„Charlie und die Schokoladenfabrik“ in Regensburg
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Grell funkelnde Moralmaschine: „Charlie und die Schokoladenfabrik“ in Regensburg

Mit der deutschsprachigen Erstaufführung des Musicals „Charlie und die Schokoladenfabrik“ von Marc Shaiman und Scott Wittman (Musik und Songtexte) und David Greig (Buch) gelingt dem Theater Regensburg ein opulenter, sinnlich überwältigender und zugleich erstaunlich bissiger Abend, der Roald Dahls zeitlose Parabel über Maßlosigkeit, Gier und kindliche Hoffnung mit großer Lust an der Überzeichnung auf die Bühne bringt. Ulrich Wiggers inszeniert das Stück nicht als nostalgisches Familienmärchen, sondern als grell funkelnde Moralmaschine, in der Typen wichtiger sind als psychologische Feinzeichnung und Fantasie über Realismus triumphiert.

Der erste Akt ist ein Paradebeispiel für musikalisches Erzähltheater mit hohem Tempo. Visuell, rhythmisch und dramaturgisch dicht fokussiert sich das Geschehen auf die fiebrige Jagd nach den goldenen Tickets. Hier wird das Personal der Geschichte von Wiggers mit großer Klarheit eingeführt: Kinder und Erwachsene erscheinen als bewusst zugespitzte Charaktere, deren Eigenschaften – Gier, Eitelkeit, Ehrgeiz oder Rücksichtslosigkeit – unübersehbar ausgestellt werden. Die witzige, zeitgemäße Übersetzung von Christian Poewe verleiht dem Text eine sprachliche Frische, die die satirischen Spitzen scharf setzt und das Publikum immer wieder lachen lässt, ohne den moralischen Kern zu verwässern.

Im zweiten Akt öffnet sich dann buchstäblich die Schokoladenfabrik, und die Inszenierung fährt ihr ganzes optisches Arsenal auf. Kristopher Kempfs Ausstattung entfaltet eine bildgewaltige, farbenfrohe Fantasiewelt aus eindrucksvollen Kulissen, fantasievollen Kostümen sowie effektvoll eingesetzten Licht- und Videoelementen. Besonders die Umpalumpas werden zum visuellen Highlight – genauso grotesk wie verspielt. Erzählerisch allerdings nimmt das Tempo spürbar ab. Die Schauwerte überwältigen, doch die Handlung entwickelt buchbedingt weniger Drive als im ersten Teil.

Musikalisch erweist sich der Abend als anspruchsvoll und vielschichtig. Unter der Leitung von Lucia Birzer entfaltet das Philharmonische Orchester Regensburg eine stilistisch äußerst flexible Klangwelt. Marc Shaimans Partitur wechselt souverän zwischen klassischen Broadway-Anklängen, Jazz- und Big-Band-Sounds, sentimentalen Balladen und grotesk-ironischen Nummern. Jede zentrale Figur erhält ein eigenes musikalisches Profil, das Persönlichkeit und Schwächen direkt widerspiegelt.

Hinter der oft schillernd-fröhlichen Oberfläche schwingt immer wieder ein düster-skurriler Unterton mit, besonders in den musikalischen Momenten Willy Wonkas. Anspruchsvolle Gesangspartien, rasche Stilwechsel und komplexe Ensemblestücke verlangen Solisten und Chor hohe Präzision ab, die an diesem Abend überzeugend eingelöst wird. Shaimans Erfahrung als Filmkomponist zeigt sich in der stark atmosphärischen, szenisch reagierenden Musik, die Stimmungen verdichtet und Bilder klanglich vertieft.

Auch choreografisch wird die Geschichte stringent vorangetrieben. Yvonne Braschkes Bewegungsarbeit bleibt nie bloßer Zierrat, sondern trägt zum Rhythmus der Szenen bei. Unterstützt wird dies durch das stimmige Lichtdesign von Ulrich Wiggers und Maximilian Spielvogel, das Atmosphäre schafft und die visuelle Überfülle klar strukturiert.

Im Zentrum des Abends steht Alejandro Nicolás Firlei Fernández als Willy Wonka. Er zeichnet die Figur nicht als harmlosen Spaßmacher, sondern als rätselhafte, ambivalente Gestalt mit dunklen, exzentrischen Zügen – faszinierend, unberechenbar und stets ein wenig unheimlich. Felix Rabas überzeugt als Charlie Bucket mit Präsenz, stimmlicher Sicherheit und einer stillen Aufrichtigkeit, die inmitten der grellen Typen wohltuend erdet. Tom Zahner gibt Grandpa Joe warmherzig, während Maria Mucha als Frau Bucket und Andrea Dohnicht-Pruditsch, Christiana Wimber sowie David Holz als Großelternensemble glaubwürdige familiäre Wärme erzeugen.

Die überzeichneten Gegenspieler sind präzise besetzt: Vincent Treftz als Augustus Gier, Monika Schweighofer als Veruca Snob, Friederike Bauer als Violet Beauregarde und Christian Rosprim als Mike Glotzer verkörpern ihre Rollen mit Lust an der Karikatur. Unterstützt werden sie von Esther Baar, Konstantin Igl, Jakob Hoffmann und Fabiana Locke, die die jeweiligen Elterntypen mit satirischer Schärfe ausstatten.

So wird „Charlie und die Schokoladenfabrik“ am Theater Regensburg zu einem farbrauschenden Musicalabend, der Unterhaltung, musikalische Raffinesse und moralische Zuspitzung verbindet. Trotz kleiner dramaturgischer Längen im zweiten Akt bleibt der Eindruck eines ambitionierten, klug gearbeiteten Gesamtkunstwerks, das sein junges wie erwachsenes Publikum ernst nimmt und mit reichlich Fantasie belohnt.

Text: Patricia Messmer

kulturfeder.de

Patricia Messmer hat Medien und Musik studiert und ein Volontariat zur Onlineredakteurin absolviert. Sie liebt Reisen, Sprache, Musik, Bücher, Filme, Serien und Musicals.