„Footloose“ (Foto: Dennis Mundkowski)
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Energiegeladen: „Footloose“ in Hamburg

Man nehme: Ein glitzerndes, mitreißendes Musical, basierend auf einem Achtzigerjahre-Film voller groovender Tanzelemente, dazu hochtalentierte, äußerst motivierte junge Künstler und ein kleines, mittlerweile schon längst über Insiderkreise hinaus bekanntes Theater, das als Talentschmiede gilt und für beste Unterhaltung und Qualität steht. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Nach einem Jahr Zwangsverschiebung durch die Corona-Pandemie ist das First Stage Theater in Hamburg energiegeladener zurück denn je und präsentiert mit seinen diesjährigen Studierenden und Absolventen der Stage School eine Sommerproduktion der Extraklasse.

„Footloose“ ist der berühmte Film-Klassiker aus dem Jahr 1984, als Musical in Hamburg inszeniert von Felix Löwy und seinem einfallsreichen Kreativteam. Schon bevor sich der Vorhang hebt, hat das Publikum Gelegenheit, langsam in die Atmosphäre einzutauchen. Es sind die Sirenen Chicagos, die Lichter der Stadt und einzelne Bewohner dieser pulsierenden Metropole – sei es die Joggerin, der Musiker, die Putzfrau oder der Obdachlose, welche den Zuschauer langsam, aber sicher in die Geschichte saugen, noch bevor sie überhaupt richtig begonnen hat.

Gegensätzlicher könnten zwei Welten nicht sein. So empfindet dies auch Ren, als er mit seiner Mutter Hals über Kopf Chicago verlässt, um nach dem schmerzhaften Weggang seines Vaters nach Bomont zu Verwandten zu ziehen. Für ihn ist es das Ende der Welt und Riccardo Greco gelingt dieser jugendliche, ungestüme, aber auch herzensgute Teenager herausragend. Mit jeder Geste und jedem Blick nimmt man ihm den verzweifelten jungen Mann ab, der in seiner neuen Heimat eigentlich nur ankommen und alles Vergangene hinter sich lassen möchte, doch in jeder erdenklichen Situation aneckt.

Schon beim ersten Besuch des Gottesdienstes umschlingt ihn eine erdrückende, allseits kontrollierende Atmosphäre, die es ihm unmöglich macht, in den Augen der ortsansässigen Gesellschaft richtig zu agieren. Eine Atmosphäre, und vor allem das ausgesprochene Tanzverbot, das die Jugendlichen der Stadt natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Ganz besonders nicht Ariel, Tochter des Reverends, die nach dem Gottesdienst aus ihrem spießigen Kleidchen schlüpft und sich in Hotpants und Cowboystiefeln heimlich mit ihrem Freund und seinen Jungs trifft. Sie alle haben die Träume Jugendlicher – die erste große Liebe, das Verlangen nacheinander, Freiheit, Sorglosigkeit, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft außerhalb der Stadtmauern.

Faye Bollheimer überzeugt in der Rolle der Ariel durch und durch. Mag man Ariel bei ihrem ersten Auftritt neben ihrer Mutter Vi Moore (Femke Soetenga) in der Kirche noch für eine kleine graue Maus halten, wird man im Anschluss sofort eines Besseren belehrt. Von der ersten Sekunde an sticht Bollheimer hervor mit einer faszinierenden Bühnenpräsenz und einer Ausstrahlung, die den Zuschauer nicht wegsehen lässt. Stimmlich sehr souverän und schauspielerisch absolut authentisch, hält sie als Ariel das Stück als einer der wichtigsten Charaktere zusammen. Somit ist es kein Wunder, dass sich Ren auf den ersten Blick in Ariel verguckt.

Stets an ihrer Seite: Ihre Freundinnen Rusty (Lena Sophie Pudenz), Wendy Jo (Charlotte Elisabeth Schramm) und Urleen (Anna Luca Faradi), Teenager-Mädels voller Schwärmereien und Hoffnungen. Allen dreien gelingt es, ihre Rollen liebevoll und charismatisch auf den Punkt zu gestalten und stets für den ein oder anderen Lacher zu sorgen. Einen absoluten Höhepunkt des ersten Aktes bietet sicherlich „Holding out for a Hero“, als die vier Freundinnen von großen Helden träumen und somit das kleine Theater zum Beben bringen.

Hervorheben möchte man hier Lena Sophie Pudenz als Rusty, Ariels beste Freundin, die mit einem unglaublichen Witz, einer grandiosen Mimik und ausdrucksstarker, äußerst klangvoller Stimme, das Publikum von der ersten Sekunde an auf ihre Seite zieht. Dies liegt auch daran, dass Rusty unglaublich verliebt ist in Willard Hewitt (Aliosha Jorge Ungur), einen schüchternen Jungen aus dem Dorf, der ihre Signale zunächst so gar nicht versteht. Ungur und Pudenz spielen sich großartig die Bälle zu, bis die beiden letztendlich zueinander finden.

Überhaupt sind alle Rollen exzellent besetzt. Jeder schafft es, die Linien seines Charakters authentisch und nachvollziehbar zu zeichnen. Die Kombination von Studierenden der Stage School und Musicaldarstellern mit langjähriger Bühnenerfahrung macht dieses Zusammenspiel perfekt und energiegeladen – eine Energie, die so ansteckend ist, dass man sich tatsächlich fragt, wie man die letzten Monate ohne Theater und Musik ausgehalten hat.

Im Laufe des Stücks wird immer deutlicher, dass es sich in Bomont um einen Kampf auf beiden Seiten handelt: Der Kampf der Jugendlichen – allen voran Ren – die einfach nur ihrem Alter entsprechend leben möchten, und der Kampf des Reverend Shaw Moore, der dominant und scheinbar unerbittlich, aber vor allem gefangen in einer tiefen Traurigkeit und Angst vor Kontrollverlust, keine gesetzlichen Änderungen zulässt. Mit Florian Soyka ist der Reverend namhaft besetzt und in seiner Rollengestaltung gelingt es ihm mehr als nachvollziehbar, erahnen zu lassen, welche Schwermut Moore in sich tragen muss. So wird es für ihn auch immer problematischer, den Bedürfnissen seiner jugendlichen Tochter nachzukommen, gerade als er merkt, dass ihm die Fäden immer mehr aus der Hand gleiten. Stets an seiner Seite ist seine Frau Vi (Femke Soetenga), die trotz des Schicksalsschlags versucht, nach vorne zu blicken und ihrem Mann immer wieder eine aufbauende Stütze ist – und ihm gerne auch mal Paroli bietet. Als eine der Großen im Musicalbusiness gelingt es Soetenga hier, in ihrer authentischen, empathischen Darbietung der Vi Moore zwischen Ehemann und Tochter eine Brücke zu schlagen, so aussichtslos es zwischenzeitlich auch scheint.

Doch letztendlich sind es die Jugendlichen, die es schaffen, für sich zu gewinnen. Wahrscheinlich auch, weil sie gar keinen Kampf wünschen, sondern einfach nur ihr Leben leben möchten. Als Ren in der Stadtratssitzung vorspricht, um das Gesetz zum Tanzverbot zu stürzen, verliert er. Doch er und der Reverend haben sich längst angenähert, ja, vielleicht auch zum Schluss endlich verstanden. Beide haben Verluste erlitten und beiden wurde die Sorglosigkeit genommen, aber für beide erhält das Leben den Sinn zurück. Auch Shaw Moore realisiert, dass seine Verbote vielleicht zu hart waren – und somit werden Bomont wieder das Tanzen und die Lebensfreude geschenkt.

Musikalisch ist „Footloose“ ein Zuckerstück: rockig, poppig, voller groovender Ensemblenummern und eingängiger Balladen. All das wird schwungvoll und mitreißend ausgestaltet durch die siebenköpfige Band unter der Leitung von Boris Netsvetaev. Mit keiner Sekunde ist es langweilig. Das Zusammenspiel von Musik, Choreografie (Phil Kempster) und der Regie von Felix Löwy schafft es hier, die Übergänge sehr sauber zu zeichnen und Protagonisten und Ensemble gekonnt einzusetzen. Energiegeladen und leicht fließen die Nummern ineinander über, Lichtgestaltung und Bühnenbild geben ihr Übriges. Durch die Nähe zur Bühne im First Stage Theater fühlt man sich dankenswerterweise, als wäre man selbst ein Teil von Bomont, bereit, das Regime zu stürzen.

Was bleibt am Ende? Sicher absolute Ohrwürmer zu den allseits bekannten Nummern wie „Footloose“, „Holding out for a Hero“ oder „Let‘s hear it for the Boy“, wippende Füße, begeisterter Applaus und strahlende Mitwirkende, die einen einzigartigen Abend gezaubert haben. „Lose your Blues, everybody cut footloose!“

Text: Katharina Karsunke

Katharina Karsunke ist Sozial- und Theaterpädagogin, hat jahrelang Theater gespielt, aber auch Kindertheaterstücke geschrieben und inszeniert. Ihre Liebe fürs Theater und ihre Leidenschaft fürs Schreiben kombiniert sie bei kulturfeder.de als Autorin.

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