm Aurora, eine für ihn magische Frau, die ihn durch ihre fantastischen Interpretationen verschiedenster Charaktere immer wieder aufs Neue entführen kann. Lediglich in einer Rolle fürchtet er sie: In der Rolle der Spinnenfrau, weil sie jeden, den sie küsst, zugleich mit dem Tod beschenkt.

Gaines Hall ist in der Rolle des Molina ein Glücksfall. Vielleicht auf den ersten Blick ein klein wenig naiv, ist er herzensgut, liebevoll und loyal und spielt mit einer frischen Leichtigkeit und der passenden Prise Humor. Zudem gelingt es ihm mit viel Einfühlungsvermögen, die Rolle nicht ins Lächerliche abdriften zu lassen, sondern sorgt dafür, dass man mit seiner berührenden Art beginnt mitzufühlen. Sein Molina hat den Blick für das Schöne und die Gabe für die Fantasie. Sobald Aurora in seiner Gedankenwelt Platz nimmt, ergreift sie von ihm Besitz, er wird mit ihr eins, mit ihrer Stimme, ihren Gesten. Beeindruckend zieht Gaines Hall Auroras Linien nach, verschmilzt praktisch mit ihr – zu Beginn etwas, womit Valentin (Friedrich Rau) nichts anfangen kann. Fast schon höhnisch blickt er auf Molina und seine Fantasiewelt hinab. Für ihn zählen echte Ideale und die Realität, die ihn schmerzhaft zurichten ließ. Friedrich Rau gelingt es, hervorragend schauspielerisch wie stimmlich, Schwere, Verbitterung und Hass zu verkörpern, die Valentin auch im brutalen Gefängnisalltag unter der harten Hand des Gefängnisaufsehers (Cusch Jung) nicht entkommen lassen. Seine Welt und seine Idealvorstellungen gingen verloren – etwas, was ihn zerbrechen ließ.

„Kuss der Spinnenfrau“ (Foto: Kirsten Nijhof)

Erst nach einer ganzen Weile beginnt Valentins vermeintlich raue Schale zu bröckeln, und Friedrich Rau lässt sehr berührend den weichen Kern zum Vorschein kommen, den er tief verborgen in sich trägt. Es gelingt Molina, Valentin in den Bann seiner Traumwelt zu ziehen, ja, er wird sogar darum gebeten, von Aurora zu erzählen. Verkörpert durch Anke Fiedler, ist Aurora eine unvergleichliche Schönheit, die mit ihrer kräftigen, tiefen Stimme geschickt Zärtlichkeit, Eleganz und Erotik in der Gestalt einer klassischen Hollywoodschönheit mit der Darstellung der schwarzen Spinnenfrau, dem personifizierten Tod, vereint. Wenn sie einmal ihr Netz gespannt hat, gibt es kein Entrinnen.

Ein gelungener Schachzug der Regie von Cusch Jung ist, dass Aurora über die Empore ins Geschehen eintaucht und somit dem Ganzen eine Macht gibt, die alles andere auslöscht. Dann existiert nur sie, und Molina erliegt ihr hoffnungslos. Anke Fiedlers Spiel ist authentisch und auf den Punkt genau, ohne die Chance auf Vorlauf und Entwicklung schlüpft sie von einer Figur in die nächste und gibt somit jedem Filmcharakter ihren eigenen, persönlichen Glanz. Ihre schillernden Kostüme und ihre betörende Art sind sowohl für Molina und Valentin als auf für den Zuschauer in dem grauen Gefängnisalltag ein Rettungsanker, ein Lichtblick, ein Zufluchtsort. Und doch, obwohl stimmlich einnehmend und faszinierend, wirkt sie als Aurora manchmal etwas schmal und zart – ihre starke Präsenz stößt zeitweise an ihre Grenzen. Vielleicht mag das aber auch der Größe des Hauses geschuldet sein, in dem so manches hier und da etwas verloren wirkt.

Umgeben ist Anke Fiedler von dem sagenhaften Ballett der Musikalischen Komödie, welches umso mehr demonstriert, wie anziehend Aurora in Molinas Fantasie ist. Trotz räumlich beschränkter Möglichkeiten gelingt es Melissa King, Choreografien zu kreieren, die das Publikum ebenfalls den harten, dunklen Gefängnisalltag für einige Minuten vergessen lassen.

Es sind die leidenschaftlichen, schwungvollen Rhythmen und die abwechslungsreiche, teils schon fast skurrile Musik, gezeichnet von lateinamerikanischen Klängen, die einen gewissen Zauber in die doch eher düstere Handlung von „Kuss der Spinnenfrau“ schweben lassen. Die Materie ist schwer, und es dauert, bis der erste Akt etwas Anlauf nehmen kann, das Stück sozusagen einen gewissen Drive erhält. Der Beginn ist geprägt vom tristen Gefängnisalltag und dem harten Zwischenspiel der Wärter und männlichen Insassen – großartig verkörpert durch den Herrenchor der Musikalischen Komödie. Der Zuschauer muss sich in den Wirren von Macht, Herrschaft, Gewalt und der Frage nach Loyalität und Vertrauen erst einmal finden und sich die Zeit geben, einzutauchen.

Im zweiten Akt gelingt es der Inszenierung, Fahrt aufzunehmen und mit „Kuss der Spinnenfrau“ einen echten Höhepunkt zu schaffen – es ist die Szene, in der Valentin und Molina sich körperlich näherkommen, in der letzten Nacht vor Molinas Entlassung in die Freiheit. Die Begegnung mit Molina hat Valentin verändert. Er hat erfahren, dass jemand unvoreingenommen hinter ihm stand und liebevoll zu ihm war, obwohl er ihm zunächst nichts dergleichen zurückgeben konnte. Er bittet Molina seiner Geliebten Marta eine Nachricht zu überbringen. Allerdings wird dieser beobachtet, verfolgt und erneut inhaftiert. Bis zum letzten Atemzug verrät Molina seinen Freund nicht und wird erschossen. Es ist der letzte Kuss Auroras. Der Kuss der Spinnenfrau.

Text: Katharina Karsunke

Katharina Karsunke ist Sozial- und Theaterpädagogin, hat jahrelang Theater gespielt, aber auch Kindertheaterstücke geschrieben und inszeniert. Ihre Liebe fürs Theater und ihre Leidenschaft fürs Schreiben kombiniert sie bei kulturfeder.de als Autorin.

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