„Der Glöckner von Notre Dame“ in Budapest
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Ebenso opulent wie tiefgründig: „Der Glöckner von Notre Dame“ in Budapest

Schon mit den ersten Takten macht das Disney-Musical „Der Glöckner von Notre Dame“ am Operettentheater Budapest klar, dass es hier nicht um gefällige Nostalgie, sondern um großes, ernsthaftes Musiktheater geht. Die düstere Wucht von Alan Menkens Partitur, Stephen Schwartzs vielschichtige Songtexte und Peter Parnells dramaturgisch stringentes Buch entfalten in dieser Produktion eine ungeheure Kraft – die umso bedeutender erscheint, da ATG Entertainment diese Inszenierung noch in diesem Jahr auf Deutschland-Tournee schickt und wir somit auch hierzulande in den Genuss dieser Produktion kommen.

Regisseur Zsolt Homonnay, der zugleich für die ungarische Übersetzung der Texte verantwortlich zeichnet, gelingt eine bemerkenswert klare, emotional präzise Figurenführung. Seine Inszenierung orientiert sich eng an der von Scott Schwartz, die bereits in Berlin, Stuttgart, München und Wien zu sehen war, entwickelt daraus jedoch eine eigene Konzentration und Geschlossenheit. Homonnay erzählt die Geschichte ohne Brüche, vertraut auf ihre Tragik und ihre humanistische Botschaft – und wird dafür belohnt. Jede Szene ist stringent gebaut, jede Beziehung sorgfältig ausgeleuchtet, vom inneren Konflikt Claude Frollos bis zur verletzlichen Stärke Quasimodos.

Die Choreografie von István Simon treibt das Geschehen mit hohem Tempo voran. Sie ist dynamisch, körperlich fordernd und zugleich erzählerisch klar. Besonders in den Ensemblenummern entsteht eine eindrucksvolle Bewegungswucht, die die soziale Enge, die Ausgrenzung und die eruptive Gewalt der Masse physisch spürbar macht.

Das Bühnenbild von Túri Erzsébet erweist sich als visuelles Herzstück des Abends. Es erinnert stark an die bekannte Schwartz-Inszenierung, nimmt jedoch kleinere Anpassungen vor, die dem Budapester Haus Rechnung tragen. Eine monumentale Glockenturm-Konstruktion, verschiebbare Ebenen und eine dominante Kathedralarchitektur schaffen eine hochästhetische und zugleich funktionale Spielfläche. Dass dieses ausladende Bühnenbild auch für die kommende Tournee genutzt wird, zeigt den Anspruch und die Qualität, die sich visuell voll auszahlt.

Die Kostüme von Anni Füzér sind farbenfroh, zeit- und rollengerecht und unterstützen die Charakterzeichnung hervorragend. Sie folgen ebenfalls der bekannten Ästhetik der Vorbilder, ohne zur bloßen Kopie zu werden. Das Lichtdesign von Ákos Bodor und die Projektionen von Péter Somfai verstärken die Optik der Show entscheidend: Licht und Bild arbeiten subtil, aber wirkungsvoll, ohne sich zu stark in den Vordergrund zu drängen.

Musikalisch steht der Abend auf beeindruckend sicherem Fundament. Unter der Leitung von Zsolt Tassonyi entfaltet das Orchester Alan Menkens vielschichtige Partitur in all ihrer dramatischen Spannweite. Die sakral anmutenden Chorpassagen erhalten ebenso Raum wie die intimen, lyrischen Momente. Die Balance zwischen Orchestergraben und Bühne stimmt, Details werden hörbar ausgearbeitet, ohne den großen Bogen aus dem Blick zu verlieren. Mónika Szabós Einstudierung sorgt dafür, dass der Chor nicht nur klanglich, sondern auch darstellerisch eine zentrale Rolle einnimmt – kraftvoll, geschlossen und von großer Präsenz.

Auch das Ensemble überzeugt durchweg. Péter Antolovics gestaltet Quasimodo mit berührender Innigkeit und vokaler Sicherheit. Seine Darstellung vermeidet jede Sentimentalität und zeigt die Zerrissenheit der Figur ebenso wie ihre stille Würde. Petra Kálmán verleiht Esmeralda Charisma, Wärme und eine klare, kraftvolle Stimme, die ihre Unabhängigkeit und Verletzlichkeit glaubhaft vereint. Soma Langer zeichnet Claude Frollo als zutiefst ambivalente Figur: stimmlich kontrolliert, darstellerisch intensiv, erschreckend menschlich in seiner moralischen Verirrung. Norman Szentmártoni gibt Phoebus als integren, sympathischen Gegenpol, während Zoltán Kiss als Clopin mit Erzählerautorität, Energie und feinem Humor, aber auch einer gewissen Gefährlichkeit überzeugt.

So erweist sich diese Budapester Produktion von „Der Glöckner von Notre Dame“ als ebenso opulentes wie tiefgründiges Musicalereignis. Sie nimmt ihr Publikum ernst, scheut nicht vor Dunkelheit zurück und entfaltet gerade daraus ihre Kraft. Dass ATG Entertainment diese Inszenierung nun auch nach Deutschland bringt, ist eine gute Nachricht – bleibt nur noch abzuwarten, ob dafür eine deutschsprachige Cast zusammengestellt oder eine ungarische Cast verpflichtet wird. Letztere blieb bei der Budapester Produktion von Disneys „Die Schöne und das Biest“, die schon mehrfach auf Deutschland-Tournee war, in der Artikulation leider unscharf, genauso wie bei der ungarischen „Mozart!“-Produktion, die 2006 in München gastierte.

Text: Patricia Messmer

kulturfeder.de

Patricia Messmer hat Medien und Musik studiert und ein Volontariat zur Onlineredakteurin absolviert. Sie liebt Reisen, Sprache, Musik, Bücher, Filme, Serien und Musicals.