„Sweeney Todd“ in Bremerhaven
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Mit Blut und beißendem Witz: „Sweeney Todd“ in Bremerhaven


Das Stadttheater Bremerhaven zeigt das Musical „Sweeney Todd“ von Stephen Sondheim (Musik und Songtexte) und Hugh Wheeler (Buch) in der deutschen Fassung von Wilfried Steiner und Roman Hinze als finster grundierte Groteske, in der sich Grauen und Komik unauflöslich verschränken. Regisseur Toni Burkhardt entscheidet sich für ein durchgehend düsteres Konzept, das die Figuren scharf konturiert und den schwarzen Humor als treibende Kraft des Abends behandelt. Diese Inszenierung vertraut darauf, dass Lachen und Entsetzen einander nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig verstärken.

Das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning bleibt der viktorianischen Ikonografie verpflichtet und entfaltet dennoch eine eigene Sogwirkung. Wie so oft thront oben Sweeney Todds Barbierstube, während darunter Mrs. Lovetts Pastetenproduktion ihren makabren Betrieb aufnimmt. Doch die Ausstattung erschöpft sich nicht in dieser bewährten Zweiteilung: Das Irrenhaus erscheint als kalter, entmenschlichter Raum, und im Haus des Richters setzt ein Zimmer mit Vogeltapete einen sprechenden Akzent. Johanna wird hier buchstäblich zum eingesperrten Wesen, das von „Grünfink und Nachtigall“ singt – ein Bild, das die Inszenierung wirken lässt. Die Kostüme von Adriana Mortelliti fügen sich stimmig in diese Welt ein, während Daniel Lang Lichtdesign das Dunkel perfekt illustriert.


Tonio Shiga führt das Orchester mit klarem Blick für die Feinzeichnung von Stephen Sondheims Partitur. Die Musik wird so zum nervösen Puls der Handlung. Scharfe rhythmische Akzente, schneidende Bläser und plötzlich aufreißende lyrische Inseln greifen ineinander. Shiga hält die Balance zwischen Dramatik und Ironie, so dass die musikalische Vielschichtigkeit stets hörbar bleibt. Der von Edward Mauritius Münch einstudierte Chor erweist sich dabei als weiterer verlässlicher Träger des Abends: homogen im Klang und präsent im Spiel.

Im Zentrum steht Frank Winkels als Sweeney Todd, der die Figur nicht als bloßen Rächer anlegt, sondern als innerlich zerrissenen Getriebenen. Seine Stimme trägt die nötige Schärfe, ohne ins Grobe zu kippen, und sein Spiel zeigt die zunehmende Entgrenzung dieser Figur mit eindringlicher Konsequenz. Boshana Milkov gestaltet Mrs. Lovett als ambivalente Figur zwischen Geschäftssinn, Sehnsucht und skrupelloser Pragmatik. Sie trifft den Tonfall zwischen Komik und Abgrund genau und nutzt ihre musikalischen Möglichkeiten mit großer Spielfreude.

Andrew Irwin gibt Anthony Hope mit klar geführtem Tenor und glaubhafter Naivität. Caroline Hat stattet Johanna Barker mit leuchtender Höhe aus und findet zugleich eine darstellerische Linie, die das Gefangensein der Figur spürbar macht. Nuno Dehmel überzeugt als Tobias Ragg mit berührender Unmittelbarkeit – seine Entwicklung vom naiven Jungen zur erschütterten Figur erhält hier Gewicht. Timothy Edlin schließlich zeichnet Richter Turpin als kalte Autorität, deren Selbstgerechtigkeit umso beklemmender wirkt, je weniger sie sich selbst infrage stellt.

In den kleineren Partien setzen zudem MacKenzie Gallinger als Büttel Bamford, Iris Wemme-Baranowski als Bettlerin, Gustavo Oliva als Adolfo Pirelli und Róbert Tóth als Mr. Fogg prägnante Akzente.

Diese „Sweeney Todd“-Produktion in Bremerhaven vertraut auf die Kraft der klaren Bilder und der musikalischen Struktur. Sie sucht nicht nach Aktualisierungen, sondern legt die Abgründigkeit des Stoffes frei – mit Blut und einem sicheren Gespür für beißenden Witz.

Text: Christoph Doerner

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Nach seinem Studium der Musiktheaterwissenschaft, einem Volontariat sowie mehreren journalistischen Stationen im In- und Ausland, ist Christoph Doerner seit einigen Jahren als freier Journalist, Texter und Berater tätig.