„The Giacomo Variations“, Foto: Nathalie Bauer
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Oper im Fast-Food-Stil: „The Giacomo Variations“ in Recklinghausen

Bereits zum zweiten Mal ist Hollywood-Schauspieler John Malkovich im westfälischen Recklinghausen zu Gast. Während seines Gastspiels im Rahmen der Ruhrfestspiele 2010 entstand die Idee zu einem neuen Musiktheaterprojekt mit dem Titel „The Giacomo Variations“. Dazu nehme man die drei Mozart-Opern „Don Giovanni“, „Le nozze di Figaro“ und „Cosi fan tutte“, ändere die Namen und lasse zwei Schauspieler und zwei Sänger unter der Regie von Michael Sturminger die Geschichte von Giacomo Casanova erzählen. Die Rolle des großen Frauenverführers übernimmt dabei selbstverständlich Malkovich persönlich. Während er im vergangenen Jahr in „The Infernal Comedy“ die Frauen noch killte, holt er sie sich in diesem Jahr in sein Bett.

Doch anfangs sieht es gar nicht so aus, als würde es überhaupt so weit kommen. „The Giacomo Variations“ hat noch gar nicht richtig begonnen, Malkovich hat gerade erst die Bühne betreten und die ersten Sätze hervorgebracht (gesprochen wird in Englisch, gesungen in Italienisch) da bricht er zitternd auf der Bühne zusammen. Was zunächst wirkt, als würde es zur Handlung gehören, wirkt in seiner Dramatik spätestens dann absolut real, als die Spielleiterin auf die Bühne kommt und verzweifelt nach einem Arzt im Publikum ruft. Unruhe im Zuschauerraum. Kollegen eilen Malkovich von der Seitenbühne und aus dem Orchestergraben zur Hilfe. Dass das alles zur Handlung gehört und es Malkovich im Gegensatz zu Casanova, den er spielt, gut geht, wird erst aufgelöst, als plötzlich die Opernsängerin Sophie Klußmann mit einem Spielzeug-Arztköfferchen in die Szene tritt und eine Mozart-Arie zu singen beginnt.

Durch diese Schlüsselszene wird klar: Casanova ist alt geworden. Seinen Lebensabend verbringt der frühere Frauenheld im Haus seines Gastgebers Graf von Waldstein. Mit seinen Frauengeschichten versucht er, Gräfin Isabella und das weibliche Hauspersonal zu beeindrucken. Während er in seinen Erinnerungen schwelgt, ist der Bariton Markus Eiche als junger Casanova zu hören. Seine Frauenbegegnungen verkörpern die Schauspielerin Ingeborga Dapkunaite und die Sopranistin Sophie Klußmann.

Ein Hingucker ist das Bühnenbild, das zwar nicht sehr opulent ist, dafür aber aus drei überdimensionalen Reifröcken besteht, die den Blick auf verschiedene Szenerien wie Casanovas Schlaf- oder Arbeitszimmer freigeben. Für die musikalische Umsetzung zeichnet Roberto Paternostro mit dem Orchester Wiener Akademie verantwortlich, der seine Musiker stringent durch die Mozart-Partitur dirigiert.

Schauspielerisch ist Malkovich wie schon in „The Infernal Comedy“ großartig, und auch gesanglich schlägt er sich tapfer. Bei den wirklich schwierigen Arien übernimmt dann aber glücklicherweise Markus Eiche für ihn, der die Mozart-Arien wunderbar mit seinem vollen Bariton intoniert. Sophie Klußmann steht ihm dabei gesanglich in nichts nach. Allerdings wirkt es, als hätte Regisseur Michael Struminger seine vier Schützlinge relativ im Stich gelassen. Spannungen, Emotionen oder Gefühle bauen sich eigentlich nie auf, wenn man einmal vom schockenden Anfang des Stücks absieht.

Letztendlich stehen Musik und Gesang im Vordergrund – und Malkovich. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit sitzen nicht wenige Leute im Publikum, die nur wegen ihm dort sind. Und mit großer Wahrscheinlichkeit funktioniert „The Giacomo Variations“ auch nur mit Malkovich. Denn insgesamt ist es nicht mehr als ein Fast-Food-Produkt: Mozarts Musik bildet die Grundlage, auf der die Handlung rund um Giacomo Casanova aufbaut, die wiederum mit hübschen Rokoko-Kostümen garniert wurde. Und Malkovich? Der drückt einem einfach zusammengebauten Burger den Deluxe-Stempel auf. Das war‘s.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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