Patrick Stanke (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Patrick Stanke: „Ich bin älter, weiser und reicher an Erfahrung“

Der gebürtige Wuppertaler Patrick Stanke ist aus der deutschen Musicalszene nicht mehr wegzudenken. Seine erste große Rolle, die er noch parallel zu seiner Ausbildung zum Musicaldarsteller spielte, war der Heizer Fredrick Barrett in „Titanic“. Es folgten Hauptrollen in Musicals wie „Aida“, „Mozart!“ und „Jekyll & Hyde“. Zuletzt stand er bei den Freilichtspielen Tecklenburg als Graf Axel von Fersen in „Marie Antoinette“ auf der Bühne. Im Interview spricht er über Rollenvorbereitung und sein Interesse an dramatischen Stoffen, aber auch über seine Band „Stanke ohne Strom“.

Sie haben Axel von Fersen in „Marie Antoinette“ schon in Bremen gespielt, in der Saison 2012 auch in Tecklenburg. Haben Sie diese Rolle in Tecklenburg anders gespielt als noch vor drei Jahren?
Wenn man eine Rolle über Jahre spielt, verinnerlicht man ja einige Sachen. Doch das Gute ist: Ich bin jetzt älter, weiser und reicher an Erfahrung. Ich hatte jetzt Zeit, mir mehr Gedanken über die Rolle zu machen und sie zu entwickeln. Diese Zeit hatte ich damals in Bremen nicht, als die Rolle ganz neu kreiert wurde. Deshalb ist der Axel von Fersen in Tecklenburg wesentlich reifer als er es in Bremen war.

Sie haben etliche große Rollen gespielt. Dagegen ist Fersen eine relativ kleine Rolle. Wie ist das für Sie?
Das trifft natürlich auch ein bisschen mein Ego. Klar, ich würde lieber große Rollen spielen. Aber mit Fersen habe ich echt Glück gehabt. Ich hatte 2008 das Angebot, Graf von Krolock in „Tanz der Vampire“ zu spielen. Gleichzeitig kam aber auch das Angebot, Graf Axel von Fersen in „Marie Antoinette“ zu spielen. Michael Kunze hat mich damals kontaktiert und mir mitgeteilt, dass man mir beide Rollen anbieten würde, er mich aber gern bei „Marie Antoinette“ dabeihätte. Damals war die Rolle aber noch viel kleiner, hatte kaum etwas zu singen. Die Songs, die ich jetzt singe, gab es damals noch gar nicht oder zumindest nicht in dem Umfang. Michael Kunze und Sylvester Levay waren sich aber einig, wenn sich mit dabeihaben, dass ich dann etwas mehr zu tun bekommen sollte.

War das damals ein Luxusproblem für Sie, dass man Ihnen zwei Rollen angeboten hat?
Ja, das war definitiv ein Luxusproblem. Hätte ich den Krolock gemacht, würde ich die Rolle wahrscheinlich immer noch spielen. Nichtsdestotrotz war „Marie Antoinette“ eine wichtige Produktion, weil es eine europäische Erstaufführung war. Und ich spiele auch gern mal kleine Rollen, wenn sie zum Stück beitragen. Was die Rolle in Tecklenburg angeht, sehe ich meine Aufgabe ganz anders als damals in Bremen. Ich sehe mich hier als festes Mitglied der Bühne, als feste Größe. Wenn es in diesem Jahr meine Aufgabe ist, Axel von Fersen zu spielen, dann mache ich das mit demselben Talent und derselben Hingabe, wie ich hier 2008 den Mozart gespielt habe. Das verlangt das Publikum von mir und kann dies auch verlangen. Ich fühle mich in Tecklenburg so wohl, dass ich sogar im Chor singen würde.

Beschäftigen Sie sich denn auch mit der Geschichte, die hinter so einer historischen Rolle steckt?
Das ist etwas schwierig bei mir. Was Graf von Fersen betrifft, habe ich ein bisschen gelesen und versucht, mich zu informieren. Und ich habe 2008 sogar Nachfahren von ihm auf einem alten Anwesen besucht und da viel über ihn erfahren. Letztendlich lernt man aber schon durch das Stück selbst sehr viel über seine Rolle. Als wir 2008 in Bremen für „Marie Antoinette“ geprobt haben und Michael Kunze vor Ort war, war das sowieso wie Geschichtsunterricht. Wir Darsteller haben damals wie eine Schulklasse in der Aula gesessen und Michael hat uns erzählt, worum es in dem Stück geht. Wenn ich eine Rolle wie Mozart spiele, lese ich mich da allerdings mehr ein, höre mir seine Musik an und versuche, etwas in der Rolle zu finden, was auch Patrick Stanke sein könnte.

Patrick Stanke als Axel von Fersen in "Marie Antoinette" (Foto: Dominik Lapp)

Sie haben schon häufig in dramatischen Musicals mitgewirkt. Ist Ihr Interesse an dramatischen Stoffen besonders groß?
Ich denke schon. Ich bin zwar privat ein lustiger Typ, aber auf der Bühne bin ich lieber der Dramatiker, der Liebhaber mit dem Schmalz in der Stimme. Stücke wie „Les Misérables“ sind mein Ding. Wobei ich auch ein Stück wie „Mamma Mia!“ spielen würde. Aber wenn ich es mir aussuchen kann, würde ich dramatischen Musicals immer den Vorzug geben. Ich bin ein Träumer und Romantiker und mag die Zeit von damals einfach sehr gern. Den Film „Sweeney Todd“ mit Johnny Depp mag ich zum Beispiel sehr gern. Das ist eine interessante Zeit, eine unglaublich tolle Szenerie. In dieser Zylinderzeit hätte ich gern gelebt. Deswegen freue ich mich immer, wenn ich in einem Stück spielen kann, das in so einer Zeit spielt.

Ihre erste Rolle in Tecklenburg war der Zahnarzt Orin in „Der kleine Horrorladen“. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie mal nahezu jedes Jahr in Tecklenburg – auch in Hauptrollen – auf der Bühne stehen würden?
Überhaupt nicht. Ich war ja noch sehr jung und wusste noch nicht, wie sich das entwickeln würde. Hätte ich das damals schon gewusst, hätte ich echt stolz sein können. Aber so was weiß man vorher nicht. Das ist ja auch das Schlimme in unserem Beruf, dass man nie weiß, was im nächsten Jahr sein wird.

Nach dem „Horrorladen“ kam schon die Titelrolle in „Jekyll & Hyde“. Eine große Herausforderung?
Absolut. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Als ich gehört habe, dass sie in Tecklenburg „Jekyll & Hyde“ spielen, dachte ich nur, dass es darin keine Rolle für mich gibt. Doch dann kam Radulf Beuleke auf mich zu und hat mir gesagt, dass man mich gern für die Titelrolle hätte. Da war ich echt geplättet, weil ich damals erst 27 war und die Jekylls, die man so kannte, alle älter waren. Aber dann habe ich mit dem Komponisten Frank Wildhorn telefoniert, der mir alle Zweifel genommen hat.

Nicht nur das Musical spielt in Ihrem Leben eine Rolle. Sie haben auch ein Bandprojekt namens „Stanke ohne Strom“ – reicht Ihnen Musical allein nicht mehr?
Im Musical hat mir tatsächlich etwas gefehlt. Ich spiele ja seit zehn Jahren professionell Musical und immer andere Menschen. Eigentlich spiele ich Musical sogar schon seit meinem 14. Lebensjahr. Ich habe als Kind schon früh Gitarre gelernt und mir auf unserer Heimorgel das Klavierspielen selber beigebracht. Später hatte ich verschiedene Schulbands. Und das fehlte mir einfach – zu musizieren, Songs zu schreiben, mich mit meiner Persönlichkeit selbst auszudrücken und nicht immer zu versuchen, die Gefühle eines Radames oder eines Axel von Fersen weiterzugeben. Ich habe schließlich auch eigene tiefe Gefühle, die ich zeigen möchte. Und das kann ich am besten mit Musik.

Und wie entstand dann die Idee zu „Stanke ohne Strom“?
Die Idee wurde eigentlich aus der Not heraus geboren. Ich wollte den Fans ein Konzert bieten, wo ich zeigen kann, wie ich gewisse Dinge sehe. Das ist ja auch der Tenor meiner Solo-CD „Ich bin Musik“. Wenn man da mal reinhört, klingt „Der letzte Tanz“ nicht so wie in „Elisabeth“. Denn der Song ist so arrangiert, wie ich ihn sehe. Da sind zwei Trompeten, die sich streiten. Und so entstand die Idee zu „Stanke ohne Strom“, weil ich für die Fans ein Konzert als Dankeschön für die letzten Jahre geben wollte. Dabei wollte ich nicht nur Musicalsongs singen, sondern zeigen, dass mein Herz ganz klar auch an der Rock- und Popmusik hängt. Der erste Abend, es war der 27. Dezember 2010, war ein Erfolg. Und da habe ich mir geschworen, dass ich das jetzt solange mache wie ich kann. Also gründete ich die Band, die mittlerweile alles andere als ohne Strom ist. (lacht) Aber der Name hat sich inzwischen etabliert und hat unter den Fans schon so etwas wie Kultstatus. Mit „Stanke ohne Strom“ kann ich mich richtig ausleben und bin Darsteller und Regisseur in einer Person.

Patrick Stanke als Jesus in "Jesus Christ Superstar" (Foto: Dominik Lapp)

Wie haben Sie Ihre Bandmitglieder gefunden?
Das waren alles Zufälle, wie es so oft im Leben ist. Ich kenne natürlich durch meine langjährige Tätigkeit als Musicaldarsteller zahlreiche Musiker, die ich hätte fragen können. Aber so weit kam es gar nicht. Mein erstes Konzert hatte ich im Essener Lukas. Da war ich noch ganz allein. Chris Vega, mein jetziger Gitarrist, hatte am Folgetag in der gleichen Location einen Auftritt und hat sich also am Tag zuvor mein Konzert angesehen. Anschließend kam er auf mich zu, meinte zu mir, dass er mich ganz cool finden würde und wir mal was zusammen machen sollten. Schon hatte ich einen Gitarristen. Meinen Schlagzeuger Tim Harbusch kannte ich wiederum durch ein gemeinsames Engagement in „Buddy“. Irgendwann zog Tim in eine meiner drei Wohnungen in Wuppertal und war auf einmal mein Nachbar. Also fragte ich ihn, ob er nicht in der Band spielen möchte. Der Gitarrist brachte irgendwann noch einen Bassisten mit und schon waren wir vier Leute. Ein Jahr später haben wir uns einen Keyboarder gesucht und gesagt: Wir sind „Stanke ohne Strom“ und erobern die Welt.

Haben Sie den neuen Keyboarder gesucht, damit er Sie etwas entlasten kann? Bislang haben Sie bei „Stanke ohne Strom“ ja selbst in die Tasten gehauen.
Durchaus. Es ist tatsächlich so, dass er für mich eine Entlastung ist. Denn ich bin kein Pianist, habe mir das alles nur selbst beigebracht und eigentlich immer nur so getan, als wenn ich es richtig könnte. Ich war Pianist, der auch singt. Und das hat mich in meiner Funktion als Entertainer gehemmt. Denn ich bin ja eher der Sänger und Entertainer, der vorne stehen muss. Zwischen mir und dem Publikum stand aber immer das Instrument, das ich eigentlich zu schlecht spiele. Also haben wir uns einen Keyboarder gesucht, den wir schließlich in Person von HC Petzoldt fanden. Er ist Pianist, Dirigent und einfach jemand, der es einfach draufhat. Ich denke, ich muss mich nicht schämen, wenn ich mit diesen Musikern im Rücken sage: Ich habe eine Band und sie heißt „Stanke ohne Strom“.

Sehen Sie sich denn als Musicaldarsteller, Rocksänger oder einfach als Künstler?
Ich bin Patrick Stanke und ich kann mich in sehr vielen Genres wiederfinden. Das hängt natürlich auch mit meiner Ausbildung zusammen: Ich bin Musicaldarsteller und habe gelernt, viele Dinge umzusetzen, die mir gezeigt werden. Wenn ich in einem Musical auf der Bühne stehe, bin ich selbstverständlich Musicaldarsteller und diene dem Stück. Aber wenn ich mit „Stanke ohne Strom“ unterwegs bin, bin ich ganz klar Rocksänger. Da malen wir uns die Augen schwarz und tun so, als würde uns die Welt gehören. Es ist zwar auch eine Art Show und Versteckspiel, aber dabei verstecke ich mich nicht hinter einer Rolle, sondern zeige mich als Patrick Stanke. Letztendlich bin ich der Patrick, der viel kann und viel zeigen möchte.

Ist die Musik von „Stanke ohne Strom“ nicht total gegensätzlich zum Musical?
Ach, das würde ich gar nicht mal sagen. Musical, Pop und Rock sind für mich irgendwie eins, also vom musikalischen Aufbau her gleich. Natürlich ist es auch etwas anders. Deswegen mache ich es ja. Aber es lässt sich gut vereinen. Außerdem soll die Musik bei „Stanke ohne Strom“ ja auch immer mit einem kleinen Augenzwinkern sein, wenn wir Musicalnummern spielen und sie auf die Schippe nehmen, um zu zeigen, wie sie klingen können. Ein Beispiel ist die Rockversion von „Defying Gravity“ aus „Wicked“, die ich wesentlich cooler finde als die Originalversion

„Stanke ohne Strom“ ist zweifelsohne eine richtige Band, aber eigentlich ja lediglich eine Coverband. Wann gibt’s ein eigenes Programm von „Stanke ohne Strom“, wann kommen die eigenen Songs?
Das ist alles schon auf dem Weg. Wir schreiben eigene Songs, von denen wir einen mit dem Titel „Fall in Love“ auch schon auf den letzten Konzerten gespielt haben. Ich habe insgesamt acht Songs geschrieben, die gerade bearbeitet werden und die wir nach und nach in unser Programm einpflegen werden. Aber grundsätzlich sind wir natürlich eine Coverband. Wir spielen Sachen, die wir cool finden und die uns im Ohr bleiben. Wir spielen an einem Abend um die 25 Songs, von denen künftig sicher vier bis fünf Songs von uns sein werden. Aber wir wollen niemanden überfordern, weil die Leute auch zu uns kommen, um die Klassiker zu hören.

Patrick Stanke (Foto: Dominik Lapp)

Wie sieht’s mit einer CD von „Stanke ohne Strom“ aus?
Eine CD ist geplant. Wir sind momentan im Studio und schreiben Songs für diese CD, die wahrscheinlich vier oder fünf Titel beinhalten wird und eventuell 2013 rauskommen soll.

Und passend dazu eine Live-DVD, die Sie im November in Wuppertal produzieren lassen?
Die Live-DVD lassen wir erst mal nur für uns als Band produzieren, damit wir uns damit vor allem bei Veranstaltern vorstellen können. Sollte die aber letztendlich gut und vorzeigbar werden, kann ich mir vorstellen, dass wir sie auch dem Publikum anbieten.

Ist das also der Start einer eigenen Merchandising-Reihe?
Klar, es wird auch bald T-Shirts von uns geben. Buttons und Schlüsselbänder ebenfalls. Wir wollen dann eine Art Fanpaket anbieten, das man günstig erwerben kann.

Gerade die Produktion von CDs und DVDs ist wahnsinnig teuer. Ist das ein Geschäft, mit dem die Band überhaupt Geld verdienen kann oder zahlen Sie drauf?
Das ist definitiv ein Geschäft, bei dem man draufzahlt. Die Produktionskosten sind so hoch, dass sie ganz klar die Einnahmen überschreiten. Ich muss das Tonstudio und die Musiker bezahlen, das CD-Booklet muss designt und gedruckt werden. Das sind Kosten von mehreren Tausend Euro. Wenn man mal hochrechnet, wie viele CDs wir wahrscheinlich verkaufen werden, müsste ich eigentlich 40 Euro pro CD nehmen, um die Kosten wieder reinzubekommen. Aber natürlich werden wir die CD wie das Fanpaket zu einem günstigen Preis anbieten. Es ist quasi ein Geschenk an die Fans. Und solange ich es mir leisten kann, mache ich das.

Wenn Sie so erzählen, merkt man, wie stolz Sie auf Ihre Band sind. Was bedeutet Ihnen „Stanke ohne Strom“?
SOS ist mein Baby. Es ist meine Band, mein Bon Jovi. Hier kann ich Patrick sein und mich richtig ausleben. Mein größtes Ziel ist natürlich, dass wir mit „Stanke ohne Strom“ so bekannt werden, dass wir es der ganzen Welt zeigen können. Deshalb ist ja auch der nächste Schritt, dass wir eigene Songs schreiben und damit zeigen, wie wir die musikalische Welt sehen. „Stanke ohne Strom“ ist mein Ein und Alles. Täglich. Darum dreht sich auch bei mir zu Hause alles. Ich wache morgens auf, gehe ans Klavier, spiele, komponiere, schreibe es auf. Mir fallen Textfetzen ein, die ich aufschreibe, gehe dann nach unten in mein Studio – ich habe ein kleines Tonstudio im Keller – und nehme etwas auf. „Stanke ohne Strom“ bestimmt gerade mein Leben.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

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