„Cats“ (Foto: Universal Pictures)
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Zauberhaft: „Cats“ im Kino

Wohl kaum eine Musicalverfilmung wurde schon vor dem Kinostart so kontrovers diskutiert wie Tom Hoopers Verfilmung von „Cats“. Mit Hooper hat man einen Regisseur verpflichtet, der bereits 2013 mit seiner Verfilmung des Musicals „Les Misérables“ für Aufsehen sorgte. Während dieser Film damals aber vor allem positive Kritiken erhielt und sich lediglich über die Gesangsqualitäten einzelner Hollywoodgrößen echauffiert wurde, sind Kritiker und Musicalfans mit „Cats“ weitaus härter ins Gericht gegangen – dabei ist der Film wirklich zauberhaft.

Wer mit singenden Menschen in Katzenkostümen nichts anfangen kann, wird auch an der Verfilmung von „Cats“ kein gutes Haar lassen – ebenso wie Hardcorefans des Musicals, die sich nicht auf eine Neuinszenierung des von ihnen gefeierten Originals einlassen wollen. Wer aber unvoreingenommen ins Kino geht, kann durchaus seine Freude an der Leinwandversion von Andrew Lloyd Webbers Erfolgsmusical haben.

Tom Hooper und Lee Hall haben das Drehbuch verfasst und die ursprüngliche Bühnenhandlung für die Leinwand dramaturgisch hervorragend überarbeitet und erweitert. Sie stellen dabei die weiße Katze Victoria in den Fokus der Handlung und zeigen, wie sie zu Beginn in einem Sack am Straßenrand ausgesetzt wird und sich im Verlauf der Story ihren Platz in der Schar der Jellicle-Katzen sichert. Außerdem fällt die Rolle des Bösewichts Macavity größer aus: Schon von Beginn an taucht er immer wieder auf und entführt einzelne Katzen, die er zusammen mit Piratenkater Growltiger auf einem Schiff auf der Themse gefangen hält, damit er größere Chancen hat, vom Katzenoberhaupt Alt Deuteronimus für ein neues Katzenleben auserwählt zu werden.

Zwar sind durch die neue Dramaturgie auch einige Szenen und Songs dem Rotstift zum Opfer gefallen, doch wirkt die Handlung dadurch straffer. So wurde auf die Streitszene zwischen den Pekies und Pollicles verzichtet, und weil Growltiger jetzt nicht mehr eine Rolle aus dem Repertoire von Theaterkater Gus, sondern als Komplize von Macavity ein eigenständiger, realer Charakter ist, wurde sein Song „Growltigers Last Stand“ – abgesehen von einer Zeile – gestrichen. Neu hinzugekommen ist dafür mit „Beautiful Ghosts“ ein eigenes Erkennungslied für Victoria, das Andrew Lloyd Webber mit Taylor Swift geschrieben hat. In diesem sehr kraftvollen Song nähert Victoria sich Grizabella an und findet darin ihre eigene Kraft.

Die weiteren, bereits aus der Bühnenversion bekannten Songs hat Lloyd Webber zusammen mit Marius de Vries („La La Land“), Greg Wells und Becky Bentham für die Verfilmung überarbeitet und ihnen teilweise eine neue, modernere Orchestrierung verpasst. Die Eröffnungsnummer „Jellicle Songs for Jellicle Cats“ kommt dadurch stellenweise wie eine Disconummer daher, der Song „The Old Gumbie Cat“ klingt jetzt nach einer schmissigen Jazz-Swing-Nummer, in der Solonummer des Rum Tum Tuggers ist mehr Gitarre, Bass und Schlagzeug zu hören und beim Song „Mungojerrie and Rumpleazer“ hat Andrew Lloyd Webber wieder auf seine jazzige Melodie der Uraufführung von 1981 zurückgegriffen.

„Cats“ (Foto: Universal Pictures)

Hervorragend ist zudem, dass die Erkennungslieder der einzelnen Charaktere jetzt fast ausschließlich von diesen gesungen werden. So darf Theaterkater Gus seinen Song nun allein singen, während er in der Bühnenversion nur einen Teil singt und Jellylorum die weiteren Parts übernimmt. Ähnlich ist es bei den Songs von Bustopher Jones, Skimbleshanks und Mister Mistoffelees, was erfreulich ist, weil den Charakteren dadurch mehr Raum gegeben wird. Durch neu hinzugefügte Dialogszenen zwischen den Songs werden die Charaktere, ihre Geschichten und die jeweilige Motivation zum Teil viel greifbarer. Wer aufgrund der flachen Handlung mit „Cats“ bislang seine Probleme hatte, findet in der Verfilmung zwar immer noch keine preisverdächtige Story, aber immerhin etwas mehr Tiefe.

Mit Andy Blankenbuehler wurde ein erfahrener Choreograf engagiert, der bereits die Neuinszenierung von „Cats“ am Broadway choreografiert hat und mit seiner Choreografie für das Musical „Hamilton“ für Furore sorgte. Bei der Verfilmung bringt Blankenbuehler die moderne Empfindsamkeit von Hip-Hop und Streetdance, mit der er schon bei „Hamilton“ überzeugte, in die Sprache von „Cats“ ein. Das sieht wunderbar aus und wird von den Tänzern im Film exzellent umgesetzt, doch die unverwechselbare Originalchoreografie von Gillian Lynne vermag es nicht zu ersetzen. Durch Close-ups und schnelle Schnitte geht zudem einiges von Blankenbuehlers Choreografie verloren, was ein deutlicher Nachteil des Films gegenüber der Bühnenfassung ist. So kann insbesondere der „Jellicle Ball“ auf der Leinwand nicht solch eine Kraft und Energie entfachen wie auf der Bühne, was ganz einfach dem Medium Film und den Kameraeinstellungen geschuldet ist.

Optisch überzeugt „Cats“ besonders durch das Setdesign, das nicht wie in der Bühnenversion einen Londoner Schrottplatz in der Gegenwart, sondern mehrere Schauplätze im London der 1930er Jahre zeigt: einen dunklen Friedhof, vollgemüllte Hinterhöfe, eine heimische Küche, eine neonbeleuchtete Milchbar, ein heruntergekommenes Theater und schließlich Piccadilly Circus. Szenenbildnerin Eve Stewart wollte das London einfangen, das der Autor T. S. Eliot in den 1930er Jahren gesehen haben muss, als er „Old Possums Katzenbuch“ schrieb, auf dem das Musical „Cats“ basiert. Die Szenerie sieht dabei nicht immer wirklich real aus, sondern fängt den Stil einer Theaterinszenierung ein. Das mag für die einen befremdlich, vielleicht sogar billig wirken, macht aber den eigentlichen Zauber des Films aus, der die Bühnenherkunft des Stoffs nicht verschweigt.

Unglaubwürdig ist lediglich, dass London während des gesamten Films komplett ausgestorben erscheint. Sowohl nachts als auch in der Morgendämmerung fahren weder Autos durch die Straßen noch sind Menschen unterwegs – in einer Millionenmetropole eher unwahrscheinlich. Wo zudem wirklich schlampig gearbeitet wurde, ist beim Maßstab, der immer wieder variiert.

Ansonsten hat Regisseur Tom Hooper aber wohl ganz bewusst auf eine rein computeranimierte Version von „Cats“ verzichtet, um den Live-Aspekt mitzunehmen. So zumindest ist es zu erklären, warum so viel vom Gesicht und der Mimik der Schauspieler sowie ihre Hände und Füße digital unberührt gelassen wurden. Was einige Kritiker diesbezüglich als Horror bezeichnen, darf vielmehr als wunderbare Hommage an die Bühnenfassung verstanden werden. Ganz klassische Stilmittel des Theaters werden im Film bewusst eingesetzt, um dem Publikum vor Augen zu führen, dass hier Menschen in Katzenkostümen eine Geschichte erzählen.

„Cats“ (Foto: Universal Pictures)

Was außerdem fantastisch ist, ist die Besetzung, die in dem Film zu sehen ist. Als Victoria begeistert Francesca Hayward, eigentlich Solotänzerin des Londoner Royal Ballet, in ihrer ersten Kinorolle. Sie bringt eine jugendliche Leichtigkeit und Frische ein, die perfekt zu ihrer Rolle passt. In der deutschen Synchronfassung leiht ihr Julia Scheeser ihre Stimme, die vor allem in dem Song „Beautiful Ghosts“ bestens zur Geltung kommt.

Nachdem Andrew Lloyd Webber in seinem Musical „Starlight Express“ aus der alten Dampflok Papa mittlerweile eine Mama gemacht hat, verwundert es nicht, dass in „Cats“ die Rolle des Katzenoberhaupts Alt Deuteronimus mit Judi Dench jetzt erstmals weiblich besetzt wurde. Dench verleiht ihrer Rolle das nötige würdevolle Auftreten und schafft es durch ihr überzeugendes Schauspiel, völlig vergessen zu machen, dass ihre Rolle ursprünglich von einem Mann gespielt wurde.

Jason Derulo ist passend als Rock’n’Roll-Kater Rum Tum Tugger besetzt und wird von Philipp Büttner hervorragend gesanglich synchronisiert, während James Corden einen äußerst witzigen Bustopher Jones mimt. Ian McKellen ist als Gus ein herrlicher alter Theaterkater, den Thomas Rauscher in der deutschen Fassung singt, und Taylor Swift ist eine hinreißende Bombalurina, der Pia Allgeier ihre deutsche Stimme leiht.

Rebel Wilson hat sich die Rolle der Jenny Fleckenreich absolut perfekt verinnerlicht, und Jennifer Hudson verleiht ihrer Grizabella einen enorm starken emotionalen Ausdruck, was auch ihrer deutschen Synchronstimme Patricia Meeden im Song „Memory“ gelingt. Ebenso überzeugend sind Robbie Fairchild als Munkustrap, dem Patrick Stanke seine ausdrucksstarke Gesangsstimme leiht, Mette Towley als Cassandra, für die Sabrina Weckerlin wie gewohnt erstklassig singt, sowie Laurie Davidson als Mister Mistoffelees, zu dem die deutsche Gesangsstimme von Andreas Bongard sehr gut passt.

Zusammenfassend ist die Verfilmung von „Cats“ also überhaupt nicht so übel geworden, wie es an anderen Stellen zu lesen ist. Herausgekommen ist eine zauberhafte Leinwandadaption eines weltweit erfolgreichen Musicals, die zugleich eine Hommage an die Bühnenversion ist. Hier wurden bewusst Stilmittel von Film und Bühne miteinander verwoben und dadurch ein neuer, eigenständiger Stil kreiert. Das Ergebnis ist sicher nicht schlechter als der Trash-Musicalfilm „The Rocky Horror Picture Show“, der sich trotz seiner hanebüchenen Story und der scheußlich billigen Ausstattung zum Kultfilm entwickelt hat.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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