„Ein wenig Farbe“ (Foto: Theatercouch Wien)
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Einzigartig: „Ein wenig Farbe“ in Wien

In Krisenzeiten der Corona-Pandemie steht das öffentliche kulturelle Leben weitestgehend still. Dies hat Rory Six zum Anlass genommen, einige seiner Musicals online zu streamen, um somit zumindest etwas Theateratmosphäre in die heimischen Wohnzimmer zu bringen. Es werden Erinnerungen an längst vergangene Abende geweckt, die Lichtjahre entfernt scheinen, und für ein paar Stunden rücken die doch eher trüben Aussichten in der Kulturlandschaft in den Hintergrund. Nach „Die Mädchen von Oostende“ ist „Ein wenig Farbe“ unter der Regie von Andreas Gergen nun sein zweites Stück, welches den Weg auf die Onlinebühne findet. Und dies zu Recht.

Genau zwei Jahre ist es her, dass sich in der kleinen Theatercouch in Wien für eine weitere Uraufführung der Vorhang hob: „Ein wenig Farbe“, ein Transgender-Musical und ein One-Woman-Show, aus der Feder des belgischen Komponisten, Autors und Musicaldarstellers Rory Six. Es erzählt die Geschichte von Helena, einer Transfrau, die seit ihrer Geburt im falschen Körper gefangen ist und jahrelang ihre wahre Identität verborgen hält. Jetzt schließlich steht sie endlich vor ihrer finalen geschlechtsangleichenden Operation und durchlebt aufregende, quälende Stunden. Aus Klaus wird somit Helena – es ist ihr Weg in die Freiheit, der steinige Weg zu ihrem wahren Ich, der in dem Musical „Ein wenig Farbe“ nachgezeichnet wird.

Andreas Gergen hat in einer brillanten Regiearbeit diese schwierige, zerbrechliche, für Außenstehende schwer nachvollziehbare und deshalb so wichtige Thematik feinfühlig herausgearbeitet. Stets darauf bedacht, glaubwürdig und realitätsnah Helenas Geschichte wiederzugeben, ist ihm dies mit einer einzigen Person mehr als meisterlich gelungen: Pia Douwes nimmt die Herausforderung an, neben der vielschichtigen Hauptperson Klaus/Helena zusätzlich in zwölf weitere Rollen einzutauchen. Unterstützung erhält sie hierbei lediglich von Moritz Krainz und Wenzel Witura, die abwechselnd ihr jüngeres Ich, den 14-jährigen Klaus, stumm verkörpern und somit Blicke in längst vergangene, aber doch so wichtige Zeiten gewähren.

Als Helena beginnt, in der letzten Nacht vor ihrer Angleichung, schlaflos und nur mit einem Nachthemd bekleidet, einer Krankenschwester aus ihrer Vergangenheit zu erzählen, wendet sich Pia Douwes damit direkt ans Publikum. Sie stellt sich der Komplexität, keinen Bühnenpartner und somit keinen direkten Mitspieler zu haben und schafft mit sich allein einen Rahmen, in dem sich sowohl Helena/Klaus, als auch die zwölf anderen Rollen geborgen fühlen können. Es sind die Söhne Elias und Lukas, Caroline, die Ehefrau, Robert, die Dragqueen, Dr. Gruber, die Psychotherapeutin oder Gudrun, die alte Schulfreundin.

Beeindruckend zeichnet Douwes die Linien der einzelnen Charaktere nach – so feinfühlig, so präzise und so tiefgehend. Hier bedarf es keiner großen Effekte, glamourösen Auftritte oder glitzernden Kostümwechsel. Ohne die Chance auf Vorlauf und Entwicklung, schlüpft sie schauspielerisch hochgradig eindrucksvoll von einer Rolle in die nächste und gibt jeder ihre ganz eigene, authentische Note. So spürt das Publikum, dass nicht nur Helena selbst, sondern auch ihr nahes Umfeld, ihre Familie oder auch die Kollegen, unter der Situation leiden und mit den Umständen immer mehr zu kämpfen haben. Der Übergang gelingt flüssig und auf den Punkt genau, ohne den Zuschauer zu verwirren oder stehen zu lassen. Jede Figur bekommt durch sie ihre eigenen aussagekräftigen Merkmale, und es reichen ein Augenaufschlag, eine Bewegung, eine Geste sowie die kleinsten Accessoires, um Helenas Geschichte folgen zu können.

Somit hat man nie das Gefühl, dass etwas fehlt, wenn Pia Douwes mit ihrem nicht vorhandenen Gegenüber spricht. Sie antwortet sich geschickt selbst, so dass aus dem Monolog ohne Umschweife ein Dialog wird. Dies macht den unfassbaren Reiz an der Inszenierung aus. Regie und Darstellerin ist es gelungen, mit so wenig Aufwand und dennoch riesiger und unvergleichlicher Leistung eine ergreifende, fließende Handlung zum Leben zu erwecken und auch durchweg zu halten.

In den letzten Stunden bis zur alles entscheidenden Operationen wird Helena regelrecht von ihren Erinnerungen eingeholt und von Gefühlen und Ängsten übermannt. Sie hat es schon früh gespürt – gespürt, dass sie anders ist. Wollte Mädchenkleidung tragen, sich schminken und schön fühlen, fand Jungs anziehend. Doch was macht man, wenn man das Gefühl hat, nicht in die zugeschriebenen (Geschlechter-)Rollen zu passen, die heutige Gesellschaft von einem aber geradezu verlangt, diese auszuüben und normal zu sein? Dem Anwaltsberuf nachzugehen, Golf zu spielen, eine Frau zu heiraten, Familienvater zu werden? Wie lebt man mit der ständigen Angst, entdeckt zu werden? Wie kommt man dagegen an, wenn sich schließlich alle von einem abwenden, wenn die eigenen Kinder nicht mehr mit einem sprechen, sich nahe Angehörige auf der Straße wegdrehen? Man die Verzweiflung eines nahestehenden Menschen so sehr spürt, dass es einem selber fast die Luft zum Atmen nimmt? Ist man doch nicht selbst auch nur ein Mensch, der den Wunsch hat, normal und glücklich zu sein?

Rory Six ist nicht nur Autor von „Ein wenig Farbe“, er hat auch die musikalische Leitung inne und sitzt selbst am Klavier. Unterstützt wird er von Yana Svistunova-Fliesser / Deniz Uysal (Violine), Maike Clemens /  Margarethe Vogler (Cello) und David Volkmer (Gitarre). Es bedarf hier keines großen Orchesters – die einerseits feinen, leisen (Streicher-)Klänge, andererseits die dynamischen, starken Töne unterstreichen Helenas Achterbahnfahrt der Gefühle und werden mit Pia Douwes‘ sanfter, melodischer und zugleich sehr charakterstarken und eindringlichen Stimme gekonnt zum Ausdruck gebracht und anmutig interpretiert.

Die Bühne ist von Andreas Gergen bewusst schlicht und spartanisch gehalten: Eine dunkle Wand mit ein paar zarten Lichtern als Hintergrund, eine Tür, aus der Helena zu Beginn scheu und unsicher blickt, ein Stuhl und Accessoires wie Tücher, eine Brille, ein Morgenmantel oder ein Koffer voller Kleider. Der kleine Saal der Theatercouch und die Nähe zur Bühne schaffen somit eine nie dagewesene Intimität und gewähren Einblicke in Helenas tiefstes Seelenleben.

Trotz aller Ernsthaftigkeit, die zu Recht berührt und zum Nachdenken anregt, darf in „Ein wenig Farbe“ natürlich auch eine gewisse Prise Humor nicht fehlen. Nicht nur einmal muss man über die kaugummikauende Gudrun oder die holländische Dragqueen Robert schmunzeln. Sie geben dem ergreifenden Inhalt die notwendige Leichtigkeit, wenn am Ende vor allem eines deutlich wird: Unsere heutige Gesellschaft mag noch so bunt, so offen und so fortschrittlich sein – nach wie vor hat man es schwer und fällt praktisch aus dem Raster, wenn man sich anders fühlt und nicht der Norm und dem vorgegebenen Ideal entspricht.

Auch Helena hatte ihr Leben lang damit zu kämpfen, und es bedarf unglaublich viel Kraft, Stärke und Mut, aber auch Unterstützung und Halt, bis sie es schafft, ihrem wahren Ich Raum zu geben und die jahrelange Unterdrückung für sich selbst zu beenden. Sie hat gespürt, dass man für das, was man sein möchte, kämpfen kann und auch muss. Es ist der einzige Weg, um wirklich glücklich zu sein. Denn: „Vergiss nie, dass Glück nur aus dir selbst kommen kann.“

Text: Katharina Karsunke

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Katharina Karsunke

Katharina Karsunke ist Sozial- und Theaterpädagogin, hat jahrelang Theater gespielt, aber auch Kindertheaterstücke geschrieben und inszeniert. Ihre Liebe fürs Theater und ihre Leidenschaft fürs Schreiben kombiniert sie bei kulturfeder.de als Autorin.

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