Briefe, die Herzen öffnen: „Daddy Long Legs“ auf Tour
Manchmal braucht es keine große Bühne, kein opulentes Bühnenbild und kein riesiges Ensemble, um einen Theaterabend unvergesslich zu machen. „Daddy Long Legs“ beweist genau das. Das selten gespielte Zwei-Personen-Musical, das derzeit in einer Inszenierung von Kathi Laukemper und Sönke Westrup in mehreren Städten zu erleben ist, entfaltet seine Wirkung durch Nähe und zwei Darstellende, die ihre Figuren mit viel Gefühl und Authentizität zum Leben erwecken.
Im Mittelpunkt steht Jerusha Abbott, ein Waisenmädchen, das dank eines anonymen Gönners studieren darf. Die einzige Bedingung: Sie soll ihm regelmäßig Briefe schreiben, woraus eine besondere Verbindung entsteht. Die Handlung mag auf den ersten Blick schlicht wirken, doch gerade diese Reduktion macht den besonderen Reiz des Musicals aus. Statt großer Dramatik lebt „Daddy Long Legs“ von Emotionen, feinem Humor und den leisen Momenten.
Sophia Winona Ackermann überzeugt als Jerusha auf ganzer Linie. Mit natürlicher Ausstrahlung, klarem Gesang und großer Spielfreude gelingt es ihr, die Entwicklung ihrer Figur glaubwürdig nachzuzeichnen. Aus der zunächst schüchternen jungen Frau wird Schritt für Schritt eine selbstbewusste Persönlichkeit – ein Wandel, der sowohl schauspielerisch als auch stimmlich überzeugend gelingt.
Sönke Westrup gibt den zurückhaltenden Jervis mit angenehmer Ruhe und viel Feingefühl. Seine Darstellung lebt von kleinen Gesten und Blicken, wodurch die Figur lange geheimnisvoll bleibt, ohne distanziert zu wirken. Gemeinsam entwickeln beide eine glaubwürdige Chemie, obwohl sich ihre Figuren über weite Strecken nur über Briefe begegnen.
Ein weiterer großer Pluspunkt des Abends ist die live gespielte Musik. Caspar Engelkes am Klavier, Felix Albert am Cello und Niklas Schindler an der Gitarre begleiten die Handlung sensibel und mit großer Musikalität. Die kleine Besetzung erzeugt genau die intime Atmosphäre, die dieses Kammermusical benötigt. Musik und Gesang verschmelzen zu einem stimmigen Ganzen.
Auch die Inszenierung verzichtet bewusst auf überflüssigen Aufwand. Die Konzentration liegt ganz auf den Figuren und ihren Briefen – oder besser gesagt: auf einem Webrahmen, der im Verlauf der Handlung durch Wollfäden immer mehr wächst. Dadurch entsteht ein schönes Bild und eine große Nähe zum Publikum. Licht, Ton und die dezenten Kostüme von Sarah Grace Poehlmann unterstützen diesen Eindruck und lenken den Blick stets auf das Wesentliche: die Geschichte zweier Menschen, die sich langsam über Worte kennenlernen.
„Daddy Long Legs“ ist kein Musical der großen Effekte. Wer spektakuläre Tanznummern oder opulente Massenszenen erwartet, wird hier nicht fündig. Dafür erzählt das Stück eine warmherzige Geschichte über Vertrauen, Bildung, Selbstbestimmung und Liebe mit bemerkenswerter Ehrlichkeit. Gerade diese Zurückhaltung macht den Abend so besonders. Die rund 90 Minuten vergehen wie im Flug und hinterlassen das Gefühl, einer sehr persönlichen Geschichte beigewohnt zu haben. Ein berührendes Kammermusical!
Text: Christoph Doerner

