„Non(n)sens“ (Foto: Marie-Laure Briane)
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Weinen, lachen, weitermachen: „Non(n)sens“ in München

Wenn man gegenwärtig 100 Menschen befragen würde, welches Wort sie mit den Entscheidungen von „denen da oben“ am ehesten in Verbindung bringen – „Nonsens“ bzw. eines seiner zahlreichen Synonyme wäre zweifellos eines der meistgenutzten. Der einen sind die getroffenen Maßnahmen zur Brechung der dritten Virus-Welle viel zu lasch, dem anderen viel zu rigide. Wie Mensch’s macht, macht Mensch’s falsch. Das denkt sich wohl auch Schwester Maria Regina (Dagmar Hellberg), deren Orden durch ein Missgeschick in der Küche – der Fisch war nicht mehr frisch – unabsichtlich aber erheblich geschrumpft ist. Mit viel Elan sind die Überlebenden darangegangen, ihren Schwestern eine angemessene Bestattung zu bescheren. Doch der Erfolg stieg Mutter Oberin zu Kopfe, und nach einer gutgemeinten Fehlinvestition (ein Flatscreen, nur ohne „L“, also ein richtig fettes Gerät) ihrerseits bedarf es jetzt einer letzten Kraftanstrengung, um auch die letzten vier verschiedenen Schwestern würdig unter die Erde zu bringen. Eine unvorhergesehene Katastrophe, anfangs gut gemanagt, bis der Übermut das Ruder verreißt und klar wird, dass es kein Sprint ist, sondern ein Marathon: Kommt Ihnen das bekannt vor? Dann herzlich willkommen beim Musical „Non(n)sens“!

Das Münchner Gärtnerplatztheater hat sich unter der Regie seines Intendanten Josef E. Köpplinger dieses himmlischen Immergrüns aus der Feder von Dan Goggin angenommen, zeigt seine Premiere als hoch verdienstvolle „Corona-Konzession“ am Osterwochenende im Livestream und nutzt, so viel vorweg, das neue Medium gekonnt für Mehrwert. Ganz davon abgesehen, überzeugt die ohnehin überzeugende Produktion dort am meisten, wo’s ein bisschen mehr sein darf. Das im Kleinen ganz großartige Bühnenbild (Judith Leikauf, Karl Fehringer) ist, ganz gegen den Willen von Reclams Musicalführer, kein Umbau einer „Grease“-Schulaufführung: Mit seinen zu Nonnen ausstaffierten Schaufensterpuppen[1], liebevoll zusammengeklebte Flügel aus Pappkarton inklusive, wirkt es fast wie ein Schausteller-Wagen, der Ende Dezember einfach auf dem Weihnachtsmarkt zurückgelassen wurde. Herrlich.

Die Band unter dem Dirigat von Andreas Partilla (Kontrabass: Matej Varga, Hannes Oblasser: Trompete, Andreas Oblasser: Posaune, Markus Steiner: Drums, Anke Schwabe: Keyboard) ackert sich nicht nur durch den Score sondern hat an verschiedenen Stellen – von der „Jeopardy“-Melodie bis hin zum „Peter Gunn“-Theme – stets die besondere(n) Note(n) parat, die sie auf den Punkt serviert, so auch während des liebevollen, durch ihr Zutun dann alles andere als stummen Stummfilms „Vor Nonnenaufgang – Ausflug Nonnstop“ (Kamera: Raphael Kurig, Schnitt: Meike Ebert). Der choreografische Wortschatz von Ricarda Regina Ludigkeit passt dem weiblichen Ensemble wie angegossen – und damit bestens zur gezeigten Situation: Es sind eben „nur“ Nonnen, die sich an einem Show-Act versuchen. Nicht viel mehr – aber eben auch kein bisschen weniger.

Und die Schwestern selbst? Tracey Adele Cooper gibt glaubhaft Schwester Maria Hubert, die Mutter Oberin sein will (und nicht nur ihrer eigenen Überzeugung nach sein sollte) anstelle der Mutter Oberin. Florine Schnitzel schlachtet als Schwester Robert Anne den Running Gag der nicht zum Zuge kommenden Zweitbesetzung genüsslich aus, um mit ihrem unverhofften Solo „I just want to be a Star“ die gesanglich strahlende Pointe zu zünden. Julia Sturzlbaum schmeckt den Gedächtnisverlust ihrer Schwester Maria Amnesia mit einer steifen Prise multiple Persönlichkeit ab. Frances Lucey darf als Schwester Maria Leo ihre Glanzlichter gleich zu Beginn des Abends setzen, in „Benedicite“ ebenso wie im anschließenden Duett mit Tracey Adele Cooper. Dagmar Hellberg schließlich führt dem Betrachter eindrücklich die zunehmende Erosion von Autorität und Integrität der Mutter Oberin vor Augen. Am eindrücklichsten bröckelt die Fassade, wenn die Kamera sie in der Nahaufnahme einfängt (dies gilt ebenso für Sturzlbaums irrlichterndes Psychogramm), bis sie gegen Ende des ersten Aktes bekanntermaßen drogenbedingt endgültig bricht.

So überzeugend die Gesamtleistung, ist es gerade die schier physisch spürbare, ganz reale Aufregung, die einen endgültig einnimmt. Die – am Ende einer viel zu langen Bühnenabstinenz und angesichts eines exzeptionellen Konzepts – die Bühne anfangs zu beherrschen scheint. Und die so trefflich passt zur bloß gespielten Aufregung des schwarzweiß gewandeten Restordens. Gänzlich angenehm unaufgeregt verläuft dagegen ein Interview, welches der Intendant mit einer echten (Schwester Josepha Maria von den Barmherzigen Schwestern) und einer falschen Nonne (Frances Lucey) führt und das, quasi als „Bonus-Material“, den beiden Akten zwischengeschaltet ist. Köpplinger spricht eine Einladung aus an den Orden, sich das Stück in hoffentlich naher Zukunft gemeinsam anzusehen. Lucey zollt katholischer Bildung hohes Lob. Und Schwester Josepha Maria („Jeder Mensch ist ein bewusster Gedanke Gottes“) beantwortet selbst die persönlichste Frage mit gut gelaunter Gelassenheit. Als der Gastgeber bekennt, er fände den Verzicht auf Sexualität zugleich bewundernswert und furchtbar, äußert sie Verständnis. Und fügt hinzu: „Mir ist etwas im Leben noch wichtiger.“ Wenn das mal kein Brückenschlag zwischen wahrhaftigem Glauben und wahrer Kunst ist.

Bleibt nur zu hoffen, das eine Fortsetzung dieses wunderbaren „Non(n)sens“, in welcher Form auch immer, nicht allein in Gottes Hand liegt.

Text: Jan Hendrik Buchholz


[1] Eine Anspielung auf die kuriose Entstehungsgeschichte des Musicals? Schließlich verkauften Dan Goggin und seine Freundin Marilyn Farina anfänglich, noch vor der ersten Kabarett-Show, Postkarten, auf denen Schaufensterpuppen in Ordenstracht abgebildet waren.
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Jan Hendrik Buchholz ist studierter Theaterwissenschaftler, Germanist sowie Publizist und lässt in verschiedenen Ensembles und als Solokünstler seit 1992 von sich hören, vorzugsweise eigenes Material. Als Rezensent schrieb er für das Onlinemagazin thatsMusical und die Fachzeitschrift "musicals". Zweieinhalb Jahre lang war er zudem Dramaturg sowie Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Allee Theater Hamburg, anschließend Leiter der Kommunikationsabteilung der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen.