„Der Club der toten Dichter“ (Foto: Dominik Lapp)
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Fesselnd: „Der Club der toten Dichter“ in Bad Hersfeld

Vor etwas mehr als 31 Jahren kam der Film „Der Club der toten Dichter“ in die deutschen Kinos und brachte Tom Schulman den Oscar für das beste Originaldrehbuch ein. Das auf dem Film basierende Theaterstück, für das ebenfalls Schulman das Buch verfasste, haben die Bad Hersfelder Festspiele jetzt zur europäischen Erstaufführung gebracht. Festspielintendant und Regisseur Joern Hinkel schrieb mit Tilman Raabke in Zusammenarbeit mit Tom Schulman eine eigene Fassung für die große Bühne in der Bad Hersfelder Stiftstruine – und die kann sich wirklich sehen lassen.

Tradition, Ehre, Disziplin und Leistung werden großgeschrieben an der Elite-Akademie Welton, im konservativen Neuengland der 1960er Jahre. Dort spielt „Der Club der toten Dichter“. Eigenständiges Denken und Kritik sind an der Akademie für Jungen nicht erwünscht, Verweigerung wird hart sanktioniert. Erst John Keating, der neue Englischlehrer und selbst Welton-Absolvent, fordert seine Schüler mit unkonventionellen Methoden zu selbstständigem und freiem Denken auf.

Die Figur des John Keating ist fest verbunden mit Robin Williams, der den Englischlehrer im Film so überzeugend spielte, dass er als bester Hauptdarsteller für den Oscar nominiert wurde. Wenn eine Figur so stark von einem Schauspieler geprägt wurde, ist es kein Leichtes, wenn ein neuer Schauspieler diesen Part übernimmt. Doch Götz Schubert als erfahrener Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler vermeidet es, in Williams‘ große Fußstapfen zu treten. Er schafft es vielmehr, zwar Williams‘ Pfaden nachzuspüren, aber trotzdem seine eigene Spur zu finden.

Schubert ist authentisch in seiner Darstellung, beherrscht die Bühne, kitzelt alle nur denkbaren Details aus seiner Figur heraus. Sein Keating hat Witz, Esprit und die nötige Empathie und ist deshalb in der Lage, die Schüler mitzureißen – und das reißt auch das Publikum mit. Und natürlich fehlt in Joern Hinkels stimmiger Inszenierung die bekannte Filmszene nicht: „Oh Captain, mein Captain!“ Gänsehautstimmung macht sich in der Stiftsruine breit, als der Lehrer vor seiner Klasse auf sein Pult steigt – und Gänsehautstimmung macht sich wieder breit, wenn es ihm die Schüler in der Schlussszene gleichtun, während Schuldirektor Gale Nolan (stark gespielt von Hannes Hellmann) wütend durch die Stuhlreihen geht und die Jungen erfolglos zum Hinsetzen auffordert. Eine witzige Note bringt aber auch Peter Englert als Mathelehrer George McAllister ein.

Schauspielerisch ebenfalls exzellent ist die Riege der Schüler. Till Timmermann gibt einen smarten Neil Perry, der eine unglaubliche Wandlung durchmacht, wenn er beginnt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, seine Leidenschaft fürs Theaterspielen entdeckt und sich sogar gegen seinen narzisstischen Soldatenvater (herrlicher Stinkstiefel: Thorsten Nindel) stellt. Die Szene zwischen Vater und Sohn, die letztlich zu einem tragischen Ende führt, ist ein schauspielerischer Höhepunkt im Zusammenspiel von Till Timmermann und Thorsten Nindel.

Regisseur Joern Hinkel legt in seiner Inszenierung einen großen Fokus auf die Personenregie, was dem Stück sehr zugutekommt. Hier werden viele starke Charaktere geschaffen, die alle beginnen, ihren bislang strikten Gehorsam in Frage zu stellen. Selbst dann, als der Konflikt eskaliert und es zur schlimmsten Katastrophe kommt, lassen sich die Schüler von John Keating nicht davon abbringen, ihren eigenen Weg zu gehen. Allen Schauspielern gelingt diese Rollenzeichnung mit Bravour, weshalb es schwerfällt, einzelne herauszuheben.

Ob nun Nico Kleemann als Todd Anderson, Philipp Quell als Charlie Dalton, Leonard Dick als Richard Cameron, Oscar Hoppe als Steven Meeks, Simon Stache als Knox Overstreet, Manuel Nero als Kurt Hopkins, Stefan Reis als Gerald Pitts oder Steffen Recks als Jonas White – sie alle überzeugen mit Authentizität sowie jugendlicher Unbeschwertheit und lassen keinen Zweifel daran, dass Poesie, Schönheit, Romantik und Liebe die wahren Freuden des Lebens sind. Aber auch die Damen im Bunde sind allesamt äußerst spielstark. Allen voran begeistert hier Nell Pietrzyk als Chris Noel, doch Constanze Aimée Feulner als Gloria und Eli Riccardi als Tina stehen ihr in nichts nach.

Neben der schauspielerischen Brillanz und dem starken Buch enttäuscht auch die Optik nicht. Jens Kilian hat eine sehenswerte Elite-Akademie zwischen die altehrwürdigen Mauern der Stiftsruine gezimmert, links der Schlafraum, rechts das Büro von John Keating, mittig eine große Holztreppe, aus der ein gesamtes Klassenzimmer herausgefahren wird. Durch das Aufklappen des Bühnenbodens entsteht außerdem eine Höhle, in der sich die Jungen treffen und Gedichte vorlesen. Die Kostüme von Kerstin Micheel tun ihr Übriges, um Look-and-Feel der Sixties auf die Bühne zu zaubern.

Kinofilmähnlich werden einzige Szene mit einem passenden Soundtrack von Jörg Gollasch unterlegt, das Lichtdesign von Ulrich Schneider taucht die Mauern der Ruine zu späterer Stunde in schöne Stimmungen und die von Kristin Heil choreografierten Szenen sind das i-Tüpfelchen in Joern Hinkels Inszenierung.

Schon vor der Premiere waren alle Vorstellung von „Der Club der toten Dichter“ ausverkauft. Ein Glückspilz ist, wer sich rechtzeitig ein Ticket gesichert hat – denn diese fesselnde Schauspielproduktion darf man nicht verpassen!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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