Enrico De Pieri (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Enrico De Pieri: „Wir hätten auch vor nur 20 Leuten gespielt“

Als Sohn eines Eiscafé-Besitzers hat es Enrico De Pieri nicht hinter die Eistheke, sondern auf die Musicalbühne verschlagen. Nach seinem Gesangsstudium in Hamburg spielte er Rollen in Musicals wie „3 Musketiere“, „Kein Pardon“ oder „Wahnsinn“ und stand bei der europäischen Erstaufführung von „Aladdin“ als Dschinni auf der Bühne. Er arbeitete als Gesangscoach für Bühne und Fernsehen, unterrichtete Gesang in Hamburg und Osnabrück und steht aktuell in den Musicals „Himmel und Kölle“ in Köln und „Chicago“ in Bonn auf der Bühne. Seit Juli 2021 ist Enrico De Pieri außerdem Gesangsprofessor an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Im Interview spricht er über diese neue Aufgabe, seine Rollen und die Corona-Pandemie.

Wie geht es Ihnen und wie haben Sie die Zeit in der Corona-Pandemie bisher verbracht?
Mir geht es gut. Den ersten Lockdown habe ich wie alle anderen zu Hause verbracht. Damals dachte man ja noch, dass es im Sommer oder nach dem Sommer weitergeht. Ich muss sagen, dass die Phase für mich gut war, weil es ein Runterkommen bedeutete, was ich so noch nicht von mir kannte. Ich habe in der Zeit viel Selfcare gemacht, also Sport zu Hause, habe meditiert, gekocht. Danach bin ich in die Kurzarbeit, habe dann in Köln für „Himmel und Kölle“ geprobt, vier Vorstellungen gespielt – und dann kam der zweite Lockdown. Da habe ich in St. Gallen für „Jesus Christ Superstar“ geprobt und ab Mai 2021 auch gespielt. Und jetzt geht es langsam wieder los mit Vorstellungen, wie in Bonn mit „Chicago“.

In St. Gallen haben Sie coronabedingt vor einem überschaubaren Publikum gespielt, oder?
Das ist richtig. Wir haben am Anfang vor 50 Leuten und später dann vor 100 Leuten gespielt. Das war im Vergleich zu den Proben natürlich erst mal eine Steigerung, überhaupt wieder vor Publikum zu spielen. Trotzdem war man anfangs etwas befremdet, hat sich aber relativ schnell daran gewöhnt. Wir alle waren einfach froh, dass wir spielen durften. Wir hätten auch vor nur 20 Leuten gespielt. Und ich finde es toll, dass ein Theater wie St. Gallen gesagt hat, dass wir vor 50 Leuten spielen. Das war ein gutes Signal.

Haben Sie Ihre Berufswahl im Verlauf der Corona-Krise vielleicht mal bereut?
Nein, ich habe nie etwas bereut. Ich habe nie gedacht, dass es besser wäre, wenn ich jetzt einen Job hätte, der als systemrelevant gilt. Aber ich habe mir die Frage gestellt, ob wir Künstlerinnen und Künstler in unserem Beruf so wichtig sind, wie wir denken. Ich glaube, für manche Menschen – unser Publikum – sind wir das. Aber dann ist mir klar geworden, dass das nicht auf die gesamte Bevölkerung übertragbar ist. Das fand ich ziemlich ernüchternd, dass die Notwendigkeit, Kunst zu machen, für uns offenbar wichtiger ist als für den Rest der Bevölkerung. Trotzdem habe ich nichts bereut.

Enrico De Pieri (Foto: Mirco Wallat)

Und dennoch hat für Sie jetzt ein neuer beruflicher Abschnitt begonnen, da Sie eine Gesangsprofessur an der Folkwang Universität der Künste in Essen angetreten haben. Dazu erst einmal noch herzlichen Glückwunsch.
Vielen Dank. Mein großer Masterplan war es tatsächlich immer, Gesangsprofessor an einer Universität zu werden. Auch die Folkwang fand ich immer toll, da herrscht ein wunderbarer Spirit. Ich hatte mich dort schon mal beworben, was nicht geklappt hat. Als dann letztes Jahr im Lockdown eine Stelle frei wurde, habe ich mich noch mal beworben, bin durch ein komplexes Berufungsverfahren und habe die Stelle bekommen.

Mit Gesangsunterricht haben Sie ja bereits Erfahrung. Sie unterrichteten Gesang in der Vergangenheit schon an der mittlerweile geschlossenen Joop an den Ende Academy in Hamburg und am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück. Unterscheiden sich diese Tätigkeiten trotzdem voneinander oder ist es im Grunde überall gleich?
Im Grunde ist es vergleichbar, denn ich gebe Gesangsunterricht. Ob ich jetzt Lehrbeauftragter, Dozent oder Professor bin, macht für mich qualitativ keinen Unterschied. Schließlich will ich meinen Job immer so gut wie möglich machen. Was anders ist, ist die Klassengröße. Früher hatte ich in der Regel neun bis zehn Studierende, jetzt sind es zwölf. Was neu für mich ist, ist der Wochenablauf. Aber die Sache an sich ist gleich. Dabei freut es mich, dass die Folkwang ein sehr hohes Niveau hat und die Studierenden, die dort angenommen werden, alle sehr talentiert sind. Das macht es mir recht leicht, soll allerdings nicht heißen, dass das Niveau an den anderen Schulen nicht hoch war.

Vor allem haben Sie als Gesangsprofessor Ihren Studierenden gegenüber auch eine große Verantwortung. Was ist dabei Ihre größte Herausforderung, wenn Sie beteiligt sind, die Musicalstars von morgen zu formen?
Ich möchte der Reputation der Universität auf jeden Fall gerecht werden. Wenn ich kann, möchte ich gern dabei helfen, das Niveau auf eine noch höhere Stufe zu heben, als es sowieso schon ist. Man verbringt vier Jahre mit den Studierenden. Und in dieser Zeit möchte ich es schaffen, ihnen einen realistischen Einblick in den Job zu verschaffen. Weil ich parallel immer noch mit beiden Beinen im Berufsleben, also aktiv auf der Bühne stehe, ist das sicherlich ein Plus, das ich mitbringe. Obwohl ich den Studierenden Stolpersteine aufzeigen kann, will ich ihnen nicht die Lust nehmen und ihnen immer wieder signalisieren, wie viel Freude und Spaß es machen kann, auf der Musicalbühne zu stehen. Die Herausforderung dabei ist, dass man immer offenbleibt und sich nicht festbeißt. Man muss verstehen, dass neue Leute durch die Tür kommen, denen man immer wieder frisch und neu begegnen muss.

Gil Mehmert, der Regisseur von Stücken wie „Chicago“ und „Himmel und Kölle“, ist einerseits ein Folkwang-Kollege von Ihnen, weil er dort ebenfalls eine Professur innehat. Andererseits stehen Sie als Darsteller in seinen Inszenierungen auf der Bühne. Ist das nicht eine ungewohnte Konstellation?
Das empfinde ich gar nicht so. Als Darsteller sehe ich einen Regisseur ja nicht als meinen Vorgesetzten, sondern als Kollegen, mit dem ich zusammen etwas Schönes erschaffen möchte. Ich begegne einem Regisseur immer auf Augenhöhe, weil wir beide voneinander abhängig sind. Ich bin von seinem Urteil und seiner Anleitung abhängig, aber er ist davon abhängig, dass ich es so ausführe, wie er sich das vorstellt. Deshalb sehe ich da keinen Konflikt.

Wie bekommen Sie es organisiert, als Gesangsprofessor in Essen zu arbeiten und parallel bei „Chicago“ in Bonn und „Himmel und Kölle“ in Köln auf der Bühne zu stehen?
Organisation ist alles. Aber es zeichnet sich jetzt schon ab, dass es mit meiner Bühnenkarriere in Zukunft nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Aber das war auch Sinn und Zweck der Sache. Für mich geht es jetzt darum, dass ich künftig unabhängig von meiner finanziellen Situation spielen kann. Ich muss also nicht mehr des Geldes wegen spielen, sondern kann es machen, weil ich Lust darauf habe und nur noch unter künstlerischen Gesichtspunkten eine Entscheidung treffe. An erster Stelle steht dabei mein Hauptjob als Gesangsprofessor – und meine Studierenden haben die höchste Priorität.

„Chicago“ (Foto: Dominik Lapp)

In der Bonner Inszenierung von „Chicago“ spielen Sie den Amos Hart, den Sie in einer anderen Inszenierung bereits in Magdeburg gespielt haben. Ist denn Ihr Bonner Amos ein anderer als der Magdeburger?
Ja, das finde ich schon. Es gibt ja unterschiedliche Vorstellungen von Regisseuren, wie sie ein Stück zeigen wollen. Gil Mehmert mag es filmisch, kompakt und dicht, gern auch sehr naturalistisch. In einer kleineren Rolle wie Amos ist man natürlich sehr begrenzt, was die Auftrittszeit betrifft. Natürlich macht man da nicht etwas völlig anderes aus einer Rolle. Aber in Nuancen spiele ich ihn nicht ganz so niedlich und teddybärig, sondern etwas erdiger und kerniger. Vielleicht würde es jemand, der die Show in Magdeburg und Bonn gesehen hat, gar nicht so empfinden. Es sind wirklich nur Nuancen.

Im Song „Mister Zellophan“ wird Amos in Bonn als Clown dargestellt. Generell ist diese Nummer aber auch ein sehr poetischer Moment, oder?
Total. Roxie macht Amos gewissermaßen zum Clown. Von den Autoren ist es wirklich klug geschrieben, dass derjenige, der nur eine kleine Rolle hat und von niemandem gesehen wird, eine richtige Solonummer hat, wo sich alles auf ihn fokussiert. Amos hat den poetischsten Moment der Show, also einen Moment, in dem es mal nicht um Abgründe geht. Diese Nummer steht für sich und ist in Bonn ganz anders als in Magdeburg.

In dieser Nummer besingt Amos, dass er durchsichtig ist und von seinen Mitmenschen keine Beachtung findet. Peter Schlönzke, den Sie in „Kein Pardon“ gespielt haben, war als Kabelträger beim Fernsehen zunächst auch durchsichtig und wurde von niemandem gesehen. Was fasziniert Sie an solchen Rollen?
Das ist eine Art von Rolle, die ich wirklich gern spiele. Es ist mir total sympathisch, in einer Rolle verletzlich, sensibel und in gewissem Maße ein Underdog zu sein. Obwohl ich auch gern wie der Dschinni in „Aladdin“ eine Rampensau bin, bediene ich ebenso gern den sensiblen Teil. Außerdem habe ich das riesige Privileg, dass ich trotz meiner Physis nicht nur für den saufenden Rüpel gecastet werde, sondern auch für die sensiblen und leisen Sachen.

Eine letzte Frage: Haben Sie als gebürtiges Nordlicht nach Ihren Rollen in Musicals wie „Kein Pardon“, „Wahnsinn“ und „Himmel und Kölle“ mittlerweile eigentlich so etwas wie eine innere Affinität zu Rheinländer- und Ruhrpottler-Rollen entwickelt?
Mir machen solche Rollen riesigen Spaß. Ich bin ein großer Fan des Ruhrpotts und finde, das ist ein wunderbarer Schlag Mensch. Ich mag den Dialekt und die herzliche Schroffheit total gern, genauso wie ich in Köln die rheinländische Herzlichkeit schätze. Für „Himmel und Kölle“ habe ich sogar richtig Kölsch sprechen lernen müssen. Ich hatte davor tierischen Respekt. Wie sollte ich als Kieler denn jemanden davon überzeugen, dass ich ein Kölsches Urgestein bin? Aber das war eine tolle Herausforderung. So etwas liebe ich, weil es meinen Ehrgeiz weckt. Mir liegt das, da ich durchaus etwas Kerniges und Rustikales in mir habe, das ich für solche Rollen entsprechend gut nutzen kann.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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