„Die kluge Bauerntochter“ (Foto: Stephan Drewianka)
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Durchweg gute Unterhaltung: „Die kluge Bauerntochter“ in Kassel

Wenn man auf dem Weg zur Vorstellung durch das helle Grün der Bäume im Kasseler Park Schönfeld spaziert und sich plötzlich der Blick auf die schwimmende Seebühne im Teich eröffnet, weiß man: Das ist die perfekte Kulisse für ein Märchenmusical. Bereits seit 2007 findet hier in jedem Sommer das Brüder-Grimm-Festival mit der Open-Air-Aufführung eines Grimm-Märchens sowie einem bunten Rahmenprogramm für Kinder statt.

„Die kluge Bauerntochter“, das diesjährige eher unbekannte Märchen in einer Bearbeitung von Michael Fajgel, handelt von Johanna aus dem Fischerdorf, die mit Klugheit und Mut ihren zu Unrecht gefangen gehaltenen Vater, den Bauern Karl, befreit und dadurch das Herz des Prinzen Heinrich gewinnt. Er beschließt, sie zu heiraten – dann wäre er König. Johanna und ihr Vater müssten nicht mehr in Armut leben. Doch auch Hauke Henning, der Cousin des Prinzen, und seine Frau Agnes haben es auf den Thron abgesehen und planen eine Intrige.

Abwechselnd spielen sich die Szenen auf der Hauptbühne im prunkvollen Schloss mit Vorhängen aus Samt und Seide oder an der von Schilf umgebenen, ärmlichen Fischerhütte aus Holz am Ufer ab, deren direkte Nähe zum See auch das Fischen im Wasser erlaubt (Bühnenbild: Oliver Doerr). Verschieden hohe Podeste im Schloss lassen das Agieren auf unterschiedlichen Ebenen zu. So kann der Prinz zum Beispiel während der Audienz von oben herab zu seinen Untertanen sprechen. Mittelpunkt ist die auf höchster Ebene gelegene offene Fensterfront, die den Blick auf den Himmel freigibt und Prinz Heinrich ermöglicht, mit seinem Teleskop die Sterne zu beobachten. Die farbige Ausleuchtung der Bühne schafft vor allem im zweiten Akt nach der Pause, wenn es schon dämmert, stimmungsvolle Momente.

Wie das Bühnenbild sind auch die Kostüme des Prinzen und seiner Mutter in royalem Blau gehalten, eine Mischung aus höfischer Kleidung mit glänzenden Stoffen, glitzerndem Schmuck und modernen Accessoires wie Cowboystiefel (Kostümbild:  Riet Hannah Bernard). Auffällig sind die orientalisch anmutenden Kostüme in Senfgelb und Giftgrün von Hauke Henning und seiner Frau Agnes, die in ihrer Bauchtasche immer das passende Tinktürchen zur Hand hat, während die Bauerntochter Johanna und ihr Vater, der standesgemäß ein Fischerhemd trägt, eher in grobe Stoffe und schlichte, gedeckte Farben gekleidet sind.

Die vierköpfige Band unter der Leitung von Harry Stingl sitzt auf der Bühne unter der Altane, sorgt für musikalische Untermalung der Szenen, spielt solide und reißt das Publikum oft mit. Die Songs bieten eine große Auswahl an Pop und Rock der 1970er bis 2000er Jahre von den Beatles über Suzi Quatro und Ozzy Osbourne bis hin zu Coldplay, so dass es für jede Altersgruppe etwas zu hören gibt. Dabei sind die Liedtexte nicht wörtlich übersetzt, sondern der jeweiligen Handlung angepasst, was häufig gut gelingt und nur an wenigen Stellen etwas sperrig klingt. Ein musikalisches Highlight, das auch im Ohr bleibt, ist „Weiter und weiter“ („St. Elmo’s Fire) als Ensemble-Finale des ersten Akts.

Originell choreografiert sind vor allem „Mr. Blue Sky“ ganz zum Schluss und die Zugabe, wo alle Charaktere in einem Medley noch einmal mit Ausschnitten aus ihren Songs auftreten und entsprechend die Podeste wechseln, sowie das Menuett zu Adeles „Rolling in the Deep“, das den Paartanz zwischen Johanna und Prinz Heinrich zu einem Mix aus historischen und modernen Elementen werden lässt (Choreografie: Tanja Krauth).

Viele der Darstellerinnen und Darsteller sind dem Kasseler Publikum bereits aus dem Theater im Centrum (tic) bekannt. Sabine Guth überzeugt als um ihren Sohn besorgte Mutter Roswitha von Niestetal, Kathrin Roppel als ulkig-schrille Heiratskandidatin Lady Waltrud von Breuna mit Schoßhund Pluto und eigenem Song „Ich bin so gespannt“ („If you can’t give me Love“) sowie Michael Chadim in seinen drei ganz unterschiedlichen Rollen als einfacher Pferdebauer, extravaganter Coiffeur mit französischem Akzent und hinkender Haushofmeister Ferdinand.

Weil sie dem Prinzen gegenüber so vorlaut ist, schämt sich Bauer Karl zunächst für seine Tochter Johanna, erkennt aber ihren Wert und ist stolz auf sie, als sie durch ihren Mut und ihre Klugheit das Aufheben des Fischereiverbots und seine Freilassung aus dem Gefängnis erwirkt. Harald Tauber stellt Johannas Vater bescheiden, gutmütig und ehrlich dar. Zu seiner Tochter hat er ein liebevolles Verhältnis, wie man im Zusammenspiel der beiden merkt. In seinem Song „Wasser und Brot“ („Shape of my Heart“) sinniert er über die Ausweglosigkeit aus der Armut und bringt so mit klangvoller Stimme einen nachdenklichen Moment ins Stück ein, während er mit „Halt! Stopp!“ („Don’t stop“) rührend versucht, Johanna mithilfe von Handpuppen aus bunten Stricksocken aufzuheitern.

Adrian Kroneberger als Cousin Hauke Henning und Annabelle Nebe, die ihre fiese Rolle sichtlich auskostet, als seine Frau Agnes geben ein glaubwürdiges Antagonisten-Pärchen ab, wobei Agnes als böse Hexe nicht nur immer eine List parat hat und gerne ihr Gift verspritzt (starker Song: „Gemeingefährlich“, im Original „Devil Woman“), sondern in jeder Beziehung auch das Sagen hat, die Dinge durchschaut und über Leichen geht, um an die Macht zu gelangen, während ihr Mann eher ihr naives Anhängsel ist, sie für ihre Boshaftigkeit bewundert und versucht, ihr nachzuahmen, was ihm aber nur das Gelächter des Publikums einbringt.

Neu im Ensemble sind Benjamin Hauschild als Prinz Heinrich und Steffi Regner als Bauerntochter Johanna. Hauschild stellt den Prinzen gleich in seinem ersten Song „Unentdeckte Galaxien“ („Walking on the Milky Way“) mit hochnäsiger Stimme als arroganten, weltfremden Schnösel dar, der lieber in sein Teleskop schaut, als sich mit seinen Untertanen herumzuschlagen. Das Zusammentreffen mit Johanna beeindruckt ihn jedoch, so dass er sich ihretwegen Mühe gibt, sein Verhalten etwas zu ändern und mehr Gerechtigkeit und Milde walten zu lassen.

Steffi Regner besticht in der Titelrolle als Bauerntochter Johanna vor allem durch ihre motivierende Spielfreude und positive Energie: eine junge Frau, die weiß, was sie will. Mit ihrer quirligen Art gelingt es ihr nicht nur, ihren widerstrebenden Vater zu überreden, zum Schloss zu gehen, sondern auch, das Interesse des Prinzen zu wecken. Mit klarer Stimme macht sie aus dem Song „Komm’, denk’ nach, die Zeit wird knapp“ („Clocks“) etwas ganz Eigenes, während sie fieberhaft umherläuft und überlegt, wie sie des Prinzen Rätsel lösen und ihren Vater befreien kann. Das erste Zusammentreffen zwischen Johanna und dem Prinzen gerät zu einem sich steigernden und witzigen Schlagabtausch von Sprichwörtern, die einem nur so um die Ohren fliegen, während Johanna dabei auf der Treppe zum Schloss Stufe um Stufe höher steigt (Regie: Rüdiger Canalis Wandel). Dass sie nicht nur im Zusammenspiel, sondern auch stimmlich gut harmonieren, zeigen Benjamin Hauschild und Steffi Regner in ihrem gemeinsamen Song „Unser Los“ („C’est la vie“).

Für kleinere Kinder sind fast drei Stunden trotz der Pause vielleicht etwas lang. Davon abgesehen, ist „Die kluge Bauerntochter“ aber ein Musical für die ganze Familie, welches das Grimm-Märchen in nicht allzu modernem Gewand interessant nacherzählt und mit an die Handlung angepassten, bekannten Pop-/Rocksongs sowie witzigen Dialogen durchweg gut unterhält.

Text: Yvonne Drescher

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Yvonne Drescher ist studierte Musik-, Sprach- und Literaturwissenschaftlerin sowie Kulturmanagerin. Während ihres Studiums hat sie als freie Mitarbeiterin im Kulturbereich für Magazine und Zeitungen geschrieben und anschließend in der PR-Abteilung eines Tourneeveranstalters gearbeitet. Als Laiendarstellerin, Musikerin oder Regieassistentin war sie selbst schon an zahlreichen Musiktheaterproduktionen beteiligt.