„Aladdin“ (Foto: Stage Entertainment)
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Keine Suchtgefahr: „Aladdin“ in Stuttgart

Stuttgart ist jetzt die Stadt der zauberhaften Bühnenmärchen. Nachdem schon seit ein paar Monaten im Palladium Theater allabendlich die Geschichte einer russischen Großfürstin namens „Anastasia“ erzählt wird, geht es auf der anderen Straßenseite im Apollo Theater nun auf die Reise in die bunte Wüstenstadt Agrabah zu „Aladdin“. Nachdem das Disney-Musical über drei Jahre in Hamburg zu sehen war, soll es nun die Schwabenmetropole erobern.

Obwohl „Aladdin“ mit wunderbaren Kostüme von Gregg Barnes, einem ausladenden Bühnenbild von Bob Crowley und herrlichen Bildern sowie mit der abwechslungsreichen Musik von Alan Menken punkten kann, vermag das Stück allerdings nicht den Charme des Disney-Films zu versprühen. Durch die – bei Disney fast schon obligatorische – sehr dialoglastige Handlung entsteht kein durchgängiger musikalischer Erzählfluss, tolle Nummern werden immer wieder durch lange Dialoge ausgebremst, und so kommt die Geschichte nur schwer in Gang.

An der Besetzung liegt das aber nicht, denn insbesondere die drei Hauptdarsteller überzeugen in jeder Sekunde. Philipp Büttner spielt den charmanten, schlitzohrigen Aladdin sehr souverän und sympathisch. Gesanglich berührt er ganz besonders in dem träumerischen Song „Stolz auf deinen Sohn“, den Aladdin für seine Mutter singt und ihr darin verspricht, dass sie stolz auf ihn sein wird. Nienke Latten gibt als Jasmin nicht die typische Disney-Prinzessin, sondern zeigt eine taffe junge Frau, die aus ihrem goldenen Käfig ausbrechen möchte. Latten schafft es nicht nur, Jasmins Motivation authentisch darzustellen, sondern singt auch hervorragend. Das Zusammenspiel mit Philipp Büttner ist dabei großartig – wenn sie sich anzicken, aber auch, wenn sie liebevolle Blicke austauschen.

Im Rahmen der Entwicklung des Zeichentrickfilms war die Rolle des Dschinnis ursprünglich an Jazzgrößen wie Cab Calloway und Fats Waller angelehnt, was aber wieder verworfen wurde und für die Umsetzung des Musicals wiederbelebt wurde. Man könnte sagen: zum Glück! Denn der Dschinni ist, dargestellt von Maximilian Mann, der Star des Abends und hat die stärksten Szenen der Show. Als Dschinni unterhält Maximilan Mann sehr gut, nutzt jede Pointe und die Interaktion mit dem Publikum. Der Höhepunkt der Inszenierung ist sogleich auch Manns großer Auftritt mit dem Song „So ‘nen Kumpel hattest du noch nie“. Mit den Stepptanzeinlagen, goldglitzernden Kostümen und dem wuchtigen Art-Déco-Bühnenbild erweist sich die Szene als wunderbare Hommage an Shows wie „42nd Street“.

Claus Dam hat als Sultan nur eine kleine Rolle, füllt diese aber mit Wärme und Sympathie und weiß es exzellent darzustellen, wie der Sultan von seiner Tochter Jasmin dominiert wird. Mit überzeugender Bühnenpräsenz zeigt Paolo Bianca als Großwesir Dschafar zwar einerseits einen stattlichen Bösewicht, bleibt andererseits aber buchbedingt ziemlich eindimensional. Durch die komödiantischen Auftritte zusammen mit Sidekick Jago (stark gespielt von Eric Minsk), der im Musical ein Mensch und nicht wie im Film ein Papagei ist, verkommt Dschafar ein wenig zur Witzfigur und hat nichts mehr von der Bedrohlichkeit der Filmrolle.

Hatte Aladdin im Film noch ein Äffchen namens Abu zum Freund, so ist dieses Äffchen im Musical nun gewichen für gleich drei menschliche Freunde an Aladdins Seite: Babkak, Omar und Kassar werden von Rafael van der Maarel, Robin Cadet und Nicolas Boris Christahl absolut rollendeckend und witzig dargestellt.

Eine Szene, die im Film den klassischen Disney-Zauber versprüht, ist auch auf der Bühne durchaus sehenswert: In dem Song „In meiner Welt“ fliegen Aladdin und Jasmin auf einem fliegenden Teppich über Agrabah, was vor dem funkelnden Sternenhimmel wirklich schön wirkt, aber doch zu langatmig bleibt, weil sonst nicht viel passiert (Regie und Choreografie: Casey Nicholaw).

Mit schwungvollen Songs, orientalischen Klängen, Balladen und groß orchestrierten Shownummern wie „So ‘nen Kumpel hattest du noch nie“ oder „Prinz Ali“ bietet die Partitur von Alan Menken eine gute Abwechslung, kommt aber nicht an so herausragende Menken-Werke wie „Der Glöckner von Notre Dame“ heran. Das Orchester unter der Leitung von Leif Klinkhardt spielt die Musik aber mit äußerster Präzision und sorgt so für viele musikalische Höhepunkte.

Insgesamt fehlt es „Aladdin“ jedoch an Herz. Das Stück wirkt wie eine nur an der Oberfläche kratzende, klassisch am Reißbrett entstandene Broadway-Produktion, die sie letztendlich auch ist. Dabei ist die Show manchmal durchaus unterhaltsam, manchmal aber auch erschreckend langatmig. Das Stück lebt von Dschinnis Gags und einigen schönen Bildern, die Musik geht gut ins Ohr, aber insgesamt hangelt sich die Handlung nur von einem kleinen Höhepunkt zum nächsten, während dazwischen ziemlich viel verpufft. Wer also in Stuttgart ein großes Musical besuchen möchte und sich zwischen „Aladdin“ und „Anastasia“ entscheiden muss, ist mit dem Musical über die russische Großfürstin weitaus besser bedient. Sehenswert ist „Aladdin“ trotzdem. Es besteht aber keine Suchtgefahr.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".