„Berlin skandalös“ (Foto: Dominik Lapp)
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Ohne roten Faden: „Berlin skandalös“ in Dortmund

Das Berlin der 1920er Jahre hatte viel zu bieten: vom Jahrmarktzauber über Sechstagerennen bis hin zum Tanztee. Gil Mehmert hat musikalisches und textliches Material von damals zusammengetragen und zu einer Revue verwoben, die unter dem Titel „Berlin skandalös“ einen Vorgeschmack auf das in den 1930er Jahre spielende Musical „Cabaret“ bieten soll, das in der nächsten Spielzeit an der Oper Dortmund gezeigt wird.

Optisch lehnt Gil Mehmert seine Revue stark an „Cabaret“ an, denn sowohl das surreale Bühnenbild von Heike Meixner als auch die frivol-androgynen Kostüme von Falk Bauer bedienen sich bewusst an dem Kander-Ebb-Stück. Das zentrale Herzstück der Bühne ist ein überdimensionaler Bechstein-Flügel, der als Showtreppe und Auftrittsfläche dient und mit großen Leuchtbuchstaben ausgestattet wurde, die das Wort „Berlin“ formen. Im Hintergrund sieht man eine Silhouette Berlins, links und rechts jeweils einen Auftrittsort in Form kleiner Logen hinter Paravents.

In dieser Szenerie zeigt Gil Mehmert seine Revue als 90-minütigen Drogentrip ohne Pause. Und hieran krankt das Stück. Denn auch wenn optisch und künstlerisch nichts an „Berlin skandalös“ auszusetzen ist, so wird das Publikum doch mit einem Filmriss aus der Vorstellung entlassen. Mehmert zeigt einen Nacht-Trip im Drogenrausch, bei dem Kängurus tanzen, Affen besungen werden oder Frauen fremdgehen. Es werden viele kleine Geschichten angerissen, aber nicht fortgeführt. Ein roter Faden wird begonnen, aber nicht zu Ende gesponnen.

Es gibt ein paar witzige Ideen, die sogar Parallelen in die Gegenwart ziehen – zum Beispiel, wenn auf der Bühne eine überdimensional große Line Koks platziert wird, die dann von einem Nasen-Staubsauer aufgesaugt wird. Wenn dann am Ende Hakenkreuze über der Bühne aufleuchten, wird wieder die Verbindung zu „Cabaret“ hergestellt. Optisch passiert also recht viel auf der Bühne, musikalisch plätschert es – trotz starker Leistungen aller Mitwirkenden – eher vor sich hin.

Insgesamt 30 Songs – darunter Musik von Hanns Eisler, George Gershwin oder Werner Richard Heymann – kommen an dem Abend zu Gehör, die von Mitgliedern der Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Christoph JK Müller solide gespielt und von den Gesangssolistinnen und -solisten leidenschaftlich intoniert werden.

Allen voran begeistert Angelika Milster in der Rolle der Diva, die davon singt, Tabus zu brechen. Sowohl schauspielerisch als auch gesanglich kann Milster vollends überzeugen und glänzt mit einer riesigen Bühnenpräsenz und starkem Ausdruck. Das Starlet von Bettina Mönch ist an Sally Bowles aus „Cabaret“ angelehnt, und so darf sie mit „Mein Herr“ auch einen der wohl bekanntesten Songs aus dem Musical singen. Wie man es von Mönch nicht anders gewohnt ist, strahlt sie als Starlet gesanglich wie schauspielerisch und tänzerisch.

Als bizarrer Conférencier schlägt Rob Pelzer eine weitere Brücke zu „Cabaret“ und agiert exzellent in der Figur des Erzählers, Kommentators und Strippenziehers. Einen hervorragenden Gigolo gibt Jörn-Felix Alt mit samtweicher Stimme, während Tom Zahner als Chauffeur für die leiseren und nachdenklich stimmenden Töne zuständig ist, was ihm sehr gut gelingt.

Ein kluger Schachzug, der dem Theater sicher einige Wiederholungsbesuche bescheren wird, ist der Umstand, dass die Rolle des Crooner immer wieder von einem anderen Darsteller übernommen wird. So teilen sich je nach Spieltermin Anton Zetterholm, David Jakobs, Alexander Klaws und Mark Seibert diesen Part – und jeder von ihnen hat andere Songs im Gepäck. Am Premierenabend gibt sich Anton Zetterholm die Ehre, der erst nach rund 70 Minuten auftreten darf, um sich nach den hingebungsvoll und mit zartschmelzender Stimme gesungenen Songs „Stairway to Pardise“, „Minnie the Moocher“ und „I can’t give you anything but Love“ schon wieder verabschiedet.

Tänzerisch können Maja Dickmann, Yasmina Hempel, Florentine Kühne, Louis Dietrich, Nico Hartwig, Lukas Meyer und Samuel Türksoy aus dem Vollen schöpfen und werten die von Yara Hassan choreografierten Szenen sehr gut auf. Am Ende bleibt ein künstlerisch-ästhetisch starker Abend, dessen Bilder genauso wie die Mitwirkenden positiv im Gedächtnis bleiben, obwohl die Revue „Berlin skandalös“ insgesamt entbehrlich erscheint.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".