„Jesus Christ Superstar“ (Foto: Herwig Prammer)
  by

Mehr Inszenierung als Konzert: „Jesus Christ Superstar“ in Wien

Traditionell steht zur Osterzeit bei den Vereinigten Bühnen Wien immer das Musical „Jesus Christ Superstar“ in einer konzertanten Fassung auf dem Spielplan. In diesem Jahr pausiert deshalb „Rebecca“ kurzzeitig, um die Bühne im Raimund Theater für den Messias frei zu machen. Mehr als 50 Jahre nach seiner Uraufführung hat das Stück mit der Musik von Andrew Lloyd Webber und den Texten von Tim Rice nichts von seiner Faszination und Aktualität verloren – das wird auch bei der Neuinszenierung unter der Regie von Alex Balga wieder einmal deutlich.

Mit einer konzertanten Fassung hat diese Produktion allerdings nicht mehr viel gemeinsam: So gibt es ein ansprechendes Lichtdesign (Andrew Voller), Kostüme (Nicole Panagl), Videoprojektionen (Sam Madwar), Choreografien (Pascale-Sabine Chevroton) und ein Staging (Alex Balga). Konzertcharakter erhält das Stück lediglich durch das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien, das gut sichtbar auf der Bühne platziert wurde.

Außerdem batteln sich Jesus (Drew Sarich) und Judas (Alex Melcher) mittels Handmikrofonen. Einerseits ein genialer, an „Spring Awakening“ oder „Hamilton“ erinnernder Regieeinfall. Andererseits aber immer dann problematisch, wenn auf der Bühne so stark agiert wird, dass die Mikros zu weit vom Mund entfernt sind und die Stimmen von Sarich und Melcher so im Orchestersound untergehen – hier hätte man die Darsteller besser mit Microports ausstatten und die Handmikros lediglich als Requisiten nutzen sollen.

Stellenweise erinnert Alex Balgas Inszenierung an die UK-Arena-Tour der letzten Jahre, denn auch in Wien flimmern immer wieder Breaking-News-Meldungen über die Leinwand, Reporter begleiten die Geschehnisse auf der Bühne mit Live-Kameras. Außerdem hat der Regisseur die Story in die Gegenwart transferiert, lässt die Darstellerinnen und Darsteller moderne Alltagskleidung, Anzug und Krawatte tragen, während Jesus zum Schluss US-Häftlingskleidung trägt und an ein Stahlrohr statt an ein Kreuz geschlagen wird.

Die Cast ist bis in die kleinste Rolle fantastisch zusammengestellt worden. Jesus ist in der Interpretation von Drew Sarich ein zerrissener Mann, der mit distanzierter Gelassenheit Herodes‘ Sticheleien erträgt und mit kalter Miene auf Pilatus‘ Hilfsangebote reagiert. Gesanglich dominiert bei Sarich wütende Verzweiflung, die in einer leidenschaftlich-emotionalen Interpretation des Songs „Gethsemane“ ihren Höhepunkt findet. Was Drew Sarich hier abliefert, ist eine überwältigende Rock-Performance.

Der perfekte Gegenspieler ist Alex Melcher als Judas, der Jesus‘ Handeln mit missbilligender Miene beobachtet. Mit ausdrucksstarker Mimik gibt er den verzweifelten Verräter, mit kräftiger Rockröhre meistert er seine musikalischen Nummern. Nienke Latten ist neben den beiden Herren eine bezaubernde Maria Magdalena, die mit ihrer wohltönenden Soulstimme insbesondere in den Songs „I don’t know how to love him“ und „Could we start again, please“ begeistert.

Als Simon und Peter strahlen Thomas Hohler und Raphael Gross stimmlich geradezu um die Wette, in der kleinen Rolle des Annas sticht Timo Verse positiv hervor, Dennis Kozeluh ist ein furchteinflößender Kaiphas, James Park mimt einen tiefsinnig-vergrübelten Pilatus und Christian Rey Marbella glänzt und funkelt, glitzert und schimmert als Herodes wie ein Paradiesvogel.

Einen satten Sound liefert inmitten des Bühnengeschehens das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter der Stabführung von Herbert Pichler, der seine Musikerinnen und Musiker mit Bravour durch Andrew Lloyd Webbers rockige Partitur leitet und opulente Streicherpassagen mit krachenden Gitarrenriffs sowie knackigen Drumlines verschmelzen lässt. Insgesamt also eine starke Konzertfassung von „Jesus Christ Superstar“, die vielmehr Inszenierung als nur Konzert ist.

Text: Christoph Doerner

Avatar-Foto

Nach seinem Studium der Musiktheaterwissenschaft, einem Volontariat sowie mehreren journalistischen Stationen im In- und Ausland, ist Christoph Doerner seit einigen Jahren als freier Journalist, Texter und Berater tätig.