Frank Winkels Foto: Dominik Lapp
  by

Interview mit Frank Winkels: „Luther hat den Nerv der Zeit getroffen“

In der Musicalbranche kennt man den Schauspieler und Sänger Frank Winkels als vielseitigen Darsteller, der schon in zahlreichen großen Produktionen – darunter Erst- und Uraufführungen – mitgewirkt hat. Neben seinen aktuellen Engagements in den Musicals „Don Camillo & Peppone“ in Wien und „Titanic“ in Bad Hersfeld ist er auch noch mit dem Pop-Oratorium „Luther“ auf Tournee, wo er die Titelrolle singt. Im Interview spricht er über seinen Bezug zu Martin Luther und zur Kirche, aber auch über die Erarbeitung seiner Rolle und den Erfolg des Pop-Oratoriums.

Die Hallen, in denen Sie mit dem Pop-Oratorium „Luther“ auftreten, fassen mehrere Tausend Zuschauer und sind damit wesentlich größer als klassische Theater. Stellt Sie das vor eine besondere Herausforderung im Hinblick auf Mimik und Gestik? Muss man in so einer großen Halle größer agieren, um auch die Leute in den hinteren Reihen noch irgendwie zu erreichen?
Das war auf jeden Fall eine Frage, die wir uns im Vorfeld auch gestellt haben. Aber im Grunde müssen wir nicht größer agieren, weil wir mehrere Kameras im Einsatz haben, die das Bühnengeschehen auf große Leinwände übertragen. Ich hatte auch die Hoffnung, nicht so übertriebene Mimik einsetzen zu müssen. Davon bin ich wirklich kein Fan. Das, was ich auf der Bühne zeige, sollte ganz natürlich entstehen. Andreas Gergen als unser Regisseur hat diesbezüglich zum Glück keine besonderen Ansagen gemacht. Er hat bloß gesagt, dass wir von der Energie her einfach noch eine Schippe drauflegen müssen, weil wir natürlich in großen Hallen spielen, in denen sonst Rock- und Popkonzerte stattfinden. Da ist es wichtig, dass sich die Energie und die Atmosphäre von der Bühne auch in die Halle überträgt, um das Publikum zu erreichen. So eine Show muss man richtig rocken und mit einer unheimlich großen Intensität gestalten, ohne es mit der Mimik und Gestik zu übertreiben.

Was war besonders schwierig?
Also besonders schwierig fand ich anfangs, mit dem In-Ear-Monitoring zu arbeiten. Man hat ja ständig einen Knopf im Ohr, damit man die Band, den Chor, seine Mitstreiter hört. Das war etwas Neues, das ich aus dem Musicalbereich so nicht kannte. Das war sehr gewöhnungsbedürftig, weil man sich dann beim Singen selber anders wahrnimmt. Ich war total unerfahren mit In-Ear-Monitoring und schon sehr nervös.

Sie spielen Martin Luther. Welchen Bezug hatten Sie zu Luther, bevor Sie diese Rolle gespielt haben?
Vorher hatte ich gar keinen Bezug zu Martin Luther. Ich musste mich erst mal in das Thema einlesen. Natürlich war mir Luther ein Begriff, aber zu dem Mensch Luther und seinen Werten hätte ich gar nichts sagen können. Ich habe dann eine Biografie gelesen und viel im Internet recherchiert, wo man ganz viele Sachen über ihn findet.

Haben Sie sich auch Filme angesehen?
Ich finde es schwierig, sich Vorlagen anzusehen. Denn man möchte eine Rolle ja nach dem eigenen Charakter entwickeln und etwas neu erschaffen – trotzdem habe ich mir den Luther-Film mit Joseph Fiennes angeschaut und fand den richtig gut. Da war es einfach toll zu sehen, wie er die Rolle angelegt hat. Ich habe aber trotzdem einen eigenen Weg gefunden, Luther darzustellen.

Zeigen Sie auf der Bühne ein historisch korrektes Abbild von Martin Luther oder sieht man Frank Winkels, der Luther spielt?
Ich finde es sehr schwer, dieser Persönlichkeit historisch gerecht zu werden. Allein schon, weil ich es schwierig finde, sich in die damalige Zeit hineinzuversetzen. Man kann ganz viel lesen und sich aneignen. Aber wenn man solche Dinge liest von Scheiterhaufen, Hölle und Verdammnis, ist das merkwürdig, weil es das in dieser Form heute nicht mehr gibt. Also habe ich mich gefragt, wie ich mich Luther menschlich annähern kann und was ihn emotional bewegt hat. Was hat ihn beschäftigt? Was hat ihn wahnsinnig gemacht? Also habe ich mir emotionale Parallelen zu ihm gesucht. Denn das ist für mich die einzige Möglichkeit, einen Menschen wie Luther authentisch darzustellen. Wenn ich etwas mache, was nicht selber aus mir herauskommt, dann springt der Funke auch nicht aufs Publikum über.

Warum begeistert das Pop-Oratorium „Luther“ auch Leute, die mit Religion und Kirche sonst nichts am Hut haben?
Ich wurde selber katholisch erzogen, bin aber aus der Kirche ausgetreten. Jetzt bin ich zwar konfessionslos, aber glaube trotzdem an eine höhere Macht und an einen Gott, wenn man so will. Ich finde, das Entscheidende sind die Kerngedanken des Stücks. Zum Beispiel selber zu denken, wie Luther es in unserem Stück singt. Selber denken und sich den Weg nicht von anderen diktieren lassen. Luther war ein Mensch, der nicht wollte, dass die Leute zu allem Ja und Amen sagen. Er selber hat das auch nicht gemacht und immer alles hinterfragt. Damit kann ich mich sehr gut identifizieren – und ich finde, auch fürs Publikum ist es entscheidend, dass man einen Grundgedanken oder Impulse mit nach Hause nehmen kann. Auch wenn unser Pop-Oratorium einen religiösen oder historischen Rahmen hat, wollen wir Emotionen transportieren und wollen die Leute bewegen. Wir wollen dem Publikum am Ende etwas mitgeben. Das scheint uns zu gelingen. Außerdem wird das Individuum Luther nicht heroisiert, sondern es geht hier um die Gemeinschaft. Deshalb trägt „Luther“ auch den Untertitel „Das Projekt der tausend Stimmen“. Es kommen deutschlandweit viele Tausend Chorsänger zusammen, um gemeinsam zu singen, etwas zu erleben und vielen Tausend Zuschauern eine schöne gemeinsame Zeit zu bereiten. Das ist wohl das Erfolgsrezept und deshalb gehen die Leute in die Show.

Auch wenn Luther in dem Stück nicht heroisiert wird – ist er in Ihren Augen denn trotzdem ein Held seiner Zeit gewesen?
Ich glaube, er wurde sicherlich später zum Helden gemacht oder zu Lebzeiten schon zum Vorbild genommen. Aber auch wenn er aufgeklärt hat und vielleicht ein Vorbild war, denke ich, war es ihm sicher gar nicht so recht, dass sich die Leute an ihn drangehängt haben. Das ist auch eine Aussage in unserem Stück: Hier sagt Luther direkt am Anfang, dass er nicht der Mann ist, für den ihn die Leute halten. Er sagt, dass die Leute selbstständig denken und handeln sollen. Ich würde auf jeden Fall sagen, dass Luther damals ein Vorbild war, aber kein Held. Er war eher eine Reizfigur, die sich auf ganz schön dünnem Eis bewegt hat. Er hat zwar freies Geleit bekommen, als er seine Ketzerei widerrufen sollte, aber er musste sich verstecken. Er musste sich verstecken, weil es Menschen gab, die ihn umbringen wollten. Das zeigt ja auch, was für eine Überzeugung dieser Mann hatte. Und er hat unter solch einem enormen Druck gestanden, unter dem man heutzutage sicher einknicken würde. Er stand kurz davor, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Da geht es um Todesängste, die verarbeitet werden müssen. Und wenn man nicht aus Glauben und tiefster Überzeugung handelt, kommt man durch so eine Situation wohl nicht durch. Deshalb wurde er später sicher zum Helden stilisiert.

In Deutschland denkt man ja gern in Schubladen: Ist „Luther“ denn nun ein Pop-Oratorium oder ein Musical? Es gibt hier ja wie bei einem klassischen Oratorium einen erzählenden Chor, aber eben auch ausgebildete Musicaldarsteller in den solistischen Rollen.
Unser Komponist Dieter Falk wird es nicht als Musical sehen. Ich würde es als Vorstufe zum Musical bezeichnen. Vom Staging und der Art und Weise her, wie wir es umsetzen, geht es ganz klar in Richtung Musical. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass daraus mal ein abendfüllendes Musical wird. Aber das Pop-Oratorium hat eine tolle Form, eine erzählerische Unterhaltungsform, umgesetzt durch einen großen Chor und Solisten, durch ein Orchester und eine Band. Das ist eine gute Möglichkeit, um eine breite Masse zu erreichen. Von daher spielt es auch gar keine Rolle, wie man das Stück nun bezeichnen will. Was man ganz sicher sagen kann, ist, dass mit dem Pop-Oratorium „Luther“ irgendwie der Nerv der Zeit getroffen wurde.

Opernsängern bleibt es in der Regel verwehrt, mit den jeweiligen Komponisten eine Oper zu erarbeiten, weil diese oft schon seit Hunderten von Jahren tot sind. Bei „Luther“ haben Sie und Ihre Kollegen hingegen die Möglichkeit, mit dem Komponisten Dieter Falk zusammenzuarbeiten. Wie ist es, dass man – auch im Musical immer wieder – mit noch lebenden Komponisten und Librettisten zusammenarbeiten kann? Das ist doch sicher sehr inspirierend.
Ja, das ist es. Ich finde das super. Dieter Falk ist ein super Musiker und Komponist, aber auch menschlich ganz toll. Er ist locker, verständnisvoll, hat von Musik einen Plan und weiß, was er will. Wir haben im Vorfeld der Uraufführung schon viel mit ihm in seinem Studio zusammengearbeitet und das war sehr inspirierend und ein ganz harmonisches Miteinander. Wir hatten auch Promotionauftritte, bei denen Dieter am Klavier saß und ich am Mikro war. Das hat echt Spaß gemacht, weil man so etwas sonst ja nicht erlebt, dass man als Sänger vom Komponisten persönlich am Klavier begleitet wird. Das genieße ich sehr.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem unter anderem für die Neue Osnabrücker Zeitung und das Meller Kreisblatt. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Der Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort".

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Es gelten unsere Bedingungen zum Datenschutz sowie zur Nutzung / AGB. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen