„Das Licht auf der Piazza“ in Gelsenkirchen (Foto: Dominik Lapp)
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Warm leuchtendes Erzählstück: „Das Licht auf der Piazza“ in Gelsenkirchen

Am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen hebt sich ein überdimensionaler goldener Bilderrahmen nach dem anderen, und mit ihnen öffnet sich die poetisch schimmernde Welt von „Das Licht auf der Piazza“. Carsten Kirchmeiers Inszenierung nimmt das selten gespielte Musical von Adam Guettel – vor  22 Jahren in Seattle uraufgeführt, zwei Jahre später an den Broadway transferiert – mit großer Sensibilität in den Blick und präsentiert ein Werk, das im deutschsprachigen Raum noch immer ein Exot ist. Nach den Landesbühnen Sachsen (2018) und dem Landestheater Linz (2024) ist dies erst die dritte Produktion – eine mutige Entscheidung, denn weder der Titel noch der Komponist sind hierzulande bekannt. Und die Geschichte, in der sich eine junge Frau und ein junger Mann kennen lernen und sofort heiraten wollen, wirkt zunächst aus der Zeit gefallen. Doch dann erinnert man sich: Wir befinden uns im Florenz des Jahres 1953.

Die deutsche Übersetzung von Roman Hinze formt dafür einen eleganten, fein schimmernden Sprachduktus, der Guettels Kompositionen federleicht trägt. Dass einige Passagen im italienischen Original verbleiben, erhöht die Authentizität, macht aber fehlende deutsche Übertitel bedauerlich. Ein besonderes Vorwissen reizt zusätzlich: Der Komponist ist Sohn von Mary Rodgers und Enkel des legendären Richard Rodgers („The Sound of Music“). Die Idee, Elizabeth Spencers Erzählung „The Light on the Piazza“ zu vertonen, stammt sogar von Guettels Mutter, die das Sujet bereits 1960 ihrem Vater vorschlug. Doch erst der Enkel realisierte es.

Regisseur Carsten Kirchmeier entscheidet sich für eine intime Form des Erzählens: kein Ensemble, fast keine Choreografie (Tenald Zace), nur wenig Statisterie, stattdessen Rollenführung mit feinem Pinselstrich. Die Bühne von Julia Schnittger, dominiert von gigantischen goldenen Bilderrahmen, die sich heben und senken, schafft Räume, die zugleich realistisch und surreal wirken. Italiens Landschaften, Straßenzüge oder Innenräume erscheinen wie Gemälde, in denen das Leben weiterläuft. Kleine Versatzstücke wie Stühle, Bett oder Ladentheke genügen, um glaubhafte Szenen zu eröffnen, während die Kostüme von Hedi Mohr die 1950er-Jahre in zartem Pastell und dezenter Eleganz wiederaufleben lassen.

„Das Licht auf der Piazza“ in Gelsenkirchen (Foto: Dominik Lapp)

Das Herz dieser Produktion schlägt jedoch im Orchestergraben. Mateo Penaloza Cecconi führt die Neue Philharmonie Westfalen mit klarem Atem und großer Wärme durch Guettels vielschichtige Partitur. Diese Musik verweigert sich konsequent dem Ohrwurm, schafft stattdessen ein atmosphärisches Netz, das sich eng um die Figuren legt. Groß orchestriert und reich an harmonischer Raffinesse, erinnert sie an Sondheim-Werke wie „A little Night Music“ oder „Passion“, an die fließende Melodik aus „The Secret Garden“ oder die üppigen Klangfarben von „Ragtime“ und „Anastasia“. Wer solche Musicals liebt, findet in Guettels Tonsprache ein Fest: mal kammermusikalisch klar, mal emotional überwältigend, stets erzählend, nie bloß begleitend. Die Neue Philharmonie Westfalen setzt das mit einer Leuchtkraft um, die jeden Szenenwechsel durchpulst.

Im Zentrum stehen vier Figuren, die das Stück tragen. Anke Sieloff gestaltet Margaret als Frau, deren Leben sich in ständigen Zwischenräumen abspielt: zwischen Fürsorge und Loslassen, zwischen der Angst um ihre Tochter und dem Wunsch, ihr etwas zuzutrauen. Gleichzeitig ist sie Erzählerin, vermittelte Instanz, Herz und Verstand des Abends. Sieloff singt und spielt das mit einer Feinheit, die die innere Zerrissenheit spürbar macht.

Als Clara berührt Katherine Allen mit ihrer Mischung aus Sensibilität und poetischer Klarheit. Es ist ein heikles Rollenprofil: Die 26-jährige Clara ist infolge einer traumatischen Hirnverletzung auf dem Entwicklungsstand einer 12-Jährigen – etwas, das die Inszenierung erst spät offenbart. Allen spielt verletzlich, ohne je sentimental zu werden, und ihr glasklarer Gesang lässt hörbar werden, was die junge Amerikanerin in Italien selbst nicht sagen kann.

„Das Licht auf der Piazza“ in Gelsenkirchen (Foto: Dominik Lapp)

Luc Steegers als Fabrizio bringt jugendliche Direktheit in den Abend. Fabrizios Liebe zu Clara ist impulsiv, echt, unbedingter als vernünftig – und gerade deshalb ist er der Katalysator, der Mutter und Tochter mit einer Welt konfrontiert, in der Gefühl wichtiger ist als Kontrolle. Stimmlich ist Steegers eine Wucht: warm, sicher, emotional durchlässig.

Patrick Imhof als Signor Naccarelli verwandelt archetypische italienische Eleganz in glaubwürdige Persönlichkeit. Er ist ruhiger Pol im familiären Tumult, einer, der Konflikte mit Charme glättet und die Harmonie wahrt, ohne dass es anbiedernd wirkt. Die gesamte Naccarelli-Familie – Signora (Elpiniki Zervou), Franca (Rebecca Davis), Giuseppe (Sebastian Schiller) – überzeugt als quirliges Ensemble aus Nebenfiguren, ebenso Klaus Brantzen als Claras Vater Roy und Maksim Andreenkov als Padre: kurz, aber prägnant gezeichnet.

Diese Gelsenkirchener Koproduktion mit der Oper Wuppertal zeigt ein Musical, das im Kern altmodisch wirkt, zugleich aber mit einem modernen Blick auf emotionale Verletzlichkeit und familiäre Verantwortung fasziniert. „Das Licht auf der Piazza“ ist kein Spektakel, kein Effekt-Feuerwerk – es ist ein warm leuchtendes, musikalisch vibrierendes Erzählstück. Und genau deshalb bleibt der Abend im Gedächtnis: nicht wegen eines einzigen Songs, sondern wegen der Atmosphäre, die das Orchester entfaltet, der Sensibilität der Darstellerinnen und Darsteller und der goldenen Rahmen, die mehr zeigen als Bilder – nämlich die Zwischenräume menschlicher Gefühle.

Text: Dominik Lapp

„Das Licht auf der Piazza“ in Gelsenkirchen (Foto: Dominik Lapp)
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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".