„Operette für zwei schwule Tenöre“ (Foto: Morris Mac Matzen)
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Herzensnah: „Operette für zwei schwule Tenöre“ in Berlin

Sie schmettern wieder – etwas mehr als zwei Jahre nach der Uraufführung kommt die preisgekrönte „Operette für zwei schwule Tenöre“ aus der Feder von Johannes Kram (Buch und Liedtexte) und Florian Ludewig (Musik) als erste queere Operette zurück an den Schauplatz der ersten Aufführung, das BKA-Theater Berlin. Operette: kitschig, schwülstig, aus der Zeit gefallen? Diese bestimmt nicht. Viel eher ist es die erste Operette mit queerer Haupthandlung in Anlehnung an die ungefiltert offene, etwas unanständige und derbe alte Berliner Operette der 1920er Jahre, voller großer Gefühle und mit einem kessen Zwinkern, eingerahmt von süßlich-nostalgischer Musik, aber ohne überzogen oder parodiert zu wirken. Da darf man schon mal das Schunkeln anfangen am Abend der Wiederaufnahme, der plötzlich zu einer ganz besonderen Besetzungspremiere wird und mehr als einmal zeigt, wie spontan und spannend zugleich Theater sein kann.

Die beiden Protagonisten Tobi und Jan lernten sich einst auf dem Schützenfest in Jans Dorf kennen. Oder, wie Tobi immer wieder betont, im realen Leben, fernab von Dating-Apps und Co. Für Tobi ist das Dorfleben die reinste Offenbarung – zumindest zu Beginn: Ein Garten voller Obstbäume, freundliche Nachbarn, die gute Landluft und selbst gemachte Konfitüre. Das Berliner Leben, in dem alles nur noch beschleunigt und anonym zugeht, hat er satt. Jan hingegen betitelt sich als „einziger Schwuler“ in seinem Dorf, aus dem er nie herausgekommen ist. So treffen unterschiedliche Welten aufeinander und nach knapp vier Jahren zerbröselt diese vermeintliche Idylle.

Spannend an der Inszenierung ist mit Sicherheit die Aufteilung in drei Akte, wobei es sich zunächst um Rückblenden und Erzählungen einer gemeinsamen Zeit in einer parallelen Interaktion der beiden Protagonisten handelt und sie erst am Ende des Stücks sowohl im Spiel als auch inhaltlich zueinanderfinden. Mit der berechtigten Frage: Muss es immer ein Happy End für ein Happy End geben?

Die Rolle des Tobi wird in der besuchten Vorstellung überraschend von Felix Heller verkörpert. Doch lediglich der Notenständer mit Textbuch, der ihn teilweise auf der Bühne begleitet, erinnert ab und zu daran, dass er eigentlich an diesem Abend für den anderen Part vorgesehen war. Äußerst beeindruckend meistert er die spontane Herausforderung mit Bravour und besticht vor allem stimmlich, aber auch mit einer köstlich unterhaltsamen Mimik und Gestik, sowie dem Einsatz hervorragend eingesetzter Sprechpausen, die das Publikum mehr als einmal laut auflachen lassen. Tobi ist sicher die etwas dankbarere, unterhaltsamere Rolle, in die man jegliches Können an Verträumtheit und Naivität legen kann. Ein Charakter, der einerseits vieles romantisiert und durch die rosarote Brille sieht und andererseits dabei den Glauben an das Gute in der Welt und an ein Happy End nicht verliert.

Torben Rose als Jan steht ihm in diesem Beziehungskonstrukt als spannender Kontrast gegenüber. Um einiges ernster, realistischer und auch durch seine eigene Erfahrung verbitterter und weniger verträumt, zeichnet er die klaren Konturen seines Charakters mehr als einfühlend, und manch einer der Zuschauenden mag sein Leid, welches er als Teenager in der Grundschule erfahren musste, als er in kein Raster so recht passen wollte, verstehen und nachvollziehen können. Auch hier sorgt die spontane Besetzungsänderung für plötzliche Herausforderungen und großen Respekt für diese wundervolle, authentische Darstellung.

„Operette für zwei schwule Tenöre“ (Foto: Katharina Karsunke)

Bezeichnend ist zudem, dass Heller und Rose an diesem Abend zum allerersten Mal, nach wenigen Probenstunden, als (Ex-)Paar fungieren und dies ohne Zweifel bravourös meistern. Es bedarf nur einem Auf- und Abtritt der beiden, und schon findet man sich in ihrer Gefühlswelt eingebettet wieder. Ihr Spiel ist greifbar und natürlich, lebensfroh, liebevoll und vor allem eines: gerade aus dem Herzen heraus und dankbar ehrlich.

Das schwappt auch auf die Zuschauer über, denn wer hat sich nicht schon einmal in seinem Beziehungskonstrukt vielleicht ähnliche Fragen gestellt? Oder welcher zugezogene Berliner hat nicht in der Hauptstadt nach der gewissen Freiheit gesucht, die er an seinem Herkunftsort schmerzlich vermissen musste? Und, Hand aufs Herz, wer muss nicht schmunzeln, bei dem doch sehr zutreffenden Stadt-Land-Vergleich? Ist nicht dies genau Sinn des Theaters, einem diesen Spiegel vorzuhalten und sein eigenes Leben reflektieren zu lassen? Die „Operette für zwei schwule Tenöre“ schafft vor allem eines: Man wird überraschend schnell und einfach abgeholt und realisiert mehrmals im Laufe der Handlung, wie nah Lachen und Weinen sowie die eigenen Erfahrungen doch beieinanderliegen.

Unbedingt erwähnt werden muss neben Heller und Rose auch die Company, bestehend aus Steffen Gerstle, aktuell im letzten Jahr des Studiums Musical/Show an der UdK Berlin, Tim Grimme, der bereits seit der Uraufführung 2021 Teil der „Operette für zwei Schwule Tenöre“ ist, sowie Joshua Beck, der, frisch von der Schule, an diesem Abend den Beginn seines ersten professionellen Darsteller-Engagements feiert. Ohne diese drei wäre die gesamte Show sicher nur halb so schön und halb so unterhaltsam. Sie alle bestechen jeder auf seine Art und Weise tänzerisch mit vollem Einsatz (Choreografie: Michael Heller, Kostüme: Cleo Niemeyer) sowie stimmlich kraftvoll und ausdrucksstark, voller Input und Liebe. Ihre Darstellung hat einerseits etwas sehr Filigranes in der Gestaltung der homosexuellen, zerbrechlichen Ebene und lässt zugleich herrlich schmunzeln, als mit Witz und Wahrheit Klischees über den heterosexuellen Teil der Bevölkerung ausgepackt werden. Umrahmt von Licht (Julia Fendesack) und farbigen, beweglichen Bausteinen als Requisite (Sarah Wiechert und André Fischer) unterstützen sie die beiden Protagonisten gekonnt und runden das Bild auf der Bühne hervorragend ab.

Auf den ersten Blick ist das Genre Operette musikalisch sicher nicht jedermanns Sache. Auch aus der Feder von Florian Ludewig zeichnet sich die Musik durch große schwungvolle Melodien aus, voller Walzer-Elemente und Dreivierteltakt, welche die Geschichte des „großen Glücks“ einer scheinbar unmöglichen Liebe schmunzelnd untermalen. Dennoch, dankbar unterhaltsam transportiert in unsere heutige Zeit, sind es eingängige, schmissige Nummern, wie „Wann fahr’n wir wieder zu Ikea“, „Mein Fetisch ist die Operette“, „Champagner von Aldi“ oder „Ich steh‘ total auf Jens Riewa“, die sich als Schenkelklopfer und Ohrwürmer des Abends feiern und sicher auch den Letzten im Publikum zum Operetten-Fan werden lassen.

Doch bei aller Unterhaltung, Offenheit, sexueller Befreiung und Aufbruch, bleibt der Plot ernst und zerbrechlich, welches auch die Regieführung von Johannes Kram und Marco Krämer-Eis mehr als deutlich demonstriert. Denn obwohl in der heutigen Zeit Homosexualität lange kein Tabuthema mehr ist, bedarf es weiterhin an positiven Erzählungen, Rollenvorbildern und Unterstützung, was Songs wie „Ich möchte anders sein“ oder „Ein Liebeslied von Mann zu Mann“ filigran und verletzlich unterstreichen (Chorleitung: Lili Sommerfeld, Ulrike Ludewig). Hier wird nicht nur einmal das Taschentuch hervorgeholt. Oder, um es abschließend mit Tobis Worten zu beschreiben: „Operette ist Träumen, und ohne Träumen, dass etwas gut werden kann, wird nichts gut.“

Text: Katharina Karsunke

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Katharina Karsunke ist Sozial- und Theaterpädagogin, hat jahrelang Theater gespielt, aber auch Kindertheaterstücke geschrieben und inszeniert. Ihre Liebe fürs Theater und ihre Leidenschaft fürs Schreiben kombiniert sie bei kulturfeder.de als Autorin.