„Der Horla“ (Foto: Dominik Lapp)
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Kleiner Rahmen, großer Opernabend: „Der Horla“ in Osnabrück

Zugegeben, einer Opernaufführung wohnt durchaus ein gewisser Zauber inne, wenn der Komponist höchstpersönlich anwesend ist. Aber nicht nur deshalb ist die Aufführung der Kammeroper „Der Horla“ von Patrice Oliva in Osnabrück besonders. Auch das Ambiente ist besonders im Lortzinghaus. Dort, wo sonst die Freimaurerloge „Zum Goldenen Rade“ zu Hause ist, wurde der große Saal zur Opernbühne umfunktioniert – und das Publikum ist so nah an den Musikern und Sängern, als wäre es eine Aufführung im heimischen Wohnzimmer.

Wirklich inszeniert ist „Der Horla“ nicht, weshalb auch kein Regisseur im Programmheft genannt wird. Aber es ist auch keine konzertante Aufführung, sondern eine szenische Einrichtung. Dazu bietet der Saal mit seiner indirekten Deckenbeleuchtung, den blau bezogenen Stühlen, dem Parkettboden, den Fenstern und Vorhängen schon eine wunderbare Kulisse. Neben dem elfköpfigen Kammerorchester sind eine Staffelei, zwei Stühle und zwei Schreibtische platziert. Auf den Tischen: eine Feder im Tintenfass, Papier, eine Kerze, eine Lampe, ein Fotoalbum, eine Obstschale. Flaschen. Gläser. Mehr braucht es nicht, um Olivas Oper zu visualisieren.

Weil sich der Todestag des französischen Schriftstellers und Journalisten Guy de Maupassant im vergangenen Jahr zum 125. Mal jährte, nahm der aus Marseille stammende und in Osnabrück lebende Komponist Patrice Oliva dies zum Anlass, seine bislang noch nicht aufgeführte Kammeroper „Der Horla“, die auf einer Novelle Maupassants basiert, zu überarbeiten und nun endlich zu einer Aufführung zu bringen. Es wäre eine Schande gewesen, hätte diese Oper noch länger in Olivas Schublade schlummern müssen.

Was im Lortzinghaus zu sehen und vor allem zu hören ist, ist der Monolog eines Erzählers, der sich seinem Tagebuch anvertraut. Er, der Erzähler, ist fest davon überzeugt, dass ein geheimnisvolles Wesen, der Horla (hors-là: da draußen), von seinem Körper Besitz ergriffen habe. Es ist ein konspiratives Selbstgespräch, das der Bariton Rhys Jenkins kongenial mit sich führt. Mit seiner wunderbar volltönenden Stimme gelingt es ihm im Handumdrehen, das Publikum in seinen Bann zu ziehen und den Saal mit der Strahlkraft seiner Stimme und einer enormen Klangfülle zu fluten. Das Gefühlsleben und die zunehmende Verschlechterung seines Gesundheitszustands weiß Jenkins aber nicht nur gesanglich perfekt darzubieten, sondern auch mithilfe seiner Mimik und Gestik. Seien es auch nur kleine Gesten, nur ein Gang zum Fenster, nur das kleinste Anzeichen von Verzweiflung in seinem Gesicht – Rhys Jenkins geht in der Rolle des Ich-Erzählers vollends auf.

Dem Doktor, der ab und zu nach dem Patienten sieht, verleiht Genadijus Bergorulko mit tiefer sonorer Stimme eine ebenso starke Kontur. Das Pendant zum Ich-Erzähler stellt Jan Friedrich Eggers dar. Wo Rhys Jenkins rechts sitzt, nimmt Eggers links Platz. Nachdem Jenkins auf Französisch aus dem Tagebuch gesungen hat, liest Eggers auf Deutsch. Jan Friedrich Eggers, ebenfalls Opernsänger, bleibt während der 90-minütigen Vorstellung gesanglich vollkommen stumm. Er darf lediglich lesen. Doch das versteht er auf genauso geniale wie fesselnde Art. Dort, wo Rhys Jenkins das Publikum gesanglich in die Tiefen der Gefühlswelt des Ich-Erzählers mitnimmt, gelingt es Jan Friedrich Eggers durch seine angenehme Sprechstimme und perfekte Betonung, die Wahnsinnsfantasien des Erzählers markerschütternd in Worte zu fassen. Wie sich Sänger und Sprecher gegenseitig ergänzen, ist geradezu einzigartig und macht die Faszination dieses Opernabends aus.

Ebenso faszinierend ist die Musik von Patrice Oliva. Da der Komponist Querflöte studiert hat, verwundert es nicht, dass sich das Leitmotiv einer Flöte durch die gesamte Partitur zieht. Zu den Flötentönen gesellen sich Oboe, Klarinette und Fagott, Horn, Violoncello, Kontrabass und ein Klavier. Insgesamt elf Musiker bringen unter der versierten Leitung von Daniel Inbal den „Horla“ großartig zum Klingen. Die anfangs eher verträumte Atmosphäre schlägt schnell in eine bedrohliche Stimmung des Wahnsinns um, und der sich zunehmend verschlechternde Gefühlszustand des Erzählers spiegelt sich in der Musik von Patrice Oliva hervorragend wider.

Was Oliva für „Der Horla“ komponiert hat, klingt mal dunkel-kraftvoll, dann wieder samtig-lyrisch. Erst tippelt eine Flöte, dann mischen sich warme Hornklänge dazu, und immer wieder erklingen herrliche Solopassagen auf dem Klavier von Eline Brys. Die kleinen, ganz besonderen Feinheiten in der Partitur Olivas sind Röhrenglocken, eine Triangel und eine minimalistische Celesta, die ebenfalls von Eline Brys gespielt werden. Aber auch die sorgsam eingewobenen Oboensoli und die zärtlichen Klarinettenklänge zeichnen das Werk Olivas aus. Trotz des kleinen Rahmens also ein ganz großer Opernabend!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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