„Pauline“ (Foto: Landestheater Detmold / Marc Lontzek)
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Kurzweilige Geschichtsstunde: „Pauline“ in Detmold

Nach und nach öffnen die Theater in den schweren Corona-Zeiten wieder ihre Pforten – wenn auch nur unter erhöhten Hygieneauflagen und mit deutlich weniger Sitzplätzen. Dem Landestheater Detmold ist es so doch noch gelungen, das Musical „Pauline“ – ein Auftragswerk anlässlich des 200. Todestags von Pauline Fürstin zur Lippe – im Innenhof des Theaters, nur wenige Meter vom fürstlichen Residenzschloss Detmold entfernt, vor rund 100 Zuschauern zur Uraufführung zu bringen. Die als Familienmusical konzipierte Revue von Andreas Jören (Musik) und Johannes Jordan (Text) verspricht eine kurzweilige Geschichtsstunde.

Erzählt wird in „Pauline“ die Lebensgeschichte der gleichnamigen Fürstin, die von 1802 bis 1820 Regentin des Fürstentums Lippe war und bis heute als eine der bedeutendsten Herrscherinnen von Lippe gilt. Das Buch von Johannes Jordan erzählt die Geschichte der für ihr soziales Engagement bekannten Regentin chronologisch und revueartig. Die einzelnen Abrisse aus der Biografie sind nicht wirklich geschickt miteinander verwoben, sondern kommen nummernartig daher. Mit dem Schlossgespenst Fräulein Biedersee gibt es jedoch eine die einzelnen Nummern miteinander verknüpfende Rolle, die als Erzählerin durch das Leben Paulines führt.

Regisseurin Guta G. N. Rau nutzt nicht nur die kleine, von Nora Johanna Gromer mit grünen Hecken bestückte Bühne, sondern den gesamten Innenhof. So tauchen Pauline und Fräulein Biedersee auch immer mal wieder an den zum Hof gerichteten Fenstern des Theaters auf, oder Biedersee darf sich durch die Reihen gehend direkt ans Publikum wenden. Den Hof bespielen dürfen zudem die Detmolder Schlossspatzen, der von Christiane Schmidt hervorragend einstudierte Kinderchor.

Dadurch kommt immer mal wieder etwas Dynamik ins Spiel, das sonst zeitweise etwas distanziert wirkt, was daran liegen dürfte, dass die Mitwirkenden auf der Bühne den coronabedingten Mindestabstand einhalten. Dass sich das Publikum ins 18. und 19. Jahrhundert zurückversetzt fühlt, ist den Kostümen von Maren Steinebel zu verdanken. Angelehnt an die damalige Mode, glänzen so insbesondere Fürstin Pauline und Napoleon in ihrer schön anzusehenden Bekleidung.

Den Abend lohnenswert macht zudem die eingängige Musik aus der Feder von Andreas Jören, der einen gut ins Ohr gehenden, abwechslungsreichen Score komponiert hat, bei dem sich emotionale Balladen mit wunderbaren Duetten und schönen Chornummern abwechseln. Das neben der Bühne unter einem Pavillon platzierte kleine Orchester, dessen Musiker wegen des Coronavirus durch Plexiglasscheiben voneinander getrennt sind, wird von Mathias Mönius exzellent dirigiert. Dem Stilmix aus Popballaden und klassischen Streichertönen werden die Musiker dabei mehr als gerecht.

Doch auch die Darstellerriege kann sich sehen und hören lassen. Als Entdeckung des Abends erweist sich Annina Olivia Battaglia im ersten Akt in der Rolle der jungen Pauline und im zweiten Akt in der Rolle von Napoleons Ehefrau Joséphine. Mit jugendlicher Leichtigkeit, Charme und Esprit erweckt sie beide Rollen zum Leben, begeistert durch ihr authentisches Spiel und glockenklaren Gesang. Als alte Pauline steht ihr Silke Dubilier in nichts nach. Ihr gelingt eine erhabene, geradezu Respekt einflößende Darstellung der lippischen Fürstin. In ihren Soli vermag sie zudem stimmlich mit ihrem geschmeidigen Mezzosopran zu glänzen.

Als Fräulein Biedersee begeistert Brigitte Bauma schauspielerisch wie gesanglich und wirkt dabei so mütterlich-sympathisch wie einst Mutter Beimer aus der „Lindenstraße“. Adrian Thomser zeigt sich in gleich drei Rollen als Heinrich, Graf Ludwig und Napoleon sehr wandlungsfähig und kann vor allem als französischer Herrscher punkten, weil er hier sein komödiantisches Talent ausspielen darf, wenn Napoleon Luftgitarre spielt oder mit Mund-Nase-Schutz zum Orchester geht und es auffordert, das Musizieren zu unterlassen. Souverän und ebenfalls in jeweils mehreren Rollen agieren zudem Nando Zickgraf (u. a. als Leopold I.), Joachim Ruczynski (u. a. als Fürst von Anhalt-Bernburg) und Patrick Hellenbrand (u. a. als Herold).

Am Applaus des Premierenpublikums gemessen, kommt „Pauline“ in Detmold gut an. Abgesehen von den kleinen erwähnten Schwächen, bietet dieses Musical wirklich gute Unterhaltung. Wer nach monatelanger Theaterabstinenz eine kurzweilige Geschichtsstunde mit eingängiger Musik unter freiem Himmel erleben möchte, wird mit „Pauline“ sehr gut bedient. Und wer es noch etwas historischer mag, kann bereits vor der Vorstellung bei einer Führung durch das benachbarte Residenzschloss auf den Spuren der lippischen Fürstin wandeln.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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