„Hänsel und Gretel“ (Foto: Dominik Lapp)
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Eindrucksvoll: „Hänsel und Gretel“ in Bielefeld

Sie ist wahrlich ein Klassiker, die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck. Doch wurde sie landauf und landab schon so oft inszeniert, dass man eigentlich nicht mehr mit einer großen Überraschung rechnet, wenn man das Stück sieht. Eigentlich. Regisseur Jan Eßinger hat es aber tatsächlich geschafft, mit „Hänsel und Gretel“ am Theater Bielefeld nicht nur zu überraschen, sondern einen glänzenden Punktsieg zu landen. Selten hat man diese Oper wohl so kreativ und frisch umgesetzt, musikalisch stark präsentiert und inszenatorisch so behutsam in die Gegenwart transferiert gesehen.

Schon bei der Ouvertüre beweisen die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung von Gregor Rot große Leidenschaft in ihrem Spiel. Die Streicherklänge verschmelzen in diesem achtminütigen symphonischen Prolog hervorragend mit den Holz- und Blechbläsern, und das Publikum wird auf die folgenden zwei Stunden musikalisch exzellent vorbereitet. Als sich schlussendlich der Vorhang hebt, gibt er die Sicht auf zwei heruntergekommene Kellerräume frei, in denen Hänsel und Gretel leben.

Heizungsrohre, ein schmuddeliges Waschbecken, wenig Licht – das sieht alles so gar nicht einladend aus und wirkt doch so unglaublich echt und detailliert, dass man sich wunderbar in die Situation der beiden in ärmlichen Verhältnissen aufwachsenden Kinder hineinversetzen kann. Die Bühnen- und Kostümbildnerin Benita Roth hat hier eine großartige Arbeit geleistet.

Später, im zweiten Akt, zeigt sich das auch bei dem Lebkuchenhaus der Knusperhexe, das in der Inszenierung von Jan Eßinger kein klassisches Lebkuchenhaus ist, sondern ein riesiger Dampfkessel, auf dessen Deckel viele Leckereien wie Kuchen, Macarons, Zuckerschaum und Erdbeeren mit Sahne darauf warten, verspeist zu werden. Passend dazu ist der Käfig, in den Hänsel gesperrt wird, ein überdimensionaler Schneebesen.

Aber nicht nur optisch hat „Hänsel und Gretel“ in Bielefeld viel zu bieten. Auch die Sängerriege wurde geradezu perfekt ausgewählt. Allen voran sind es Hasti Molavian und Dorine Mortelmans als Hänsel und Gretel, die vollends überzeugen können, weil sie in jede ihrer Szenen eine kindliche Unbeschwertheit hineinbringen. Darüber hinaus singen sie wirklich fantastisch.

Eine Glanzleistung liefert zudem Sarah Kufner als Mutter. Sie schafft es, einerseits die unsympathische Frau darzustellen, wie man sie schon aus anderen Inszenierungen von „Hänsel und Gretel“ kennt. Andererseits gelingt es ihr, der Mutter den Seelenspiegel vorzuhalten und so auch für das Publikum sichtbar zu machen, dass diese Frau zwar böse auf ihre Kinder ist, aber deshalb kein böser Mensch ist. Vielmehr ist sie überfordert mit ihrer familiären Situation und verzweifelt, weil sie nicht weiß, von was sie Essen auf den Tisch bekommen soll.

An ihrer Seite verleiht Frank Dolphin Wong dem Vater eine starke Kontur, und zwar gesanglich genauso wie schauspielerisch. Es gelingt ihm, die Sorge um die Kinder sehr gut zu transportieren und mit seinem wohltönenden Bariton seine Gesangspassagen hervorragend zu meistern. Ebenso vortrefflich ist Katja Starke als Hexe, die in ihrem Aussehen und Auftreten stark an Schmuddel-Mutti Ma Flodder aus der TV-Serie „Flodder“ erinnert. Ganz ungeniert pult sie sich beispielsweise Essensreste aus den Zahnzwischenräumen und poltert mit grandioser Mimik wie ein Feldwebel über die Bühne.

In all den starken Szenen, die Regisseur Jan Eßinger geschaffen hat, sticht eine besonders hervor: Wenn sich Hänsel und Gretel, nachdem sie sich verirrt haben, zum Schlafen legen, lässt Eßinger hier keine 14 Engel auftreten. Stattdessen visualisiert er den gemeinsamen Traum der schlafenden Kinder – einen Traum von einem glücklichen Familienzusammenleben, wo Hänsel und Gretel herzlich feiernd auf Mutter und Vater, Großeltern, Tanten und Onkel treffen. Damit beweist der Regisseur, wie äußerst durchdacht und behutsam er die Handlung in die Gegenwart transferiert und daraus eine echte Familiengeschichte gemacht hat, ohne dass dabei der Märchencharakter des Stoffs verlorengegangen ist. Zu dieser herausragenden Opernproduktion kann man dem Theater Bielefeld nur gratulieren.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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