Valentina Inzko Fink (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Valentina Inzko Fink: „Die Sprengung von Genregrenzen ist cool“

Sie ist Mörderin und Vamp: Valentina Inzko Fink wurde für die Rolle der Roxie Hart im Musical „Chicago“ ans Stadttheater Bremerhaven engagiert. Die 1992 in Klagenfurt geborene Österreicherin absolvierte ihr Musicalstudium an der Theaterakademie August Everding in München, war Finalistin des MUT-Wettbewerbs, Ensemblemitglied am Theater für Niedersachsen und spielte in Musicals wie „American Idiot“ und „Der Mann von La Mancha“. Im Schauspielbereich konnte man sie in „Endstation Sehnsucht“ sehen, ihr Operettendebüt gab sie in „Märchen im Grand Hotel“. Im Interview spricht Valentina Inzko Fink über ihren noch jungen Werdegang über Genregrenzen hinweg sowie über ihr Engagement im Musical „Chicago“.

Sie sind Österreicherin, arbeiten aber vor allem in Deutschland. Wie hat sich das entwickelt? Liegt das daran, dass Sie Ihre Musicalausbildung in Deutschland absolviert haben?
Ja, das ist ziemlich sicher deshalb. Ich habe in München an der Theaterakademie August Everding studiert. Die Schule dort hat ein sehr gutes Netzwerk und hat immer wieder bekannte Persönlichkeiten aus Regie und Choreografie eingeladen, so dass man da schon erste Kontakte knüpfen konnte. So hat es sich ein bisschen entwickelt, dass ich mich in Deutschland positioniert habe. Nach dem Studium habe ich für ein Jahr fest in Hildesheim am Theater für Niedersachsen gearbeitet und war dann plötzlich im Norden angesiedelt. Anschließend bin ich erst mal zurück nach Österreich zu meiner Familie und meinen Freunden. Aber beruflich bin ich viel in Deutschland hängengeblieben, was ich gar nicht schlimm finde, weil es tolle Jobs gibt. Trotzdem würde ich mich freuen, auch mehr in Österreich zu arbeiten.

War es eine bewusste Entscheidung, Musical zu studieren? Oder wollten Sie generell etwas mit Musik machen und sind dann erst auf das Genre Musical aufmerksam geworden?
Ich wusste tatsächlich schon relativ früh, dass ich Musical machen möchte. Ich hatte das Glück, dass ich in der Schule in einer Musical-Amateurgruppe gespielt habe. Vorher hatte ich zwar schon im Chor gesungen und Tanzkurse besucht, aber in der Gruppe habe ich erst erfahren, was Musical überhaupt ist. Ich muss 13 Jahre alt gewesen sein – und mir haben alle Sparten des Musicals gefallen. Das war sozusagen ein Moment der Erleuchtung. Es war cool, als ich erfahren habe, dass es etwas gibt, wo Schauspiel, Gesang und Tanz gleichermaßen gefordert werden.

Haben Sie denn einen Schwerpunkt im Musical, der Ihnen besonders liegt?
Auf jeden Fall das Singen. Meine Mama ist Opernsängerin, deshalb bin ich mit Gesang aufgewachsen. Bei uns zu Hause wurde immer gesungen, der Tanz und das Schauspiel kamen erst etwas später dazu. Ganz kitschig gesagt, wurde mir der Gesang wohl in die Wiege gelegt.

Es folgte schlussendlich eine Musicalausbildung. Bislang haben Sie aber nicht nur in Musicals gespielt, sondern auch schon einen Ausflug ins Operettenfach unternommen, als Sie an der Staatsoper Hannover in „Märchen im Grand Hotel“ zu sehen waren. Wie kam es dazu?
Das war irgendwie crazy. (lacht) Dem Komponisten Paul Abraham, der „Märchen im Grand Hotel“ geschrieben hat, sagen manche nach, dass er Musicalkomponist wäre, würde er in der heutigen Zeit leben. Aber natürlich ist es eine Operette. Die Tonalität und die Art wie es gesungen werden soll, ist im Original eher im klassischen Bereich angesiedelt. Ich hatte das Glück, dass für die beiden Hauptrollen und das Ensemble Leute gesucht wurden, die steppen können. So bekam ich die Rolle der Marylou Mackintosh. Mit dem Regisseur und dem Arrangeur haben wir die Lieder transponiert und arrangiert, um es etwas mehr in den Musicalkontext zu bringen. Das war schon cool, eine Operette gespielt zu haben, die aber dem Musical sehr nahe ist.

„Märchen im Grand Hotel“ (Foto: Dominik Lapp)

Ist es diese Vielseitigkeit, die Sie als Künstlerin auszeichnet und die Sie schätzen? Denn auch wenn das Musical immer wieder gern unterschätzt wird, so kann es doch sicher auch ein Türöffner für eine Künstlerin sein, weil man durch das Musical eben sehr vielseitig ausgebildet ist. Ist das so?
Ja. Ich hatte schon im Studium eine Phase, in der ich mir überlegt habe, vielleicht doch lieber Schauspiel zu machen. Ich war besorgt, dass ich nicht ins Genre des Sprechtheaters einsteigen kann, wenn ich nicht Schauspiel studiere. Aber ich war froh, dass es doch funktioniert hat. Denn ich würde sagen, dass Schauspiel nach Gesang meine zweitbeste Sparte ist. Klar, da haben sich Türen geöffnet. Bei den Schlossfestspielen Ettlingen habe ich die Stella im Schauspielstück „Endstation Sehnsucht“ gespielt.

War das eine Traumrolle?
Definitiv. Vor allem war das eine Rolle, von der ich mit einer Musicalausbildung nie geträumt hätte. Aber nicht, weil man diese Rolle als Musicaldarstellerin nicht spielen könnte. Sondern weil es mit einer Musicalausbildung einfach schwerer ist, ein Schauspielengagement zu bekommen.

Das leuchtet ein, weil es sehr viele Schauspielerinnen und Schauspieler gibt.
Richtig. An der Musicalausbildung ist toll, dass ich mich über verschiedene Genres hinweg ausprobieren kann, wenn ich die Chance dafür bekomme. Im Jahr 2019 habe ich ein Rock-Musical, ein klassisches Musical, eine Operette und ein Schauspiel machen dürfen. Das ist wirklich das Coolste an dem Beruf: Das Arbeiten in jeder Sparte und die Sprengung von Genregrenzen. Wo sonst wäre das möglich?

Sie haben ja auch trotz Ihres jungen Alters schon viele Erfahrungen gesammelt. Sie waren mit einer Tourproduktion unterwegs, gehörten zum festen Ensemble eines Stadttheaters, haben Schauspiel gemacht und auf einer Freilichtbühne gespielt. Allerdings – und das ist keineswegs despektierlich gemeint – war noch keine Großproduktion dabei.
Genau.

Aber startet man nicht eine Musicalausbildung – vielleicht etwas zu blauäugig – mit dem Traum von der ganz großen Bühne, von der großen Rolle in einer Long-Run-Produktion mit acht Shows in der Woche?
Das ist eine spannende Frage. Ich glaube, das hängt davon ab, mit welchem Vorwissen man ins Studium geht. Es gibt Leute, die sich vor dem Studium schon sehr gut auskennen und wissen, was die Strukturen des Long Runs und des Stadttheaters sind. Ich hatte davon, ehrlich gesagt, keinen blassen Schimmer. Ich bin also ganz naiv ins Studium gegangen und habe dann zum Ende des Studiums gemerkt, wohin die Tendenzen gehen. Der Tenor in unserer Branche ist natürlich, dass Großproduktionen mehr Ansehen haben. Klar, man verdient da meistens besser und es bekommt viel mehr Aufmerksamkeit. Am Ende des Studiums wird das oft als großes Ziel angesehen. Doch es gibt auch viele Dozentinnen und Dozenten, die einem das Stadttheater näherbringen. Dadurch habe ich schon gemerkt, auch bei den Auditions, dass ich mich im Stadttheater sehr wohl fühle. Es hat alles seine Vor- und Nachteile und beweist auch hier, wie abwechslungsreich der Beruf ist. Persönlich denke ich, dass man am Stadttheater die Möglichkeit hat, mehr Rollen zu spielen und sich auszuprobieren. So konnte ich 2019 wie gesagt auch gleich mehrere Stücke und Rollen spielen. In einer Großproduktion hätte ich wahrscheinlich in einem Jahr nur eine Rolle in einem Stück gespielt.

Am Theater für Niedersachsen waren Sie nur eine Spielzeit engagiert. War das von Anfang an so geplant?
Nicht ganz. Mir wurden zwei Jahre angeboten. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie es ist, fest in ein Ensemble zu gehen. Deshalb konnte ich mich auf einen Einjahresvertrag einigen und habe mich letztendlich gegen ein weiteres Jahr entschieden, weil ich gemerkt habe, dass mich das freiberufliche Dasein als Künstlerin mehr reizt. Ich wollte gern mehrere Theater kennen lernen – und der Absprung gleich am Anfang erschien mir am besten. Ich habe in dem Jahr tolle Erfahrungen gemacht, allerdings wusste ich ziemlich schnell, dass ich mit dieser neu gewonnenen Erfahrung weiterziehen möchte. Es war ein Geschenk, im ersten Berufsjahr so viel ausprobieren zu können und verschiedene Rollen zu spielen. Wenn man an mehreren Häusern arbeitet, lernt man jedoch mehrere Kolleginnen und Kollegen kennen und hat etwas mehr Abwechslung, was die Kreativteams betrifft. Diese Art von Vernetzung erschien mir wichtig.

Die Entscheidung ist nachvollziehbar, wobei Sie natürlich ein Stück soziale und finanzielle Sicherheit aufgegeben haben, oder?
Auf jeden Fall. Soziale und finanzielle Sicherheit gibt es natürlich bei so einem festen Engagement. Aber ich stand vor der Entscheidung, ob ich in Hildesheim bleibe und mir dort ein Leben aufbaue oder den Schritt in die Freiberuflichkeit wage. Und die Freiberuflichkeit bietet mir als Künstlerin natürlich viele Möglichkeiten. Außerdem wollte ich gern zurück nach Wien, weil dort meine Basis ist. Es war der richtige Zeitpunkt, das zu entscheiden.

Zurzeit sind Sie am Stadttheater Bremerhaven engagiert, wo Sie die Roxie Hart im Musical „Chicago“ spielen – zumindest vor dem Corona-Lockdown und hoffentlich auch wieder danach. Wer ist Roxie Hart?
Roxie Hart ist eine etwas naive, aber trotzdem sehr durchtriebene und umtriebige Persönlichkeit. Sie ist sehr opportunistisch und holt sich das, was sie will. Diese zwei Gesichter machen die Rolle unglaublich spannend.

Was ist für Sie die größte Herausforderung an dieser Rolle?
Weil „Chicago“ eine sehr tanzlastige Show ist, war für mich definitiv der Tanz die größte Herausforderung – aber das wusste ich natürlich vorher. Letztendlich war es wirklich eine Challenge für mich. Es sind wahnsinnig tolle Choreografien von Andrea Danae Kingston, die mich super gepusht hat. Das war nötig, weil bei einem Tanzstück viel passieren muss. Eine weitere Herausforderung ist es, das Publikum trotz Roxies oft unsympathischer Charakterzüge mitgehen zu lassen. Roxie handelt immer nur in ihrem Interesse und ist oft gegen andere. Trotzdem muss man das Publikum auf seine Seite holen. Das ist gar nicht so einfach.

„Chicago“ (Foto: Dominik Lapp)

Um es einmal ganz klar zu sagen: Roxie Hart ist eine Mörderin. Wie erarbeitet man denn bitte für sich eine Mörderin? Das ist ja wahrscheinlich nicht unbedingt ein Charakterzug, den man an sich selbst erkennen möchte.
Ja, das stimmt. (lacht) Einerseits ist Roxie naiv und liebenswürdig, andererseits sitzt sie wegen eines Mordes im Knast. Ich denke für die Rollenerarbeitung muss man hier differenzieren zwischen einem geplanten Mord und einem Mord, der spontan passiert. Und bei Roxie war das doch ziemlich spontan. (schmunzelt) Natürlich muss in einem etwas schlummern, dass man so etwas macht – wenn auch aus dem Affekt heraus. Mich hat an dieser Rolle besonders interessiert, was Roxie in sich hat, dass sie so etwas tun kann. Dabei haben mich ihr Wille und ihre etwas giftige Energie angetrieben. Roxie ist wahnsinnig leidenschaftlich, aber auch verbittert.

Wie wichtig ist dabei die Zusammenarbeit mit der Regie, um so einen Charakter zu erarbeiten und dessen Intentionen zu finden?
Einerseits muss ich das allein finden. Andererseits ist die Erarbeitung einer Rolle immer eine gemeinschaftliche Arbeit von mir als Darstellerin und der Regisseurin oder dem Regisseur. Das ist mir ganz wichtig, weil ich finde, dass das eine ohne das andere nicht funktioniert. Man sieht es Stücken an, wenn Darstellerinnen und Darsteller versuchen, sich auf der Bühne zu retten, weil sie von der Regie keine Denkanstöße oder Strukturen bekommen haben. Genauso sieht man aber auch, wenn alles nur von der Regie vorgegeben wurde. Deshalb finde ich die Zusammenarbeit unglaublich wichtig. Bei einem Stück wie „Chicago“ ist darüber hinaus die Choreografie von großer Bedeutung. Oftmals wird die Choreografie unterschätzt, aber bei „Chicago“ ist sie schon fast Teil der Regie und auf jeden Fall ein sehr wichtiger Baustein in der Inszenierung. Das Stück würde nicht funktionieren, wenn der Tanz nicht gut mit den Szenen korreliert. Es muss ein Zusammenspiel aus allen Sparten sein, die wie Zahnräder ineinandergreifen. Geschichte, Tanz und Musik sind bei „Chicago“ hervorragend miteinander verwebt.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" sowie die Streaming-Konzerte "In Love with Musical" und "Musical meets Christmas".

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