„Das Geheimnis des Edwin Drood“ (Foto: Dominik Lapp)
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Kurzweiliges Ratespiel: „Das Geheimnis des Edwin Drood“ in Osnabrück

Dem bekannten englischen Autor Charles Dickens ordnen wir Bücher wie „Eine Weihnachtsgeschichte“, „Oliver Twist“ oder „Eine Geschichte aus zwei Städten“ zu. Die Kriminalgeschichte „Das Geheimnis des Edwin Drood“ ist dagegen relativ unbekannt, was daran liegen dürfte, dass dieser Roman unvollendet blieb. Denn Dickens starb, bevor er das Buch fertigstellen konnte. Der englische Komponist Rupert Holmes adaptierte den unvollendeten Stoff für die Musicalbühne. Die Musical-Studierenden des Instituts für Musik der Hochschule Osnabrück haben das Werk jetzt als interaktives Publikumsratespiel auf die Bühne gebracht.

Der junge Edwin Drood verschwindet am Weihnachtsabend spurlos aus der fiktiven englischen Stadt Cloisterham, nur sein zerfetzter Mantel wird gefunden. Das Publikum ist dazu aufgerufen, den Mörder oder die Mörderin zu ermitteln. Als Täter in Betracht kommt Droods Onkel John Jasper, aber auch Rosa Bud, Droods Verlobte, die ihm in Kindertagen versprochen wurde. Ebenso könnte das Geschwisterpaar Helena und Neville Landless in den Mord verwickelt sein. Ist Prinzessin Puffer aus der Opiumhöhle die Mörderin oder hat der Steinmetz Durdles den Mord begangen? War es vielleicht der erfolglose Schauspieler Bazzard oder Hochwürde Crisparkle.

Die Abstimmungen – gesucht wird neben Mörderin oder Mörder unter anderem auch das Liebespaar des Abends – sind nicht die einzigen Situationen, in denen die vierte Wand eingerissen wird. Eine Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum existiert von Anfang an nicht. Bereits vor Beginn der Vorstellung mischen sich die Mitwirkenden im Foyer unter das Publikum, verteilen Abstimmkarten und Stifte. Später dann bespielen die Darstellerinnen und Darsteller immerzu das Auditorium, beginnen unmittelbar vor der Vorstellung sowie in der Pause einen Dialog mit dem Publikum, kommentieren und erklären die Handlung.

„Das Geheimnis des Edwin Drood“ (Foto: Dominik Lapp)

Das alles kommt beim Publikum, das bei der Interaktion mit sicht- und hörbarer Freude dabei ist, gut an. Die Inszenierung von Sascha Wienhausen ist kurzweilig, temporeich und witzig, jede Pointe sitzt. Außerdem sind die großen Ensembleszenen von Michael Schmieder hervorragend choreografiert worden. Um die Zuschauerinnen und Zuschauer in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts mitzunehmen, hat Ulrike Reinhard zeitgemäße Kostüme im englischen Stil und ein minimalistisches Bühnenbild entwickelt, das die Mitwirkenden nicht erdrückt.

Was Sascha Wienhausen ebenfalls gut gelungen ist, sind die Sprünge zwischen den beiden Handlungsebenen. Mal befinden wir uns im London des Jahres 1873, wo eine Theatergruppe das Stück „Das Geheimnis des Edwin Drood“ auf die Bühne bringt, dann wiederum in der Handlung ebenjenes Stückes.

Lucia Bernadas-Cavallini kann als Prinzipalin der Theatergruppe das Publikum schnell für sich gewinnen. Gewitzt kommentiert sie, erklärt sie, leitet sie das Publikum bei der Suche nach dem Mörder oder der Mörderin auf falsche Fährten. Als John Jasper punktet Lénárd Kókai, der Droods Onkel wunderbar schmierig spielt und stimmlich nichts zu wünschen übrig lässt. Als Titelheld Edwin Drood ist in einer Hosenrolle Tanja Beutenmüller zu erleben, die schauspielerisch souverän agiert und mit klangschöner Stimme singt.

„Das Geheimnis des Edwin Drood“ (Foto: Dominik Lapp)

Eine hinreißende Rosa Bud gibt Melanie Möller sowohl darstellerisch als auch gesanglich. Alexander Irrgang verleiht Hochwürden Crisparkle ein erhabenes Auftreten, während Lukas Kenfenheuer einen smarten Neville Landless spielt. In die Herzen des Publikums spielt und singt sich Frederik Stuhllemmer als erfolgloser Schauspieler Bazzard, der zwar immer nur die kleinen Nebenrollen spielt, sich aber mit einem herrlich dargebotenen Solo verabschieden darf.

Viola Wanke beeindruckt, weil sie ihrer Prinzessin Puffer authentisch ein verrucht-geheimnisvolles Profil verleiht, und Sanja Färber hat durch ihren aufgesetzten Akzent als Helena Landless die Lacher auf ihrer Seite. Als eine echte Entdeckung erweist sich zudem Lukas Jakob, der als Durdles alle seine mimischen Register zieht und dem Steinmetz damit grandios ein dümmlich-irres Rollenprofil zeichnet. Als dessen Sidekick überzeugt außerdem Manar Elsayed in der Rolle der Friedhofsgärtnerin.

Auch die homogene Ensembleleistung (Musikalische Einstudierung: Martin Wessels-Behrens) ist durchweg als hervorragend zu bewerten, ebenso die Leistung des mehr als 30-köpfigen Symphonieorchesters der Hochschule Osnabrück. Unter der Leitung von Christopher Wasmuth tragen die Musikerinnen und Musiker die Darstellerinnen und Darsteller geradezu durch den Abend. Die Musik von Rupert Holmes klingt dabei wunderbar symphonisch, melodiös und abwechslungsreich. Insgesamt also ein vergnüglicher und kurzweiliger Musicalabend auf einem hohen musikalischen Niveau.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".