„Ruthless“ (Foto: Dominik Lapp)
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Schwarze Komödie: „Ruthless!“ in Osnabrück

Manchmal dauert es eine ganze Weile, bis ein Musical den Weg vom Broadway nach Deutschland findet. Im Fall von „Ruthless!“, uraufgeführt 1992 am Broadway, hat sich das Warten jedoch gelohnt. Das Institut für Musik (IfM) der Hochschule Osnabrück hat das Werk von Marvin Laird (Musik) und Joel Paley (Buch und Songtexte) jetzt in einer sehenswerten Inszenierung von Christian Stadlhofer zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht.

Der Untertitel „Die Mutter aller Musicals“ lässt bereits darauf schließen, dass „Ruthless!“ einen ironischen Blick auf das Showbusiness wirft. Musicals über das Showgeschäft gibt es bereits einige, zum Beispiel „Gypsy“ oder „The Producers“, „A Chorus Line“ oder „42nd Street“. Bei „Ruthless!“ sind am Ende aber alle tot. Zur Strecke gebracht von einem kleinen Mädchen, das für eine Karriere als Kinderstar über Leichen geht.

Christian Stadlhofer hat diese Mischung aus Thriller, schwarzer Komödie und Screwball-Komödie in den 1970er Jahren angesiedelt. Dementsprechend spiegelt das Bühnenbild von Jörg Brombacher eine amerikanische Wohnung der Siebziger wider – mit gemusterter Tapete, geblümten Vorhängen und Toasthalter, wobei sich das Wohnungsdesign im zweiten Akt noch einmal ändert. Auch die hübschen und sehr gut zu den Charakteren passenden Kostüme von Gesa Gröning versprühen den entsprechenden Zeitgeist.

Die anhaltende Corona-Pandemie wurde nicht in die Handlung integriert, aber doch zumindest in der Ouvertüre vertanzt (Choreografie: Michael Schmieder), indem die Darstellenden in Schutzanzügen mit Handschuhen und Desinfektionsmitteln auftreten. Das wirkt insbesondere deshalb ein wenig fehl am Platz, weil es für den Verlauf der Handlung überhaupt nicht von Bedeutung ist und nicht mehr aufgegriffen wird. Es kündigt dem Publikum jedoch hervorragend an, was für ein wirres Stück sie erwartet.

„Ruthless“ (Foto: Dominik Lapp)

Die abstruse Handlung und die völlig überzeichneten Charaktere dürften eine große Herausforderung für den Regisseur gewesen sein. Dennoch ist es Christian Stadlhofer gelungen, die jeweilige Motivation der comichaften Figuren herauszuarbeiten, so dass diese keinesfalls eindimensional bleiben. Zudem beweist er ein glückliches Händchen für das richtige Timing, was bei so einer Komödie enorm wichtig ist. Dadurch ist ihm eine insgesamt sehr kurzweilige und witzige Inszenierung gelungen, die dem Premierenpublikum immer wieder Lachsalven entlocken kann, was allerdings auch den sechs fantastischen Studierenden des IfM zu verdanken ist, für die „Ruthless!“ die Abschlussproduktion ihres Musicalstudiums darstellt.

Mit seinen sechs Rollen eignet sich das Musical „Ruthless!“ ganz hervorragend als Abschlussproduktion für die sechs Studierenden. Die Herausforderung dabei war allerdings, dass es im Stück ausschließlich weibliche Rollen gibt, sich unter den Studierenden aber auch zwei Herren befindet. Weil jedoch das Buch vorsieht, die Rolle der Sylvia St. Croix ohnehin mit einem Mann zu besetzen, hat Regisseur Christian Stadlhofer kurzerhand zusätzlich die Rolle der Miss Thorn mit einem Mann besetzt. Und gerade die beiden Herren in den Damenrollen erweisen sich als echte Rampensäue.

Dabei hat Stadlhofer keine Drag-Queens geschaffen, sondern zeigt bewusst, dass es sich bei Sylvia (mit Brusthaar!) und Miss Thorn um Männer handelt. Pascal Schürken spielt sich als Talentscout Sylvia St. Croix schnell in die Herzen des Publikums. Er gibt – ständig Toastbrot mampfend – die perfekte Dame in Stöckelschuhen mit seinem herrlich affektierten Schauspiel und passenden Manierismen. Bei ihm passt alles, von der Mimik über die Gestik bis hin zur strahlenden Stimme. Elias Fischer steht ihm als Miss Thorn in nichts nach und überzeugt ebenfalls schauspielerisch und gesanglich. Durch sein wunderbar überzogenes Spiel und die Schlagfertigkeit hat er zahlreiche Lacher auf seiner Seite.

„Ruthless“ (Foto: Dominik Lapp)

Als exzellent erweist sich gleichermaßen die Damenriege. Hier ist es vor allem Magdalena Allgaier, die in „Ruthless!“ ebenso zu begeistern weiß wie schon im vergangenen Frühjahr in der Workshop-Produktion des Musicals „Do it for Love“. Als Tina Denmark vollbringt Allgaier das Kunststück, im ersten Akt in die Rolle einer Achtjährigen und im zweiten Akt in die Rolle einer Zwölfjährigen zu schlüpfen. Der Balanceakt, einerseits die unerträgliche Göre – was sie bis zur Schmerzgrenze auskostet – und andererseits ein zauberhaft-liebenswertes Jungtalent zu spielen, gelingt ihr mit Bravour. Mit ihrem glasklaren Gesang und dem glaubwürdigen Schauspiel liefert Magdalena Allgaier eine extrem starke Leistung.

Kristina Fehse gibt im ersten Akt als Judy Denmark die naive Mutter und wandelt sich im zweiten Akt zum gefeierten Broadwaystar. Die Wandlung vollzieht sie großartig. Vor allem als Broadwaysängerin Ginger DelMarco punktet sie mit ihrer Bühnenpräsenz, aber auch mit ihrem Hang zur Komik. Großes komödiantisches Talent beweist weiterhin Rahel Wissinger – die man in Osnabrück wie Magdalena Allgaier aus „Do it for Love“ kennt – als Louise Lerman sowie als Eve. Schauspielerisch hervorragend, mit grandioser Mimik, holt sie das Optimum aus ihren vermeintlich kleinen Rollen heraus. Einen vortrefflichen Auftritt hat zudem Cassandra Schlenker als Theaterkritikerin Lita Encore. Ihr Song „Ich hasse Musicals“ ist ein köstlich ironischer Seitenhieb auf das Musicalgenre, den sie mit ungeheurer Strahlkraft über die Rampe bringt.

Die swingende, jazzige Musik von Marvin Laird kommt von zwei Klavieren, an denen Martin Wessels-Behrens als Musikalischer Leiter und sein Kollege Christopher Wasmuth ordentlich in die Tasten hauen. Dabei hat Wessels-Behrens sogar noch einen überraschenden Gastauftritt als Tina Denmarks Vater und zeichnet zudem gemeinsam mit Judith Behrens für die Übersetzung verantwortlich. Dabei standen sie vor der großen Aufgabe, den Sprachwitz und die zahlreichen genrespezifischen Anspielungen zu übertragen, was ihnen durch Umdeutungen gut gelungen ist.

Bedingt durch das wegen der Corona-Pandemie deutlich reduzierte Platzangebot, bei dem pro Vorstellung nur 30 Plätze zur Verfügung stehen, werden nicht viele Menschen in den Genuss kommen, „Ruthless!“ in Osnabrück zu sehen. Wer allerdings das Glück hat, ein Ticket zu ergattern, darf sich auf ein kurzweiliges Musicalvergnügen freuen, bei dem sechs starke Nachwuchsdarstellende in überzeichneten Charakteren mit Talent und technischem Können überzeugen.

Text: Dominik Lapp

„Ruthless“ (Foto: Dominik Lapp)
Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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