„Carrie“ (Foto: Dominik Lapp)
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Großartig: „Carrie“ in Osnabrück

Nur fünf Tage nach seiner Uraufführung am Broadway wurde das Musical „Carrie“ von Michael Gore (Musik), Dean Pitchford (Text) und Lawrence D. Cohen (Buch), das auf dem gleichnamigen Buch von Stephen King basiert, wieder abgesetzt und ging als einer der größten Broadway-Flops in die Geschichte ein. Ein großes Wagnis also, das Gesche Tebbenhoff und Sascha Wienhausen gemeinsam mit den Musicalstudenten des Instituts für Musik (IfM) der Hochschule Osnabrück eingegangen sind, als sie dieses Musical als deutschsprachige Erstaufführung zunächst in Minden und nun im Theater Osnabrück auf die Bühne gebracht haben. Doch mit stehenden Ovationen belohnt das Publikum hier wie dort den Mut der Osnabrücker.

Obwohl „Carrie“ bereits 26 Jahre auf dem Buckel hat, ist das Thema aktueller denn je – steht mit der Titelfigur doch ein Mädchen im Vordergrund, das von Mitschülern ausgegrenzt und gemobbt wird. Eine schwierige Rolle, die Isabel Waltsgott  bestens umzusetzen weiß. Waltsgott entwickelt Carrie White sehr authentisch vom bibeltreuen, schüchternen Mädchen, das von der Mutter unterdrückt und gedemütigt wird, hin zu einer lebensfrohen und emanzipierten jungen Frau. Dabei gelingen ihr die traurigen Momente genauso wundervoll wie die witzigen oder gar diabolischen.

Wenn Thommy Ross an der Tür steht, um Carrie zum Abschlussball einzuladen, ist es Waltsgotts Mimik und Gestik, die für zahlreiche Lacher im Auditorium sorgt. Die Schlussszene, in der Carrie mit ihrer geliebten Mutter im wahrsten Sinne des Wortes Schluss macht, jagt einem dagegen einen kalten Schauer über den Rücken. Auch ihre anspruchsvollen Songs meistert Isabel Waltsgott bravourös mit kräftiger Stimme, glasklar in den Höhen und mit sehr schön ausgehaltenen Schlusstönen.

Als Carries streng gläubige und kaltherzige Mutter Margaret White agiert auch Noraleen Amhausend perfekt. Liebe und Sexualität erachtet Margaret als diabolisch, ihrer Tochter will sie einerseits den Teufel austreiben, schenkt ihr aber dennoch Liebe. Diese innere Zerrissenheit, die innige Hassliebe stellt Amhausend schauspielerisch wunderbar heraus, während sie gesanglich ebenso zu fesseln vermag. Das perfekte Zusammenspiel zwischen Amhausend und Waltsgott erweist sich als einer der Höhepunkte der Inszenierung.

„Carrie“ (Foto: Dominik Lapp)

Als Sue Snell steht in der besuchten Vorstellung Elisabeth Rieß auf der Bühne. Sehr schön gelingen ihr die Szenen einer Anhörung, wo sie im gleißend weißen Licht vor einem Gazevorhang steht oder sitzt und Fragen zu einer ereignisreichen Nacht und Carrie White beantworten muss. Sie singt mit klangschöner Stimme und entwickelt ihre Rolle schauspielerisch sehr gut, wenn Sue sich allmählich eingesteht, dass es nicht richtig ist, Carrie auszugrenzen. Die Wandlung hin zum netten Mädchen, das sich für Carrie einsetzt, vollzieht Rieß glaubwürdig.

Fin Holzwart vermag mit seiner klaren, sanften Stimme zu begeistern und gibt einen smarten Thommy Ross, der vor Liebe zu Sue glüht und sich rührend um Carrie kümmert. Den krassen Gegenpart dazu spielt Timothy Roller, der in der Rolle des Billy Nolan – seines Zeichens Obermacho der Schule – mit vorlauter Klappe sowie vulgärer Mimik und Gestik schauspielerisch auftrumpft und genauso gesanglich wie tänzerisch glänzen kann. An seiner Seite steht ihm auch Karina-Lisa Pauritsch als herrlich fiese Chris Hargensen mit starker Stimme und sehr guten schauspielerischen Fähigkeiten in nichts nach.

Alexandra Hoffmann punktet als sympathische Lehrerin Miss Gardner vor allem beim Abschlussball, wenn sie im leicht angetrunkenen Zustand etliche witzige Momente voll auskosten kann. Als Lehrer Mister Stephens kommt Fabian Böhle ebenfalls sehr sympathisch über die Rampe und hinterlässt mit seinem kleinen Song einen positiven Eindruck. Und auch das Ensemble fasziniert mit starkem Spiel, einer herausragenden gesanglichen Gesamtleistung und vor allem tänzerisch in den mit Drive von Kati Farkas ansprechend choreografierten Tanzszenen.

Alle Charaktere sind unter der Regie von Gesche Tebbenhoff und Sascha Wienhausen stark gezeichnet worden. Die Handlung von „Carrie“ entwickelt sich fast immer nachvollziehbar und bleibt spannend, kleinere Schwächen im Buch, zum Beispiel der sich ewig ziehende Abschlussball oder Carries etwas plötzlich erscheinende Emanzipation ihrer Mutter gegenüber, können durch die Musik und die Leistung aller Akteure auf jeden Fall ausgemerzt werden.

„Carrie“ (Foto: Dominik Lapp)

Das Bühnenbild von Alexander Heilscher besteht aus mehreren Kulissenteilen, die über die Obermaschinerie schnell wechseln und so einen Klassenraum, eine Umkleidekabine, eine Kirche oder das Haus der Whites entstehen lassen. Wunderbar unterstützt wird die Szenerie durch das gut auf die jeweiligen Situationen abgestimmte Lichtdesign von Sascha Wienhausen und die zeitgemäßen Kostüme von Joyce Diedrich. Um Carries telekinetische Fähigkeiten audiovisuell darzustellen, arbeitet das IfM zudem erstmals mit Studenten des Studiengangs Interaction Design der Hochschule Osnabrück zusammen, damit sich Fenster wie von Geisterhand schließen, eine Deckenlampe explodiert oder Buchstaben aus einem Buch herausfliegen.

Getragen werden Handlung, Inszenierung und Darsteller von der sechsköpfigen Band unter der versierten Leitung von Martin Wessels-Behrens, der seine Musiker großartig durch die abwechslungsreiche Partitur von Michael Gore führt und einen richtig guten Mix aus stimmigen Popballaden und wummernden Rocksongs aus dem Orchestergraben schwappen lässt.

So überzeugt die deutschsprachige Erstaufführung von „Carrie“ also auf ganzer Linie und es darf gehofft werden, dass dieses Musical künftig noch häufiger auf deutschen Bühnen zu sehen sein wird. Der Grundstein dafür wurde in Minden und Osnabrück gelegt. Nun bleibt abzuwarten, was andere Theater daraus machen.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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