Ann Christin Elverum (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Ann Christin Elverum: „Cats ist ein Spielplatz für Erwachsene“

Für ein Engagement in Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“ kam Ann Christin Elverum nach Deutschland. Anschließend war die an der Ballettakademie in Göteborg und am London Studio Center ausgebildete Musicaldarstellerin in vielen weiteren Musicals im deutschsprachigen Raum zu sehen, darunter „Les Misérables“ in Berlin, „Elisabeth“ in Essen, „The Scarlet Pimpernal“ in Halle/Saale, „Dracula“ in St. Gallen oder „3 Musketiere“ in Berlin und Stuttgart. Seit Januar 2011 verwandelt sie sich allabendlich in eine Katze und schlüpft im Rahmen der „Cats“-Tournee in das Kostüm der Jenny Fleckenreich. Im Interview spricht die norwegische Künstlerin über „Cats“, Stephen Sondheim und ihr aktuelles Tourleben.

Sie haben in vielen neueren Musicals wie „3 Musketiere“ und „Dracula“ gespielt. Ist es da nicht eher ein Schritt zurück, jetzt in einem 30 Jahre alten Klassiker wie „Cats“ zu spielen?
Nein, das würde ich nicht sagen. „Cats“ läuft zwar schon seit 30 Jahren, aber wird auch ganz sicher noch viele Jahre laufen. Ich habe mich für „Cats“ entschieden, weil es für mich neu war. Es war spannend, noch dazu in einem Zelt und somit ganz anders als in einem gewöhnlichen Theater. Außerdem ist es toll, auf Tour zu sein. Wir sind immer wieder in anderen Städten, was ich wie einen kleinen Urlaub empfinde.

Als Darstellerin, die eher aus dem Charakterfach kommt, muss es doch wahnsinnig anstrengend sein, nun in einem Musical mit so anspruchsvollen Choreografien zu spielen, oder?
In der Probenphase war es sehr anstrengend. Parallel zu den Proben für „Cats“ hatte ich nämlich am Staatstheater Kassel Premiere mit „Into the Woods“ und habe dann für eine Show geprobt und in der anderen gespielt. Das war natürlich sehr anstrengend, da ich bei den Choreografien nie up-to-date war. Zum Beispiel hatten wir gerade den halben „Jellicle Ball“ gelernt, dann war ich in Kassel, kam zurück zu den Proben und alle waren schon viel weiter als ich. Aber ich habe es geschafft. Ich bin eine Sängerin, die ein bisschen tanzen kann – das finde ich echt cool. Es macht einfach Spaß. Denn normalerweise spiele ich ja eher dramatische Rollen, und da ist es schon cool, mal etwas albern auf der Bühne sein zu dürfen.

Sie haben also das Gefühl, durch Ihr Engagement bei „Cats“ noch einmal das innere Kind in sich geweckt zu haben?
Absolut! „Cats“ ist ein Spielplatz für Erwachsene. (lacht)

Haben Sie während der Probenzeit eigentlich verstärkt Katzen in ihren Bewegungen beobachtet, um sich eventuell etwas von ihnen für Ihre Rolle anzunehmen?
Nein, eigentlich nicht. Aber unsere Londoner Regisseurin Chrissie Cartwright hat mit uns katzenhafte Bewegungsfolgen einstudiert. Zwar haben wir Leute in der Cast, die „Cats“ schon mal gespielt haben. Aber genauso gibt es viele, die es noch nie gespielt haben. Deshalb haben wir zu Beginn der Proben auch an der katzenhaften Bewegung gearbeitet. Und mit der Zeit kam das dann auch von selbst. Man hat sozusagen die Katze in sich selbst gefunden und bewegt sich während der Show wie eine Katze, probiert Dinge aus, spielt mit dem Publikum. Aber echte Katzen habe ich nicht beobachtet.

Wie lange brauchen Sie denn inzwischen, bis Sie sich in eine Katze verwandelt haben?
Jetzt habe ich Übung, also ungefähr 30 Minuten. Am Anfang hat das natürlich viel länger gedauert. Da wir uns selbst schminken, wurden am Anfang immer mal wieder Fehler gemacht. Aber jetzt klappt es schneller.

„Cats“ ist ein Musical, das schon viele Generationen begeisterte. Als das Stück im Mai 1981 in London uraufgeführt wurde, waren Sie sechs Jahre alt. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kontakt mit „Cats“?
Das war erst 2002 in Berlin, wo ich es zweimal gesehen habe. In mein Engagement nun bin ich also relativ frisch gestartet. Ich hatte die Show seit 2002 nicht mehr gesehen, und dann hatten wir Workshops mit Chrissie Cartwright zur Geschichte von „Cats“, um die Story zu verstehen. Es ist wirklich ein schönes Stück und es gibt tatsächlich eine Story, auch wenn sie nicht jeder sofort versteht. Aber das kann ich nachvollziehen. Auch ich habe die Geschichte von „Cats“ nicht gleich verstanden, als ich es damals in Berlin gesehen habe.

Mittlerweile wird „Cats“ wie bei seiner Uraufführung wieder auf einer Rundbühne gespielt. Nehmen Sie das Spielen auf dieser Rundbühne denn anders wahr als auf einer klassischen Guckkastenbühne?
Ja, absolut. Denn wir spielen ja auf viel mehr Ebenen und in viel mehr Richtungen. Wir spielen nach vorn, nach links und nach rechts uns müssen uns in einem 180-Grad-Winkel bewegen. Es ist natürlich auch lustig, dass wir dadurch noch mehr Kontakt zum Publikum haben und noch näher an die Zuschauer herankommen. Wir können sie direkt anspielen und ihre Gesichter sehen. Das ist etwas, was ich noch nie zuvor in einer Rolle machen konnte. Das ist sehr herausfordernd, gerade auch, wenn man dann mal einen Mann anspielt, der mit verschränkten Armen dasitzt. Da sucht man sich dann vielleicht lieber jemand anderes im Publikum. (lacht)

Die Bühne sieht ja nicht so wahnsinnig groß aus, aber trotzdem agieren auf ihr in manchen Szenen bis zu 23 Darsteller gleichzeitig. Da muss die Gefahr doch nicht gerade gering sein, beispielweise den Ellbogen oder den Fuß eines Kollegen in die Rippen zu kriegen, oder?
Richtig, das kommt vor. „Cats“ ist sowieso eines der physisch anspruchsvollsten Musicals. Aber es ist hier ja alles etwas anders. Wir sind nicht in einem normalen Theater, sondern in einem Zelt. Da ist der Platz überall begrenzt, alles ist enger und kleiner. Auf der Bühne genauso, die zwar recht lang aber nicht so breit ist. Da gilt es aufzupassen. Mit der Zeit kennt sich die Cast aber so gut, dass das Zusammenspiel auf der Bühne sehr gut funktioniert. Trotzdem passieren auch mal kleinere Unfälle. Aber etwas Größeres ist zum Glück noch nicht passiert.

Und wie ist es für Sie, wenn Sie nahezu 24 Stunden am Tag und sieben Tage pro Woche mit Ihren Kollegen unter einem Zeltdach verbringen?
Manchmal kann es anstrengend sein. Aber wirklich nur manchmal. Ansonsten gibt es die Möglichkeit, auch mal seine Ruhe zu haben – und sei es nun mit Musik von einem MP3-Player im Ohr. Mit Musik ist es wirklich das Beste, sich zurückzuziehen. Wir haben hier ja kein Zimmer, in das wir uns zurückziehen können, wenn wir mal unsere Ruhe haben möchten. Glücklicherweise ist aber der Zusammenhalt unter den Kollegen sehr stark. Man hat sozusagen Freunde fürs Leben gefunden. Deswegen macht es einfach Spaß, eine Show wie „Cats“ gemeinsam erleben zu können. Wenn wir uns zum Beispiel mal ein paar Tage nicht gesehen haben, freuen wir uns sehr, wenn wir wieder alle zusammenkommen. Das ist echt cool.

Sie sind mit der „Cats“-Tournee alle paar Wochen in einer anderen Stadt zu Gast. Bleibt da zwischen Proben und Vorstellungen eigentlich noch Zeit, um die jeweiligen Städte kennen zu lernen?
Normalerweise bleibt dafür keine Zeit. In Berlin natürlich schon, da ich dort meinen Wohnsitz habe. Aber in den anderen Städten wie Hamburg und Hannover war dafür keine Zeit. Und wenn ich mal Zeit habe, dann ruhe ich mich lieber aus, mache Urlaub oder nutze die Zeit, um in meiner Heimat Norwegen in Theaterstücken – nicht nur in Musicals – mitzuspielen. Wobei ich sagen muss, dass mir Hannover ganz gut gefällt, auch wenn ich nicht so viel davon gesehen habe. Aber In der Altstadt gibt es so wunderschöne Häuser.

Und wo sind Sie und Ihre Kollegen während der Tour untergebracht?
Wir haben Hotels, manchmal auch Appartements.

Sie haben im deutschsprachigen Raum schon in mehreren Musicals mitgewirkt, letztes Jahr aber auch mal wieder in Ihrer Heimat gespielt. Wie kam es dazu?
Man kennt mich in Norwegen, hat bei mir angefragt und ich hatte endlich mal ein bisschen Zeit. Das mache ich auch in diesem Sommer, zwei bis drei Produktionen in Norwegen zu spielen. Mit „Cats“ haben wir dann nämlich eine kleine Pause, und ich weiß auch noch nicht, ob ich die Show danach weitermache. Deshalb spiele ich im Sommer erst mal in Norwegen und sehe dann weiter. Ich finde es einfach schön, dass ich das kombinieren kann und nicht nur eine Rolle achtmal pro Woche für ein Jahr spiele. Auch „Into the Woods“ in Kassel ist für mich eine gelungene Abwechslung.

Also suchen Sie weiterhin die Abwechslung, sowohl im deutschsprachigen Raum als auch in Norwegen auf der Bühne zu stehen?
Ja, das macht einfach Spaß. Andere Kollegen wollen vielleicht nur in Deutschland arbeiten. Aber wenn ich die Möglichkeit habe und es mir Spaß macht, in mehreren Ländern zu spielen, dann ist es okay.

In Deutschland sind wir es gewohnt, Musicaldarsteller aller Nationalitäten auf der Bühne zu sehen. Wie ist das in Norwegen? Stehen dort vornehmlich einheimische Darsteller auf der Bühne?
Ja, das sind meistens alles Norweger.

Um noch einmal auf Ihr Engagement bei „Into the Woods“ zu sprechen zu kommen: Sind Sie der Meinung, dass Werke von Stephen Sondheim häufiger im deutschsprachigen Raum aufgeführt werden sollten, auch wenn Sondheim hierzulande nicht so bekannt ist wie andere Komponisten?
Absolut! Sondheim sollte absolut häufiger gespielt werden. Wir Darsteller merken es in Kassel auch, was für einen Spaß das Publikum hat. Am Anfang reagieren die Zuschauer noch etwas verhalten und verstehen vielleicht noch nicht ganz, was da gerade auf der Bühne passiert. Aber nach 10 bis 15 Minuten finden sie es toll und lustig. Auch ich finde „Into the Woods“ unglaublich clever und lustig. Trotzdem gefallen mir nicht alle Sachen von Sondheim, da mir einige Stücke von ihm zu ernst sind. „Into the Woods“ dagegen finde ich sehr lustig, der Humor trifft genau meinen Geschmack. Deshalb gerne mehr Sondheim.

Was könnte denn der Grund sein, dass Sondheim hierzulande eher selten gespielt wird?
Ich denke, die Musik von Sondheim ist vielleicht etwas zu kompliziert und seine Stücke sind wahrscheinlich nicht kommerziell genug. Sie sind nicht kommerziell genug, dass Leute den Mut beweisen und hingehen. „Passion“ ist zum Beispiel ein schönes Stück, aber vielleicht etwas zu ernst und zu wenig lustig. Aber langsam bewegt sich ja auch etwas und immer mehr Theater spielen Sondheim: „Into the Woods“ war auf mehreren Spielplänen, „Company“ kommt, „Passion“ hatte dieses Jahr in Dresden Premiere. Es hat lange gedauert, aber ich glaube, dass deutsche Theater langsam auf Sondheim aufmerksam werden. Ich finde, das Publikum sollte auch seine Musicals erleben.

Ist es nicht ohnehin ein Problem, dass die Leute nur das sehen wollen, was Sie kennen?
Klar. Es gibt so viele schöne Musicals, auch kleinere Musicals wie zum Beispiel „Closer than ever“. Aber die Leute wollen nur die bekannten Shows sehen. Das ist sehr schade. Es gibt viele kleinere Musicals, die sehr gut sind und die es auch verdient haben, ihr Publikum zu finden. Leider kosten Musicalkarten inzwischen so viel Geld, dass die Zuschauer nicht mehr so mutig sind und lieber Karten kaufen für Stücke, die bekannter sind. Wir sehen es auch bei „Cats“ – die Leute kennen es und kommen in die Show. Ich weiß nicht, wie wir Tickets verkaufen sollten, wenn wir mit einem völlig unbekannten Stück auf Tour wären.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" sowie die Streaming-Konzerte "In Love with Musical" und "Musical meets Christmas".

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