Spotlights (Foto: Dominik Lapp)
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Überraschend gut: „Aschenputtel“ in Hanau

Es ist doch immer wieder schön, sich im Theater überraschen zu lassen. Bei den Brüder-Grimm-Festspielen in Hanau heißt die Überraschung der Saison 2014 „Aschenputtel“. Wer bei dem Titel an ein einfaches Kindermusical denkt, wird in Hanau eines Besseren belehrt. Was Regisseur Holger Hauer, Choreograf Bart De Clercq und die starke Darstellerriege zu der herrlichen Musik von Marc Schubring auf die Bühne des Amphitheaters gezaubert haben, ist kein kitschiges oder angestaubtes Märchen, sondern ein sehenswertes Musical mit Niveau und Anspruch.

Das Musical (Buch: Frank-Lorenz Engel) erzählt das altbekannte Märchen der Brüder Grimm leicht modifiziert: Das Aschenputtel trägt hier den Namen Konstanze und wird von ihrer Stiefmutter Dorabella und den sächselnden Stiefschwestern Dorette und Babette gedemütigt, während Vater Clemens auf Geschäftsreise ist. Das Königreich von König Siegfried und Königin Gunhild hingegen ist pleite, weshalb der König seinen Sohn, Prinz Benedikt, mit einer reichen bürgerlichen Frau verheiraten will. Letzten Endes kommt es wie aus dem Märchen bekannt: Der Prinz verliebt sich in Konstanze, die sich – ohne Erlaubnis der Stiefmutter – maskiert auf den königlichen Ball eingeschlichen hat und fliehen muss, als sie der König auffordert, die Maske abzunehmen. Dabei verliert sie ihren Schuh und Prinz Benedikt macht sich auf die Suche, den richtigen Fuß zum Schuh zu finden.

Die Geschichte hat Marc Schubring in wunderschöne Melodien verpackt, die großes Ohrwurmpotenzial haben. Wenn auch die Musik leider nicht live gespielt wird, sondern aus der Konserve kommt, ist Schubrings kompositorische Qualität bei seinem neuesten Werk nicht von der Hand zu weisen: Stimmige Ensemblenummern wechseln sich ab mit eingängigen Popballaden und Duetten. Auch die schnörkellosen Gesangstexte von Edith Jeske können sich hören lassen und passen perfekt zu Schubrings Komposition.

Doch ist es auch die Inszenierung von Holger Hauer, die „Aschenputtel“ so erlebenswert macht. Hauers Handschrift spiegelt sich besonders in der Personenregie, den stark gezeichneten Charakteren und dem perfekten komödiantischen Timing wider. Vor allem aber hat er dem Stück keinen Märchen-Stempel aufgedrückt, sondern die Geschichte ernsthaft und atmosphärisch dicht in Szene gesetzt. Auch witzige Szenen gibt es reichlich, doch Hauer lässt seine Schützlinge auf der Bühne dabei nie ins Alberne abdriften. Hervorragend unterstützt wird die Inszenierung durch die von Bart De Clercq stimmig-flott choreografierten Tanzszenen.

Eine schöne Atmosphäre entsteht im Hanauer Amphitheater, weil der Zeltaufbau, der Zuschauerraum und Bühne überspannt, an den Seiten offen ist und somit ein laues Sommerlüftchen hineinlässt sowie den Blick auf den Park von Schloss Philippsruhe freigibt. In diese Kulisse fügt sich das Bühnenbild hervorragend ein. Eine Drehbühne ermöglicht zudem schnelle Szenenwechsel zwischen großer Ballsaaltreppe, einem Wald oder Aschenputtels Zuhause. Die hübsch anzusehenden Kostüme verstärken dabei den visuell hochwertigen Charakter des Stücks.

Mit einem kleinen inszenatorischen Kniff, wie man ihn ähnlich aus dem „König der Löwen“ kennt, wird eine Szene ganz zauberhaft aufgewertet: Damit es beim Sortieren der Linsen mit den „guten ins Töpfchen und den schlechten ins Kröpfchen“ schneller geht, bekommt Aschenputtel Hilfe von Tauben, die von Darstellern mittels Lenkstangen gesteuert werden und immer wieder zur Erheiterung des Publikums beitragen, wenn sie sich im Tiefflug über den Köpfen der Zuschauer befinden.

Neben all den gelungenen akustischen und visuellen Eindrücken enttäuscht auch die Darstellerriege nicht. In der Titelrolle begeistert Michèle Fichtner mit glockenklarem Gesang, der unter die Haut geht. Schauspielerisch nimmt man ihr die liebenswürdige Konstanze, die ihr Dasein als Aschenputtel fristet, ebenfalls ab. Neben seiner Verantwortung als Regisseur gibt Holger Hauer Konstanzes Vater Clemens, der nur zu Beginn des Stücks und am Ende zu sehen ist, mit solidem Schauspiel und wohltönender Stimme.

Monika Maria Staszak führt in der Rolle der Köchin Griseldis, die sich außerdem als gute Fee entpuppt, durch die Geschichte. Als Köchin ist sie Konstanzes einzige Bezugsperson, als Fee hilft sie ihr, den königlichen Ball zu besuchen und als Erzählerin treibt sie die Handlung voran, was ihr schauspielerisch wie gesanglich perfekt gelingt.

Als Prinz Benedikt macht Dennis Dobrowolski, der in der besuchten Vorstellung den erkrankten Benedikt Ivo vertritt, eine gute Figur und gibt den von seinen Eltern genervten Prinzen mit überzeugender Leichtigkeit. Star der Inszenierung ist jedoch definitiv Carolin Fortenbacher, die als böse Stiefmutter Dorabella nicht nur herrlich fies ist, sondern auch ihre komödiantische Seite bestens ausspielt.

Ihr zur Seite stehen Catrin Omlohr als Babette und in der besuchten Vorstellung Janina Steinwender als Dorette, die aufgrund des sächselnden Dialekts die Lacher des Abends auf ihrer Seite haben. Schauspielerisch absolut souverän agieren auch Thorsten Tinney als König Siegfried und Barbara Bach als Königin Gunhild sowie Jan Schuba als Graf Gerold von Schwarzeneck.

Zum Schluss steht das Publikum und bejubelt die Darsteller eines rundum gelungenen Musicals, das nun hoffentlich noch auf vielen weiteren Bühnen zu sehen sein wird. Dass man ein altbekanntes Märchen auf völlig neue Art und Weise witzig und frech erzählen kann, wurde mit „Aschenputtel“ bei den Brüder-Grimm-Festspielen in Hanau eindrucksvoll bewiesen. Bitte mehr davon!

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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