„Ungeduld des Herzens“ (Foto: Andreas Blassimir / Theatergastspiele Fürth)
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Hochdramatisch: „Ungeduld des Herzens“ auf Tour

Der britisch-österreichische Schriftsteller Stefan Zweig hat nur einen einzigen Roman zu Ende geschrieben: „Ungeduld des Herzens“. Darin setzt er sich mit der Frage auseinander, was wahres Mitleid ist und wie schwierig es ist, wirklich mit einem anderen Menschen zu leiden. Die Theatergastspiele Fürth schicken diese Geschichte jetzt als hochdramatische Schauspielproduktion in einer Fassung von Thomas Jonigk, inszeniert von Thomas Rohmer, auf Tournee.

Für die Bühnenbearbeitung von „Ungeduld des Herzens“ hat Thomas Jonigk den Zweig-Roman behutsam bearbeitet, konnte viele Dialoge übernehmen, hat die Story aber auch verdichtet, indem er Charaktere gestrichen und einen neu erfunden hat. Dabei verleugnet er niemals den Geist der Vorlage. Das Stück erzählt davon, wie im Jahr 1914, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der junge Leutnant Hofmiller auf das Schloss von Lajos von Kekesfalva eingeladen wird, dort auf dessen beinlahme Tochter Edith trifft, sie dummerweise zum Tanz auffordert, sich bei ihr entschuldigt und sie fortan täglich besucht, sich von ihr anhimmeln und beschimpfen lässt. Hofmiller entwickelt Mitleid für das Mädchen, verlobt sich mit Edith und verleugnet die Verlobung öffentlich, so dass es zur Katastrophe kommt.

Kreativkopf hinter diesem Schauspiel ist Thomas Rohmer, der nicht nur Leiter der Theatergastspiele Fürth ist, sondern auch in Personalunion für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnet. So wirkt alles wie aus einem Guss. Die Kostüme spiegeln einerseits das frühe 20. Jahrhundert wider, nehmen aber teilweise auch Anleihen an der Mode der Gegenwart. Das Bühnenbild besteht aus einem schwarz-weiß gekachelten Bühnenboden und einer zentralen Wand, die sehr stimmungsvolle Bild- und Videoprojektionen zeigt. Ergänzt wird alles durch einzelne Möbelstücke.

Nun ist die Gefahr groß, dass die bei Tourneeproduktionen sehr gern eingesetzten Projektionen billig und herkömmlich wirken. Nicht so jedoch bei „Ungeduld des Herzens“. Werden auf der zentralen Wand einerseits sehr hochwertige und authentische Fotos gezeigt, die das Publikum in das Schloss Kekesfalva mitnehmen, sind es andererseits vor allem die Videoeinspielungen, die der Story und insbesondere dem Hauptcharakter der Edith eine zusätzliche Tiefe verleihen. Wenn Edith im Vordergrund auf einem barocken Stuhl sitzt und vom Tanzen träumt, ist sie es, die „lahme Schöne“, die im Video auf der rückwärtigen Wand tanzt. Der Effekt ist so einfach wie genial und lebt vor allem von der hohen Qualität der Videoeinspielungen.

Thomas Rohmer lässt seinen drei Schauspielerinnen und drei Schauspielern vor der Videowand glücklicherweise ausreichend Platz zur Rollengestaltung und -entfaltung. Allen voran ist es hierbei Anne-Catrin Märzke, die als Edith die größte Bürde zu tragen hat, was ihr ausgezeichnet gelingt. Großartig balanciert sie zwischen Ediths Gefühlen und Gefühlsausbrüchen, ist mal liebenswürdig und sympathisch, dann wieder störrisch und schrill. Weil Edith – abgesehen von wenigen Gehversuchen – nur auf einem Stuhl sitzt oder auf dem Boden liegt, ist die Herausforderung, diesen Charakter besonders durch Mimik zu formen, was Märzke außerordentlich authentisch und emotional vollzieht.

Benjamin Krüger ist als Hofmiller ein willenloser Getriebener zwischen soldatischem Drill und heftigen Gefühlen. Glaubwürdig spielt er die Zerrissenheit zwischen aufopferungsvollem Mitleid für Edith und ehrlicher Liebe für deren Cousine Ilona, der die fantastische Maria Kempken ein starkes Profil verleiht. In der Rolle der Frau Engelmayer führt Adela Florow exzellent als eine Art Conferencier durch die Geschichte, ist eigentlich Hausdame im Schloss, aber durchbricht immer wieder die vierte Wand, um sich direkt ans Publikum zu wenden. Christopher Neris gibt einen energischen Doktor Condor und Giovanni Arvaneh mimt als Lajos von Kekesfalva eine alternde, langsam verzweifelnde Persönlichkeit von Format.

„Gott sei Dank, ich brauch euch alle nicht. Ich werde schon selber fertig mit mir. Und wenn’s nicht weitergeht, dann weiß ich schon, wie ich loskomme von euch“, sagt die egozentrische Heldin Edith. Allein diese versteckte Drohung macht deutlich, welch ein dramatischer Stoff mit hochdramatischen Charakteren „Ungeduld des Herzens“ ist. So dramatisch wie der Roman, ist auch die Bühnenfassung unter der Regie von Thomas Rohmer ausgefallen. Fesselnd von Anfang bis zum Schuss und definitiv sehenswert!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".