Symposium Kultur ohne Mindestabstand (Foto: Dominik Lapp)
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Experten diskutieren: Ist Kultur ohne Mindestabstand in Corona-Zeiten möglich?

Seit mehr als einem Jahr stehen Theater, Bühnen und Säle leer. Kulturschaffende leiden massiv unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Aber auch dem Publikum fehlt der Konzert- oder Theaterbesuch. Unter dem Motto „Kultur ohne Mindestabstand“ hat Stage Entertainment als eines der führenden Unternehmen der Live-Entertainment-Branche jetzt zu einem von Kulturjournalistin Julia Westlake moderierten, digitalen Symposium eingeladen. In Impulsvorträgen und einer anschließenden Fragerunde kamen Stage-Geschäftsführerin Uschi Neuss und namhafte Diskussionspartner zu Wort, die sich einig waren: Die Kultur muss in der Corona-Krise gerettet werden.

Menschen, so berichtet Uschi Neuss, begegnen ihr mit Skepsis, wenn sie äußert, dass sie Kultur ohne Mindestabstand möchte. „Social Distancing kannten wir vor einem Jahr noch nicht, es ist der gelebte Widerspruch zur Menschlichkeit“, so Neuss. „Unser Ziel ist es, Kultur ohne Mindestabstand zu realisieren und dieses Ziel beständig zu verfolgen. Allerdings habe ich die Befürchtung, dass wir dieses Ziel aus den Augen verlieren und uns mit kleinen Zwischenschrittchen zufriedengeben.“ Die Livekultur sei seit dem 13. März 2020 komplett verschwunden, die Lage habe sich seitdem nicht verbessert und man sei einer Lösung nicht nähergekommen.

Dabei hat man bei Stage Entertainment bereits im vergangenen Sommer an einem Konzept gearbeitet, in das neben Mitarbeitenden auch der Betriebsrat, Ärzte und Behörden involviert waren. „Doch dann war es Ende Oktober und der Lockdown Light wurde verkündet“, sagt die Stage-Deutschlandchefin zerknirscht. „Bei Stage haben wir es durch Kurzarbeitergeld und einen Kredit unseres Eigentümers geschafft, durchzuhalten. Das war ein großer Segen.“

30 Prozent Auslastung wirtschaftlich nicht denkbar

Wann auch immer Theater wieder öffnen dürfen – sollte ein Unternehmen wie Stage Entertainment dann Stücke mit Abstand anbieten? An Stadt- und Staatstheatern hat das im vergangenen Jahr bereits funktioniert. „Nein, das kann nicht die Lösung sein“, sagt Uschi Neuss. „Wir sind ein rein kommerzielles Unternehmen und wir müssen mit unseren Eintrittsgeldern wirtschaftlich arbeiten. Wenn wir nur 650 Menschen ins Theater lassen dürfen, was einer Sitzplatz-Auslastung von 30 Prozent entspricht, ist das wirtschaftlich nicht denkbar.“

Beim Theater, so Uschi Neuss, ginge es um das Zusammenspiel von Spielenden und Zuschauenden. „Das ist einmalig, nur live, es ist echt. Es ist nicht reproduzierbar. Es entsteht für den Moment und ist für die Zuschauenden unvergesslich. Es passiert etwas – und obwohl es nur gespielt ist, entstehen Emotionen, Gefühle. Das fehlt schmerzlich, es ist menschlich. Live-Erlebnis und Mindestabstand geht nicht zusammen!“ Vor allem aber frage sich die Musicalexpertin, warum es wissenschaftlich verbrieft sei, dass 200 Menschen in einem Flugzeug mit 400 Kubikmetern Luft sicher seien, aber es in einem Theatersaal mit 27.000 Kubikmetern Luft und modernsten Lüftungsanlagen gefährlich sein solle.

Atomkrieg oder Meteoriteneinschlag gefährlicher als Corona

„Ein Atomkrieg oder Meteoriteneinschlag ist gefährlicher“, sagt Christian J. Kähler, Lehrstuhlinhaber für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Münchner Universität der Bundeswehr. „Denn vor dem Coronavirus kann man sich recht gut schützen.“ Luftreiniger kämen zum Beispiel seit rund 50 Jahren zum Einsatz und er könne nicht nachvollziehen, warum man ihre Wirkung noch immer in Frage stelle.

Ein Lockdown, so der Professor, funktioniere zwar seit 100 Jahren, sei aber schädlich für den Staat, die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Demokratie. „Zukünftige Generationen werden durch Schulden belastet und eingeschränkt“, so Kähler. Er fordert, dass Kontakte nicht teuer verhindert, sondern mit Technik sicher gemacht werden. „Wir haben dazu Schutzkonzepte erarbeitet und real getestet in Schulen, Restaurants und Büros.“ Und er macht klar, dass es einen 100-prozentigen Schutz nicht gibt: „Auch im Auto werden wir durch immer mehr Technik geschützt, aber den absoluten Schutz gibt es auch dort nicht, ein Restrisiko bleibt.“ Trotzdem käme niemand auf die Idee, das Autofahren zu verbieten.

Was die Situation im Theatersaal angeht, so kann man laut Christian J. Kähler indirekte Infizierungen verhindern, wenn man ein ausreichend großes Raumvolumen hat. „Gegen eine direkte Infektion kann man sich durch FFP2-Masken schützen. Oder man lässt nur geimpfte beziehungsweise negativ getestete Personen rein.“

Offenbar wollen viele Menschen wieder Veranstaltungen besuchen. Wie Alexander Ruoff, COO vom Ticketvermarkter CTS Eventim, in der Runde bestätigt, habe man durch Kundenbefragungen in Erfahrung bringen können, dass 60 Prozent der Befragten sofort buchen würden, sobald Live-Veranstaltungen behördlich erlaubt wären. „Weitere 30 Prozent würden innerhalb von sechs Monaten buchen“, so Ruoff. „Das ist eine ermutigende Nachricht, die deutlich macht, dass das Interesse an der Teilnahme an Live-Events ungebrochen ist. Bei den restlichen 10 Prozent muss Vertrauen durch Maßnahmen und verständliche Kommunikation aufgebaut werden.“

Symposium Kultur ohne Mindestabstand

Live-Entertainment ist abhängig von Impfungen

Er sagt, dass Live-Entertainment in großen Teilen abhängig ist vom Erfolg der Impfkampagne. „Das haben wir zum Beispiel in Israel oder Großbritannien gesehen.“ So haben sich die Verkaufszahlen laut seiner Aussage in Großbritannien, wo man mit der Impfung deutlich weiter ist als in Deutschland, seit Januar verdoppelt, in Israel, wo man noch weiter ist, sogar vervielfacht. „Auch in Russland wurden die Kapazitäten für Veranstaltungen erhöht, die Verkaufszahlen gehen hoch – trotz hoher Inzidenzzahlen.“ Dass auch in Deutschland der Durst nach Kultur groß ist, habe man zuletzt beim Berliner Pilotprojekt gesehen, wo 1.000 Tickets für die Berliner Philharmonie innerhalb von wenigen Minuten ausverkauft waren. Alexander Ruoff: „Es hat gezeigt, dass Veranstaltungsbesuche sicher sind und effizient mit Tests durchgeführt werden können. Das Verfahren wurde vom Publikum gut angenommen.“

„Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“

„Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, sagt der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. „Ich bin immer der Meinung gewesen, dass man Konzepte entwickeln kann, durch die Kultur möglich ist. Es ist traurig, dass es solche Konzepte schon letztes Jahr gab, die uns besser durch die Pandemie gebracht hätten als der Wechsel zwischen Lock- und Shutdowns.“

Er halte es für wichtig, dass Deutschland bei den Impfungen schneller werde, wolle dabei aber auch andere Länder nicht aus den Augen verlieren. „Bei uns streiten Lehrer darum, ob sie vor den 80-Jährigen geimpft werden dürfen. Die Menschen im Süd-Sudan können diese Diskussion nicht führen – und das die nächsten Jahre nicht“, so der Professor. „Wenn diese Länder bei den Impfungen hinterherhinken, wird uns das irgendwann einholen.“

Zudem sieht Jonas Schmidt-Chanasit mit Sorge, wie sich die Gesellschaft in der Pandemie verändert und die Polarisierung zugenommen hat. „Ich hoffe, dass die vielen entstandenen Narben verheilen können. Die Kultur wird dazu einen wichtigen Beitrag leisten“, gibt er sich überzeugt.

Leben muss wieder lebenswert sein

Dieser Meinung ist auch der Philosoph Julian Nida-Rümelin. „Es geht an die Identität unseres Landes. Unser Land hat sich immer als Kultur- und Bildungsnation verstanden. Das ist uns aber schon mal verlorengegangen durch NS-Diktatur und zwei Weltkriege. Durch die Pandemie fallen wir jetzt wieder zurück. Wir schließen, was am wenigsten wehtut: Schulen, Hochschulen, Museen und Theater. Ich hoffe, dass wir uns davon erholen“, so der Philosophie-Professor.

„Ich begrüße jeden Schritt, der es ermöglicht, die kulturelle Praxis wiederzubeleben. Und zwar so, dass es für die Veranstalter wirtschaftlich ist – nicht dass sie am Tropf des Staats hängen“, sagt Nida-Rümelin. Wer auf die Inzidenz starre, komme aus der Nummer nicht mehr raus. „Wir sollten vielmehr den Blick auf Morbidität und Mortalität richten.“

Außerdem bemängelt er, dass die Gesundheitsämter noch immer nicht aufgerüstet wurden, es keine vernünftige Corona-App gibt und keine Alternative zur Nachverfolgungs-Zettelwirtschaft geschaffen wurde. Aber wäre es ein falsches Zeichen, Museen und Theater zu öffnen? Julian Nida-Rümelin: „Nein! Wenn doch Museen und Theater keinen Beitrag zum Infektionsgeschehen leisten, ist das doch kein falsches Zeichen, sie zu öffnen.“ Er sei der Meinung, dass man die Kultur in der Corona-Krise dringend retten müsse, damit das Leben lebenswert bleibe.

Kein politischer Mut

Das sieht Axel Strehlitz ganz ähnlich. „Wir müssen kämpfen“, sagt der Hamburger Kulturmanager, der die App „Corona Freepass“ entwickelt hat, bei der man sich einmalig mit Personalausweis registrieren muss. „Ähnlich wie beim so genannten Post-Ident-Verfahren“, erklärt Strehlitz. Damit sollen Veranstaltungsbesuche sicher werden. „Die App ist an die 380 deutschen Gesundheitsämter angeschlossen. Wer eine Veranstaltung besuchen möchte, lässt sich vorher auf das Coronavirus testen, das Testergebnis wird an die App gesendet. Ist es negativ, steht dem Veranstaltungsbesuch nichts im Wege. Ist es positiv, geht eine Meldung direkt an die Gesundheitsämter raus.“

Bereits im vergangenen Sommer wollte Axel Strehlitz einen Club auf der Reeperbahn öffnen und eine Veranstaltung mit Publikum unter Einsatz seiner App testen. „Aber leider gab es dafür keinen politischen Mut.“ Mittlerweile biete man zudem auf dem Spielbudenplatz in Hamburg PCR-Tests ohne Rachen-Nasen-Abstrich an, setze stattdessen auf eine Kochsalzlösung zum Gurgeln. „Wir können damit in zwei Stunden 2.000 Leute testen“, so Strehlitz. Weil ein PCR-Rest sicherer als ein Schnelltest ist, könnte man bei einem negativen Ergebnis – so sagen Virologen – bis zu 36 Stunden niemanden anstecken. „Damit wäre ein Eventbesuch ohne Abstand und Maske möglich“, sagt Axel Strehlitz. Denn er wünscht sich, was sich wohl so viele Menschen wünschen: „Ich möchte nichts mehr, als zurück in mein altes Leben.“

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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