Maren Koormann (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Maren Koormann: „Erinnerungskultur lebendig halten“

In der neuen Sonderausstellung des Felix-Nussbaum-Hauses in Osnabrück werden mit Elfriede Lohse-Wächtler und Felix Nussbaum zwei bedeutende künstlerische Positionen der Moderne einander gegenübergestellt. Im Interview spricht Kuratorin Dr. Maren Koormann darüber, was die beiden Künstler verbindet, obwohl sie sich nie kennen gelernt haben.

Sie sind die Kuratorin der neuen Sonderausstellung „Im Angesicht“ im Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück. Was genau ist Ihre Aufgabe?
Als Kuratorin sorge ich dafür, dass die Sammlung gut betreut und für nachfolgende Generationen bewahrt wird. Ich prüfe, inwiefern die Sammlung erweitert und mit ihr gearbeitet werden kann. Außerdem betreue ich den Leihverkehr und beantworte wissenschaftliche Anfragen. Ein weiteres wichtiges Aufgabenfeld ist die Vermittlung von Kunst in Form von unseren eigenen Objekten und Wechselausstellungen.

Felix Nussbaum ist in Osnabrück bekannt, Elfriede Lohse-Wächtler dagegen weniger. Wer war die Künstlerin und was zeichnete sie aus?
Elfriede Lohse-Wächtler war eine Dresdner Künstlerin, die einige Zeit in Hamburg gelebt hat. Ihren Stil könnte man als expressiv-realistisch bezeichnen. Ihre Werke sind von einer starken Farbigkeit. Schnelle Striche, interessante Schattierungen und die Themen, die Lohse-Wächtler in ihren Bildern behandelt, zeichnen sie aus. In einigen Bereichen war die Künstlerin eine Pionierin. Sie war eine der ersten Künstlerinnen, die sich im Selbstakt dargestellt haben, und ging dabei sogar noch einen Schritt weiter als ihre Kolleginnen, weil sie sich im Selbstakt im Beisein eines männlichen Partners dargestellt hat, was zu ihrer Zeit sehr gewagt und mutig war. Außerdem hat sie im Hamburger Rotlichtmilieu das Leben hinter den Kulissen in ihren Bildern dargestellt und sich nicht nur Zigarette, sondern sogar Pfeife rauchend gezeigt. Darüber hinaus gibt es einige Bilder aus ihrer Zeit in der Psychiatrie, die als historisch wertvolle Dokumente gelten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Kunst von Nussbaum und Lohse-Wächtler in einer gemeinsamen Ausstellung zu zeigen?
Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit der Künstlerin, über die ich unter anderem meine Doktorarbeit geschrieben habe und die mich seit dem Jahr 2008 nicht mehr loslässt. An beiden Künstlern ist immer noch Neues zu entdecken. Spannend ist, dass wir mit unserer Ausstellung einen neuen Blick auf Nussbaum und Lohse-Wächtler werfen und neue Erkenntnisse erlangen können.

Die beiden Künstler kannten sich nicht. Was verbindet sie dennoch?
Zum einen verbindet sie die Stigmatisierung. Ihnen wurden von außen Identitäten wie „jüdisch“ beziehungsweise „krank“ zugeschrieben. Sie verbindet ein tragisches Schicksal. Beide wurden Opfer der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie. Sie waren allerdings nicht nur Opfer, sondern aktiv Handelnde, die mit den Mitteln der Kunst ihre extremen Herausforderungen verarbeitet und in Bilder umgesetzt haben. Dadurch wurden überzeitliche Werke geschaffen, die uns heute noch ganz viel erzählen und wie im Fall von Themen wie Vertreibung, Ausgrenzung, Flucht und Gewalt leider heute immer noch aktuell sind.

Was wollen Sie mit der Ausstellung erreichen?
Ich möchte zum einen die Sammlung Felix Nussbaums beleben und einen neuen Blick darauf ermöglichen. Zum anderen möchte ich Elfriede Lohse-Wächtler als eine wichtige Künstlerin der Moderne bekannter machen und die Erinnerungskultur lebendig halten.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".