„Fremde Erde“ (Foto: Stephan Glagla)
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Schwere Kost: „Fremde Erde“ in Osnabrück

Die Ausgrabung unbekannter Opernliteratur war schon unter der zehnjährigen Intendanz von Ralf Waldschmidt eine Spezialität des Theaters Osnabrück. Weil auch der neue Intendant Ulrich Mokrusch daran festhält, erlebte nun die Oper „Fremde Erde“ von Karol Rathaus ihre Osnabrücker Erstaufführung. Zuvor war das Werk weltweit nur zweimal zu sehen – bei seiner Uraufführung im Jahr 1930 und noch einmal 1991.

Im Fokus der Handlung steht Semjin, ein Arbeiter aus Osteuropa, der mit seiner Verlobten Anschutka und deren Vater auf dem Weg nach Südamerika ist, in der Hoffnung, jenseits des Atlantiks ein besseres Leben zu finden. In rund drei Stunden erlebt das Publikum eine äußerst schwere Kost und erkennt den Kontrast zeigt zwischen Neuer Welt und alten Überzeugungen, zwischen dem Zerbrechen der Hoffnung der Auswanderer und einem nicht zu bändigenden Raubtierkapitalismus.

Die Inszenierung von Jakob Peters-Messer ist unaufdringlich und konzentriert sich auf das Erzählen der Geschichte sowie auf die Charaktere. Ebenso unaufdringlich sind das Kostüm- und Bühnenbild von Markus Meyer, wobei die vier Akte optisch trotzdem etwas hermachen. So finden wir uns zunächst an Bord eines Auswandererschiffes, das durch einen großen Hochseecontainer angedeutet wird, in dem die Flüchtenden aus Osteuropa zusammengepfercht hocken. Später dann geht’s auf das Anwesen der reichen Minenbesitzerin Lean Branchista, in eine Salpetermine und in die Docks von New York.

Musikalisch ist „Fremde Erde“ nichts für Operneinsteiger oder Liebhaber großer Melodien. Die Musik von Karol Rathaus kommt sehr schwermütig, stellenweise sogar disharmonisch daher, vermag es aber sehr gut, die jeweilige Stimmung auf der Bühne zu transportieren. Dies ist auch ein Verdienst von Generalmusikdirektor Andreas Hotz am Pult, der das Osnabrücker Symphonieorchester präzise durch die facettenreiche Partitur manövriert.

„Fremde Erde“ (Foto: Dominik Lapp)

Auf der Bühne sind die einzelnen Rollen perfekt besetzt. Dabei ergänzen sich die neuen Ensemblemitglieder mit den alten ganz hervorragend. Susann Vent-Wunderlich glänzt als Lean mit ihrem voluminösen Sopran und darf mit ihrer Jazznummer im ersten Akt die wohl eingängigste Arie dieser Oper singen. Jan Friedrich Eggers ist ihr ein ebenbürtiger Bühnenpartner. Mit seinem volltönenden Bariton vermag er zu begeistern, während er schauspielerisch überzeugend den zwischen zwei Frauen stehenden Auswanderer Semjin gibt.

Einen wunderbar schmierigen Sennor Esteban spielt und singt Ensemble-Neuzugang James Edgar Knight. Gesanglich überzeugen können weiter Rhys Jenkins als Tschechow und Erik Rousi als Guranoff. Weil der leider erkrankte Aljoscha Lennert in der besuchten Vorstellung lediglich den Part des Arankan spielt (das aber mit vollem Einsatz), singt Georg Drake – der erst zwei Tage vor der Vorstellung die Noten für seinen Einspringer erhielt – mit schönem Tenor für Lennert vom linken Bühnenrand aus. In der recht kleinen Rolle des Rosenberg erweist sich Mark Hammann als sichere Bank, während Julie Sekinger und Olga Privalova als Rosette und Anschutka durch ihre glasklaren Stimmen aufhorchen lassen und dafür verdient viel Applaus erhalten.

Nach der viel zu langen Corona-Zwangspause erweist es sich als Wohltat, dass nun auch endlich wieder der fantastische Chor des Theaters Osnabrück samt Extrachor und Statisterie auftreten darf. Einstudiert von Sierd Quarré, sorgen die Chorpassagen für weitere starke Momente in dieser rundum gelungenen Inszenierung. „Fremde Erde“ ist definitiv keine leichte Kost, aber für Menschen mit etwas Opernerfahrung genauso sehens- wie hörenswert.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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