„Tina“ (Foto: Manuel Harlan)
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Scheinwerferlicht und Ausweglosigkeit: „Tina“ in Stuttgart

Mit einem gold-glitzernden Teppich feierte das Musical „Tina“ Premiere in der schwäbischen Landeshauptstadt. Nach Jahren voller Disney-Magie im Stuttgarter Apollo Theater ist nun ein Stück eingezogen, bei dem nicht nur die Lieder einer weltweit erfolgreichen Sängerin im Mittelpunkt stehen, sondern vor allem ihr Leben.

Tina Turner gehört gemeinsam mit ihrem Mann Erwin Bach zu den ausführenden Produzenten des Musicals und hat sich somit zu Lebzeiten ein weiteres musikalisches Denkmal geschaffen. Das Stück feierte erst 2018 Premiere im Londoner West End und schaffte es danach zuerst nach Deutschland für eine von Corona überlagerte, aber erfolgreiche Spielzeit in Hamburg, bevor es auch am Broadway aufgeführt wurde.

Juke-Box-Musicals sind auf den Spielplänen der Bühnen zuhauf zu finden. Doch ein Musical, das die Lebensgeschichte einer realen Person erzählt und darin ihre größten Musikerfolge einbettet, ist eher selten. Kann das funktionieren, ohne überzogen und aufmerksamkeitsheischend zu wirken? Um es kurz zu machen: ja!

Dass das eigene Leben es schafft, auch als Musical zu bestehen, hätte sich Tina Turner, geboren 1939 als Anna Mae Bullock in Tennessee, wohl anfangs nicht vorstellen können. Bereits als Siebenjährige fällt sie beim sonntäglichen Gottesdienst mit ihrer Stimme auf. Sie findet Halt in der Musik und bei ihrer gläubigen Großmutter. An dieser Stelle beginnt auch das Musical: Baumwollfelder, Rassentrennung, von der eigenen Mutter nicht wirklich angenommen. Das Leben nimmt Fahrt auf und geht im wahrsten Sinne des Wortes Schlag auf Schlag.

Mit knapp 20 Jahren lernt sie Ike Turner kennen, erhält von ihm den Künstlernamen Tina und ist fortan Teil der Band „Ike & Tina Turner“. Ein Leben mit zwei Seiten beginnt: Glamour und Erfolg auf der Bühne, doch dahinter unter der Kontrolle eines gewalttätigen und drogenkonsumierenden Ehemannes.

Aisata Blackman hat die große Aufgabe, die Queen of Rock zu verkörpern. Dies gelingt ihr in jeder Facette und Altersklasse absolut überzeugend. Die Spannungen, die sich zwischen ihr und Carlos de Vries als Ike Turner aufbaut, lässt sich förmlich greifen. De Vries schafft es dabei gerade noch so, beim Schlussapplaus nicht ausgebuht zu werden, was wohl in dem Fall die größte Anerkennung für seine undankbare Rolle wäre.

„Tina“ (Foto: Manuel Harlan)

In einer Zeit von Triggerwarnungen muss hier deutlich gesagt werden, dass das Musical vor allem die von Gewalt erfüllte Seite von Tina Turners Leben nicht auslässt. Eine große Leistung ist dem Kreativteam dabei gelungen, das Thema häusliche Gewalt realistisch aber nicht traumatisierend darzustellen.

Im zweiten Akt versucht Tina Turner, nachdem ihr die Trennung von Ike gelungen ist, musikalisch wieder allein Fuß zu fassen. Die Steine, die sie dabei aus dem Weg räumen muss, sind groß. Doch sie schafft, was zwischendrin kaum noch zu glauben schien: den Weg zurück auf die ganz große Bühne. 

In diesem Musical ist die Hauptrolle glasklar und stiehlt somit zurecht allen anderen die Show. Nicht erst beim großen Finale zündet beim Publikum wie ein Feuerwerkt das Gefühl, hier ein Stück Tina Turner live zu erleben: ihre Bewegungen, ihre Stimmgewalt, einfach ikonisch und von Aisata Blackmann grandios verkörpert. Es ist schwer, neben dieser Präsenz zu bestehen – und doch gelingt dies vor allem ihren restlichen Familienmitgliedern, Jahlisa Norton als Schwester Alline und Kim Sanders als Turners Mutter Zelma, deren Worte über die eigene Tochter fast wehtun, sehr gut.

Das Stück lebt schon allein von der starken Lebensgeschichte als Handlung. Ergänzt wird diese aber auch noch durch die musikalischen, vielfach ausgezeichneten Erfolge der Künstlerin. Die spannende Mischung hierbei ist, dass die Songs teilweise im Original eingebunden sind, größtenteils aber auch in einer deutsch übersetzen Version erklingen. Doch auch diese Herausforderung der Übersetzung, die viele fürchten, gelingt. Aus „I can’t stand the Rain“ wird „Regen fällt wie Blei“ und aus „We don’t need another Hero“ wird „Wir woll’n keine neuen Helden“ – der Rhythmus bleibt und geht unter die Haut, der Text bedient die Handlung.

Eine ergreifende Geschichte mit bewegenden Liedern, dargestellt von einer frisch für Stuttgart gecasteten Besetzung, die gemeinsam mit der Band einen außerordentlich mitreißenden Job macht und den Saal zum Toben und Mitklatschen bringt. Kostüme, Licht und Bühnenbild tun das Übrige um sowohl Konzertgefühl als auch Intimität beim Tod von Zelma Bullock zu erzeugen.

Das Musical „Tina“ zeigt, dass sich glitzernde Bühnenoutfits und eine Geschichte mit Tiefgang nicht gegenseitig ausschließen müssen. Denn das Leben einer Ikone, das auf der Bühne bewegend, begeisternd und bewundernswert dargestellt wird, macht diese Show zu dem, was die Queen of Rock in einem ihrer Lieder verspricht: Simply the Best!

Text: Nathalie Kroj

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Nathalie Kroj sammelte Erfahrungen bei thatsMusical und Musical1, bevor sie als Autorin zu kulturfeder.de kam, um hier ihre Leidenschaft für Musicals mit dem Schreiben zu verbinden.