„Jesus Christ Superstar“ Foto: Dominik Lapp
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Alte Geschichte neu erzählt: „Jesus Christ Superstar“ auf Tour

In Deutschland zählt es nicht gerade zu den selten gespielten Stücken: Das Musical „Jesus Christ Superstar“ steht hierzulande jedes Jahr auf den Spielplänen mehrerer Theater. Und dennoch tourt derzeit zusätzlich eine englischsprachige Produktion des Rockmusicals durchs Land, die schon in Mannheim und Berlin zu sehen war und jetzt an der Staatsoper Hamburg gastiert.

Angesichts der Vielzahl an Inszenierungen dürfte es für einen Regisseur wahrlich nicht einfach sein, dieses Werk, das die letzten sieben Lebenstage von Jesus Christus erzählt, zu inszenieren. Mittlerweile dürfte das Publikum alles schon mal gesehen haben, weshalb „Jesus Christ Superstar“ gern aus einem modernen Blickwinkel heraus inszeniert wird. Die Inszenierung von Bob Tomson und Bill Kenwright ist jedoch überraschend klassisch-konventionell gehalten – mit ein paar modernen Einflüssen. Und das funktioniert sehr gut.

Das Bühnenbild von Paul Farnsworth ist einfach und doch sehr funktional und wirkt in Verbindung mit dem gelungenen Lichtdesign von Nick Richings sehr hochwertig. Dominiert wird die Bühne von vier gewaltigen Säulen, einem großen Tor in Steinoptik, einem goldenen Gerüst mit verschiebbaren Treppen und einem bedrohlich über der Szenerie schwebenden überdimensionalen Dornenkranz.

Die zeitgemäßen Kostüme, für die ebenfalls Paul Farnsworth verantwortlich zeichnet, unterstützen die hochwertige Optik der Inszenierung und orientieren sich grob an der damaligen Mode – als Ausreißer erweisen sich lediglich die modernen Kostüme in der „Superstar“-Szene und die SPQR-Schilde der Römer, die wie Schutzschilder von Polizisten des 21. Jahrhunderts gestaltet sind.

Die Verbindung klassischer und moderner Stile machen die Tomson/Kenwright-Inszenierung von „Jesus Christ Superstar“ gerade so interessant und lassen das Stück, das inzwischen schon über 40 Jahre auf dem Buckel hat, niemals altbacken wirken. Vor allem aber erweisen sich die abwechslungsreiche Musik von Andrew Lloyd Webber und die unverfrorenen Texte von Tim Rice im Zusammenspiel als bestens laufender Motor für eine alte Geschichte, die hier ganz hervorragend neu erzählt wird.

Weil bei „Jesus Christ Superstar“ gänzlich auf Dialoge verzichtet wurde und das Werk durchkomponiert ist, entwickelt die Handlung eine wunderbare Dynamik und Spannung. Hinzu kommt, dass Dirigent Bob Broad sowohl Musiker als auch Darsteller zu Höchstleistungen antreibt und dem Publikum somit kaum eine Chance zum Durchatmen geboten wird. Eine Szene reiht sich an die andere, ein Konflikt folgt auf den nächsten: Wie die Passionsgeschichte hier mit gefälligen Popballaden, wütenden Rocknummern und furiosen Chornummern erzählt wird, ist großartig.

Durch das ausgeklügelte Tondesign von Dan Samson wirkt die Story atmosphärisch noch dichter, Stimmen und Geräusche durchwabern im perfekten 3D-Sound das Auditorium und sorgen für ein gelungenes Hörerlebnis. Zusätzlichen Drive erhält die Handlung durch die wenigen aber sehr dynamischen Tanzszenen, die Carole Todd choreografiert hat.

Letztendlich steht und fällt ein Werk wie „Jesus Christ Superstar“ jedoch mit der Cast – und diese ist bei der aktuellen Tourproduktion durchweg erstklassig. Für die Titelrolle wurde Glenn Carter verpflichtet, der den Jesus schon am Broadway und im West End sang sowie auf der im Jahr 2000 veröffentlichten DVD von „Jesus Christ Superstar“ ebenfalls in dieser Rolle zu sehen ist. Inzwischen ist er 51 Jahre alt, liefert aber immer noch eine atemberaubende Leistung.

Mit starker Bühnenpräsenz stellt er den zum Superstar stilisierten Messias dar und fesselt das Publikum mit der enormen Strahlkraft seiner Stimme. Als Höhepunkt des Abends erweist sich Carters Interpretation des Songs „Gethsemane“. Dieser gesungene Monolog fordert ihm Höchstleistungen ab, wenn er mit sanften Tönen beginnt, dann an Tempo zulegt und letztlich in einer unverblümten verzweifelt-dramatischen Seelenschau all seine Ängste und Zweifel ins Auditorium schmettert – stimmgewaltig bis in die höchsten Register.

Ein ihm absolut ebenbürtiger Gegenspieler ist Tim Rogers als Judas, der mit seiner rauen Rockröhre bei den Songs „Heaven on their Minds“ und „Damned for all Times“ voll in die Offensive geht und hervorragend Judas‘ innere Zerrissenheit über die Rampe bringt. Optisch wie darstellerisch sehr ansprechend ist zudem Rachel Adedeji, die mit toller Gestik und Mimik sowie einfühlsamem Schauspiel die Maria Magdalena darstellt und mit leicht hauchender, nuancierter Gospel-Soul-Stimme Songs wie „Everything’s alright“ und „I don’t know how to love him“ singt.

Einen genial verzweifelten Pontius Pilatus gibt Jonathan Tweedie, während Cavin Cornwall mit seinem exzellenten dunkel legierten Bass den Hohepriester Kaiphas singt und dafür mit starkem Applaus bedacht wird. Alistair Lee bildet als Annas mit seiner eloquenten Tenorstimme das perfekte Pendant dazu. Einen schillernden König Herodes gibt Tom Gilling und Kristofer Harding sorgt als Simon mit seiner Darbietung des Songs „Simon Zealotes“ für Stimmung.

Insgesamt überzeugt die englische Tourproduktion von „Jesus Christ Superstar“ durch spannende Dramaturgie, eine kontrastreiche Inszenierung und exzellente Darsteller. Wenn nach der bedrückenden Kreuzigungsszene, in der Andrew Lloyd Webber und Tim Rice absichtlich auf Gesang verzichtet haben, Jesus im gleißenden Licht aufersteht und mit Judas und Maria Magdalena wiedervereint ist, wirkt das zwar recht kitschig-übertrieben, doch trübt diese kurze Szene den ansonsten sehr positiven Gesamteindruck nicht.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".