#kulturerhalten (Foto: Marc Bell)
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Interview mit Christos Smilanis: „Für die Politik ist Kultur nicht systemrelevant“

Die Idee zur Aktion #kulturerhalten kam den beiden Kulturschaffenden Christos Smilanis und Hilmar Schulz bei einer Besprechung von gemeinsamen Veranstaltungen, die in Folge der Corona-Krise zur Disposition stehen. Smilanis und Schulz waren sich in einem Telefonat sehr schnell einig darüber, dass es weitreichende Konsequenzen für die deutsche Kulturlandschaft haben könnte, wenn Veranstaltungs- und Versammlungsverbote ausgesprochen werden.

Die eigene Situation reflektierend, haben die beiden dann, gemeinsam mit den Geschäftspartnern Marc Bell und Julian Köster, schnell entschieden, eine Facebook-Gruppe zu initiieren, in der sich Agenturen, Künstler und Veranstalter organisieren. Innerhalb dieser Gruppe entwickelte sich ein reger Austausch über Erfahrungen mit Behörden, neueste Entwicklungen der behördlichen Anweisungen und Hilfeportale für Künstler. Im Interview spricht der Künstleragent Christos Smilanis über die Aktion #kulturerhalten und darüber, was die Corona-Krise für die Kultur in Deutschland bedeutet.

Was will die Aktion #kulturerhalten in erster Linie erreichen?
Die Aktion #kulturerhalten zählt zurzeit über 5.200 Mitglieder und setzt sich für die nachhaltige Rettung der kulturellen Landschaft in Kleinkunst, Musik, Literatur und Schauspiel ein.

Warum fallen viele Kulturschaffende bei der Corona-Soforthilfe durchs Raster?
Viele freie Kulturschaffende haben in der Regel kaum betriebliche Ausgaben, arbeiten von zu Hause und können dadurch keine Sachkosten – und nur um die geht es bei der Soforthilfe – abziehen.

Kann man eigentlich erahnen, wie hoch die durch die Corona-Krise verursachten Verluste im Kulturbereich sind?
Durch die Absage von zahlreichen Veranstaltungen und der Schließung von Kunst- und Kulturstätten wird die Corona-Pandemie auch für die Kultur- und Kreativwirtschaft weitreichende Folgen haben. Laut Bundesregierung wird ein gravierendes Szenario immer wahrscheinlicher. In diesem Fall könnten sich die Umsatzeinbußen der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland auf bis zu 28 Milliarden Euro belaufen.

Kultur ist systemrelevant. Warum sieht die Politik das nicht?
Das ist eine gute Frage, die wir uns auch die ganze Zeit gestellt haben. Man bekommt das Gefühl, dass die Politik gerade zu Beginn der Krise die freie Kulturlandschaft nicht wahrgenommen hat oder nicht weiß, wie die Bedürfnisse aussehen und wie die freie Kultur funktioniert. Immer wieder geht es zum Beispiel nur um staatlich geförderte Institutionen und nicht um die kleinen nicht-subventionierten Theater. Diese haben keine Sommerpause wie die großen Staatstheater oder großen Orchester. Auch diese angeblichen Lockerungen gehen komplett am realen Leben vorbei. Ich kenne Veranstalter, die 330 Plätze haben und jetzt nur 64 besetzen können. Das ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht ein Desaster.

Wie kann die Politik den Kulturschaffenden am besten helfen? Ist das bedingungslose Grundeinkommen ein Thema?
Sie kann eine umsatzorientierte Ausfallgagenregelung beschließen, die vorsieht, dass die Akteure der Veranstaltungsbranche wirklich erreicht werden. Diese sollte sich am Kurzarbeitergeld orientieren und unter klaren Kriterien gewährt werden. Möglich wäre zum Beispiel die Heranziehung der Steuerbescheide und Jahresabschlüsse der letzten Jahre. Endlich auch erlauben, dass die Mittel aus der Soforthilfe für den Lebensunterhalt, angelehnt an die Regelungen von Baden-Württemberg, verwendet dürfen. Ein zeitlich befristetes bedingungsloses Grundeinkommen für alle Solo-Selbstständigen oder Kleinbetriebe wäre auf jeden Fall von Nöten, da es nicht nur jetzt zu extremen Ausfällen gekommen ist, sondern auch die freie Kulturlandschaft im nächsten Jahr gefährdet ist. Auch wenn die Theater irgendwann wieder komplett öffnen werden, heißt es nicht, dass die Zuschauer kommen werden. Die Buchungsquote und Auftragslage ist bei vielen Kulturschaffenden null.

Viele Millionen Menschen besuchen jedes Jahr kulturelle Veranstaltungen. Warum bekommt die Kultur in der Krise trotzdem so wenig Aufmerksamkeit?
Die Kultur bekommt Aufmerksamkeit, aber meiner Meinung nach nicht die richtige. Für die Politik ist Kultur nicht systemrelevant. Ich bekomme das Gefühl, dass sich die Politik am Anfang vor allem, und zum Teil auch jetzt, mehr um die staatlich geförderten Institutionen kümmert und die freie Kulturlandschaft vergessen wurde. Erst als die Stimmen der freien Kulturlandschaft lauter wurden, hat man angefangen, uns wahrzunehmen und über uns nachzudenken. Aber immer noch nicht richtig. Große Institutionen wie Staatstheater, Staatsballett und Oper sind für unsere Politiker Kultur, aber Comedy, Kabarett, Konzerte, Straßenkunst und viele andere Kulturformen gehören ebenso dazu. Vielleicht liegt es daran? Es gibt auch noch keine richtige Kultur-Lobby. Aber da sind wir mit #kulturerhalten dabei, dies zu ändern und etwas zu bewirken.

Interview: Dominik Lapp

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Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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