„Gezeitenwende“ (Foto: Dominik Lapp)
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Mit Kladde und Laptop: In Hamburg entsteht das Sturmflut-Musical „Gezeitenwende“

Am 16. Februar 2022 jährt sich die Hamburger Sturmflut von 1962 zum 60. Mal. Dieses denkwürdige Jubiläum hat der Autor, Regisseur und Dramaturg Dirk Schattner zum Anlass genommen, ein Musical zu schreiben, das vor dem Hintergrund der Katastrophe spielt. Für die Musik hat er Mario Stork ins Boot geholt. Ein Ortsbesuch.

Dirk Schattner – blaues T-Shirt, darüber eine dunkle Weste, bunter Schal – sitzt in einem Café im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort. Hier ist der Wahl-Hamburger seit einigen Jahren mit seiner Frau zu Hause. Hier engagiert er sich, hat unter anderem die Freie Volksbühne Rothenburgsort gegründet. „An diesem Tisch sind drei Songtexte für das neue Werk entstanden“, sagt Schattner und klopft auf die Tischplatte. Nicht wenig Stolz schwingt in seiner Stimme mit.

Musicals werden nicht geschrieben, sie werden umgeschrieben

Mit Kladde und Laptop habe er an dem Tisch gesessen. Morgens. „Mittlerweile schreibe ich immer morgens, früher habe ich nachts geschrieben“, erzählt er. „Aber morgens ist der Tag noch frisch, die Ideen können fließen, man hat noch keine Leute getroffen, keine Eindrücke des Tages zu verarbeiten.“ Den ersten Song, den Dirk Schattner für das Musical „Gezeitenwende“ geschrieben hat, trägt den Titel „Die Sturmflut kommt“ und ist mittlerweile der Untertitel des Musicals. Der Autor erinnert sich: „Den Song habe ich sicher 50-mal umgeschrieben.“ Doch was bedeute das schon? Schließlich wusste bereits der kürzlich verstorbene Musical-Mastermind Stephen Sondheim: Musicals werden nicht geschrieben, sie werden umgeschrieben.

Musicals mit Lokalkolorit, das sind Schattners Spezialität. Vor „Gezeitenwende“ schrieb er mit Kollege Mario Stork schon die Musicals „Nimmerwiedermehr“, ebenfalls eine Lokalgeschichte aus Rothenburgsort, und „Friedelinds Wahnfried“. Letzteres Stück erzählt die Geschichte von Richard Wagners rebellischer Enkelin Friedelind Wagner und wurde am Originalschauplatz im Richard-Wagner-Museum in Bayreuth aufgeführt.

„Gezeitenwende“ (Foto: Dominik Lapp)

Dirk Schattner fühlt sich wohl in seinem Stadtteil. „Dass meine Frau und ich hier gelandet sind, war Zufall. Wir waren auf Wohnungssuche in Hamburg und hier hat’s geklappt.“ Schnell interessierte sich Schattner für die Geschichte seines Stadtteils, stieß so auf das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort, wo die Nationalsozialisten 131 Kinder töteten – davon handelt sein Musical „Nimmerwiedermehr“, das 2018 uraufgeführt wurde und vorletztes Jahr auf CD erschienen ist.

Wie schreibt man ein Musical über eine Sturmflut?

„Als es nun mit großen Schritten auf den 60. Jahrestag der Hamburger Sturmflut zuging, dachte ich mir, dazu müsste man auch unbedingt etwas machen“, erzählt der Musicalautor, der erneut Mario Stork für die Musik gewinnen konnte. Doch wie schreibt man ein Musical über eine Sturmflut? „Mir war immer klar, dass wir kein Millionenbudget zusammenbekommen, mit dem ich Wassermassen auf einer Theaterbühne darstellen kann“, so Schattner. „Also erzählen wir eine Geschichte vor dem Hintergrund der Flut.“ Eine fiktive Geschichte, die sich aber so zugetragen haben könnte.

Dirk Schattner hat sich zur Recherche unter anderem im Stadtarchiv umgesehen, Fotos und Dokumentationen angeschaut. „Das ist schon krass, die Leute lagen nachts in ihren Betten und die Flut kam. Ich sehe darin Parallelen zum Hochwasser im Ahrtal, wo die Leute letztes Jahr auch von den Wassermassen nachts überrascht wurden und sich nicht vorbereiten konnten“, sagt der Bühnenautor.

In Hamburg waren 1962 besonders die Stadtteile Wilhelmsburg und Rothenburgsort von der Flut betroffen, weil die Menschen in diesen ärmeren Gebieten oft noch in Behelfsheimen wohnten, nachdem im Krieg alles zerbombt wurde. Eine Szene in einer Dokumentation ist Dirk Schattner besonders in Erinnerung geblieben. Er erzählt: „Da steht ein groß gewachsener blonder Typ, gibt ein Interview inmitten der Ruine seines Behelfsheims uns sagt, dass er nach dem 2. Weltkrieg alles aufgebaut hat und es nicht noch einmal kann und auch nicht will.“

„Gezeitenwende“ (Foto: Dominik Lapp)

Als er mit dem Schreiben des Stücks begann, hatte Dirk Schattner einen ganzen Tisch voll mit Eindrücken und Geschichten. „Es waren viele Puzzleteile, die ich zu einem Gesamtbild zusammengefügt habe“, sagt der Autor.

Ortswechsel. Schattner, der ursprünglich Musiktheaterregie studiert und Musicals wie Opern im In- und Ausland inszeniert hat, geht vom Café in die benachbarte St. Thomaskirche. Dort wartet schon Regisseur Harald Kratochwil mit den Künstlerinnen und Künstlern. Es ist der Abend der Generalprobe.

Dirk Schattner brennt fürs Schreiben

„Ich finde es ganz schön, dass ich hier nicht selbst Regie führe, sondern mit Harald Kratochwil jemanden gefunden habe, der das zusammen mit Annika Bruhns ganz wunderbar macht“, sagt Dirk Schattner. „Obwohl ich Regie studiert habe, brenne ich noch mehr fürs Schreiben. Ich finde, es gibt nichts Schöneres, als Songtexte zu schreiben.“ Heute Abend hört er seine Songtexte von renommierten Künstlerinnen und Künstlern. „Annika Bruhns war schon beim Vorgängerprojekt dabei und deshalb auch die erste, die ich dieses Mal angerufen habe“, so Schattner.

Neben Bruhns haben Merle Hoch, Maite Carolin Reck, Detlef Leistenschneider und Constantin Moll zum Projekt gefunden. Eine durchweg starke Besetzung. Zu fünft erzählen sie eine Geschichte, die keinesfalls wie eine Geschichtsstunde daherkommt. Im Fokus steht Alicia (Merle Hoch), die beim Aufräumen bei ihrer Oma Lisa (Annika Bruhns) alte Aufzeichnungen über die Sturmflut findet. Es entsteht ein Gespräch zwischen den beiden Frauen und eine zweite Zeitebene, 60 Jahre zuvor, wird geöffnet, in der das das Publikum die junge Lisa (Maite Carolin Reck) sieht, wie sie ihren Freund Peter (Constantin Moll) ihrem Vater (Detlef Leistenschneider) vorstellt. Eine Geschichte, die den Alltag, die Themen, Sorgen und Probleme der späteren Flutopfer fokussiert.

„Gezeitenwende“ (Foto: Dominik Lapp)

Wenn Detlef Leistenschneider mit eindrücklicher Stimme „Die Sturmflut kommt“ singt, wird die Musik von Mario Stork (am Klavier: Benjamin Fenker) immer lauter, immer dunkler, immer schneller, dramatischer. Man hört das sich anbahnende Unheil aus der Musik heraus. Alle singen markerschütternd: „Die Sturmflut kommt, und keiner kann sie halten.“

Die Familie, um die sich die Geschichte dreht, hat den Krieg überlebt. Doch die Mutter kam im Feuersturm ums Leben. Lisa wächst seitdem allein bei ihrem Vater auf. Als dieser sich vor der Flut aufs Dach rettet, zieht er das Brautkleid seiner Frau an, um es vor dem Wasser zu schützen. Später wird eine männliche Leiche im Wasser gefunden. Sie trägt ein Brautkleid.

Stadtteil kulturell weiter aufwerten

„Ich denke, es ist eine Story, die man sich wirklich anschauen kann“, flüstert Dirk Schattner, während die letzten Töne dieser Generalprobe erklingen. Zunächst gibt es zwei Vorstellungen in Form von szenischen Lesungen in der St. Thomaskirche, finanziell gefördert durch den Quartiersfonds der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte. „Perspektivisch möchte ich das Stück aber szenisch in einem Theater zeigen“, so Schattner.

Er wolle den Stadtteil, in dem er selbst wohnt, kulturell weiter aufwerten, träume von einer kleinen Bühne im Zentrum von Rothenburgsort, die gerade im Entstehen sei. „Es gibt hier ein wahnsinnig interessiertes Publikum. Die Leute hier haben ein sehr feines Gespür für Stoffe. Die wissen, das gehört hier in den Stadtteil und das gibt es nur hier.“

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".